Ss' Brotwegerl

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Zeitzeugendokument
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Ss' Brotwegerl ist eine private Geschichte, erzählt von Stefan Berger junior aus Liezen, bekannt auch als „Ebner-Steff“, Wörschachwald und Liezen.

Einleitung

Wörschachwald ist ein Hochtal auf ca. 1 100 m Seehöhe, liegt in der ehemaligen Gemeinde Pürgg (ab 1968 Gemeinde Pürgg-Trautenfels und seit 2015 Marktgemeinde Stainach-Pürgg), erreichbar von Tauplitz (sechs bis acht Kilometer). Bekannt ist der Spechtensee (Moorsee – Baden, Fischen, Bogenschießen), der „Spechtensee-Schlepplift“ sowie der Bauernhof „Tischler“ (Alpakaland-Betrieb) und die Gastbetriebe Gasthof Dachsteinblick, Gasthof Wörschachwalder Hof und Spechtenseehütte (bewirtschaftete Schutzhütte des ÖAV. Stainach.)

Ss' Brotwegerl

In der Gemeinde Stainach-Pürgg gibt es ein kleines schmales Wegerl und zwar „s´ Brotwegerl“ und jetzt muss geklärt werden, wie es zu diesen Namen kommt. Heute wissen viele nicht mehr, dass es in unserer Gegend zwei Brotträger gegeben hat. Einer war der Herr Emmerich, der ist von Untergrimming von der Bäckerei Stenitzer aus nach Wörschachwald gegangen, der zweite war der Herr Hübel, er ging von der Bäckerei Steinbrecher nach Wörschachwald.

Bleiben wir zuerst beim Herrn Emmerich. Er ging vom Stenitzer in Untergrimming hinauf über den Kapuzinersteg, vorbei an der Gerberei Schirl und der Säge und der Mühle vom Grahofer (beide Betriebe mussten der neuen Straße weichen) dann an der „Waldruhe“ vorbei und zum Brotwegerl, hinauf zum Kirchweg (heute Marterlweg) zum „Poserer“, „Gindl“, „Fiedler“ und „Dachsteinblick“ sowie „Pöreiter“ und „Brunner“ hinein bis zum „Rohrmoser“.

Es ist anzunehmen, dass der Herr Emmerich dieses kleine, schmale Wegerl selbst angelegt und begehbar gemacht hat, weil er dadurch eine enorme Abkürzung, auf seinen beschwerlichen Weg erreicht hatte. Natürlich sind dann auch wir Einheimische auf diesen Brotwegerl gegangen, wenn wir selbst zum Brotkaufen nach Untergrimming gehen mussten. Und so existiert dieses Wegerl heute noch und wir haben es extra mit einer kleinen Tafel beschildert und jetzt ist es ein liebes Wanderwegerl geworden!

Beide Brotträger haben jeweils am Freitag ihre Tour gemacht nur der Herr Emmerich ist zusätzlich jeden Tag, mit seinen geflochtenen Buckelkorb, gleich nach dem das Brot aus dem Ofen war, zuerst nach Pürgg (über den Bahnhof) hinauf gegangen und hat den Kaufhaus Adam sowie den Gasthäusern Krenn und Mössner, sowie allen Vermietern, frische Semmeln und Weißbrot gebracht.

Der Herr Hübel, ein großer starker Mann, hatte eine noch längere Tour. Von Furt aus zum „Winkler“ Steeg und hinauf übers Zlem zum Dörfl, dann hinein über“ Pollmann“ und „Magerl“ zum „Hechl“, „Tischler“, „Tiefenbacher“ und „Ernst“, „Grantsch“, „Ehmann“ und „Walz“ sowie „Stadler“ bis zum „Mojer“ in der Nähe des Spechtensees und zurück übers „Draxler“ und nach einer gemütlichen Rast ebendort, ging es weiter zu den Keuschlern „Hauser“, „Geiger“ und „Koller“ im Graben, schließlich zurück nach Klachau. Ein langer und beschwerlicher Weg, allein im Sommer aber besonders im Winter eine ganz gewaltige Leistung.

Dabei hatte der Herr Hübel ein zweites Geschäft, sozusagen in einem abwaschen erledigt. Er hat von den Bauern Butter eingekauft und hat diese, wahrscheinlich in Tauplitz an die Wirte und Kaufhäuser wieder verkauft.

Warum fast nur von Weißbrot die Rede ist

Schwarzbrot haben früher fast alle Bauern, jeder nach ihrem eigenen Rezept, selbst gebacken. Sie haben selbst Roggen angesät und in eigenen Mühlen zum Mehl gemahlen, nur der für Weißbrot notwendige Weizen, wächst in diesen Höhenlagen nicht mehr und daher musste, wollte man zum Sonntagsfrühstück etwas „Besonderes“ essen, Weißbrot zugekauft werden! Dies haben wohl die Bäckereien erkannt und je einen Brotträger eingestellt. Diese Männer waren Bäckergesellen und haben sich wahrscheinlich mit dem Brottragen einen kleinen Nebenverdienst erworben. Na ja, es ist so anzunehmen, denn es wäre ja im Normalfall ihre Freizeit gewesen, nachdem sie ja in der Nacht Brot gebacken haben, hätten sie am Tag ihre Freizeit genießen können oder dürfen.

Es ist leider nicht mehr zu eruieren, wann diese Brotträger eingeführt und wann sie genau wieder aufgehört haben. Das Ende muss nach dem Krieg zwischen 1950 bis 1955 gewesen sein. Der Weg nach Klachau wurde immer besser ausgebaut, mehrere junge Menschen sind jeden Tag zur Arbeit gefahren und haben dabei einkaufen können. Die Bauern konnten sich Weizenmehl kaufen und Mehlspeisen backen und so meine ich, wurde der Brotträger ganz einfach nicht mehr gebraucht! Allerdings im Krieg und lange danach, war für uns eine Semmel etwas ganz Besonderes und dazu der Spruch von der Großmutter meiner Frau: A warme Milch und a Semmel drein, kunnt koa bessers Essen sei!

Euer Stefan Berger, für alle Wörschachwalder noch immer der „Ebner Steff“! Liezen im Dezember 2021

Quelle

Erzählungen von Stefan Berger

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Gedicht

Aus und vorbei (Gedicht)

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