Die Elektrifizierung von Wörschachwald, Zlem, Dörfl und Lessern in der damaligen Gemeinde Pürgg

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Zeitzeugendokument
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Die Elektrifizierung von Wörschachwald, Zlem, Dörfl und Lessern in der damaligen Gemeinde Pürgg in den Jahren 1958 und 1959, erzählt von Stefan Berger junior, bekannt auch als „Ebner-Steff“ aus Liezen, bekannt auch als „Ebner-Steff“ in Wörschachwald und Liezen.

Über die Zeit der Elektrifizierung

Wörschachwald, Zlem und Dörfl liegen auf 1 000 bis 1 100 Meter Seehöhe.

Es ist leider nicht mehr eruierbar, warum es in diesen Ortschaften und Hochtälern bis zum Jahre 1958 gedauert hat, bis auch hier das „Licht“ aufgegangen ist. Es war tatsächlich im Sprachgebrauch, damals bei den Einheimischen, nicht vom Strom die Rede, sondern es hat immer geheißen, “Wann kimmt den dann das Liacht?“. War es der schlampige Bürgermeister, der zu wenig Druck gemacht hat, oder waren es die zu erwarteten Kosten, oder lag es an der Steweag (heute Energie Steiermark) selbst, dass dieses Gebiet so lange „finster“ geblieben ist?

Wenn man bedenkt, dass es rundum in allen Ortschaften bereits ganz normal war über einen Stromanschluss zu verfügen. Besonders schwer war es für jene, die irgendwo im Tal beschäftigt waren, den ganzen Tag Licht und Strom für Geräte und Maschinen zur Verfügung hatten und dann nach getaner Arbeit, in die „Finsternis“ zurück gehen mussten!

Gerade für „die“ war es schwer, den Unterschied zu verstehen und zu verkraften.

Lessern mit sieben Häusern

Besonders in Lessern, wo nur sieben Häuser betroffen waren, die 30 KV-Leitung (KV – Kilo-Volt; 1KV = 1000 Volt) zwischen dem Umspannwerk Trautenfels und Tauplitz, direkt durch den Ort und genau über die Häuser drüber verlief, noch dazu der Bürgermeister (Johann Gewessler vlg. Prechtl) in Lessern gewohnt hat, war wohl fast sicher die Finanzierung das Problem. Wenige Häuser und doch eine notwendige Trafostation, daher hohe Kosten und wenig zu erwartende Einnahmen, dürften der Grund der späten Elektrifizierung in Lessern gewesen sein. Schließlich wurde dann doch für die gesamte Region ein Projekt erarbeitet und die Kosten per Einheitswert als Anschluss-Gebühr sowie Eigenleistungen beim Leitungsbau errechnet und vorgeschrieben.

Für solche Bauvorhaben braucht es immer einen Ansprechpartner, einen Verantwortlichen, einen der das „Sagen“ hat, und dies war für Zlem und Wörschachwald sowie Dörfl, unser „Hans Dampf in allen Gassen“, Herr Johann Schachner vlg. Ehmann. Er war auch Bürgermeister-Stellvertreter, Feuerwehr-Hauptmann und Weggenossenschaft-Obmann. Ein Mann, auf dem man sich verlassen konnte, und im Nachhinein muss gesagt werden: „Er hat die Sache gut gemacht!“ Wer in Lessern dieses Amt inne hatte ist leider nicht bekannt.

Bei den ersten Versammlungen gab es neben einer gewissen Vorfreude, sehr wohl auch Bedenken. Vor allem wegen der zu erwarteten Kosten. Für die größeren Bauern waren die Kosten erschwinglich, denn die Holzpreise waren günstig und so wurde einfach mehr Holz geschlägert und damit die Kosten sehr leicht gedeckt. Dagegen die Keuschler hatten teilweise zu kämpfen. Es war ja nicht nur die Anschluss-Kosten, viel mehr war das Haus, der Stall und Nebengebäude, zu installieren, und es waren ja auch Anschaffungen von Elektrogeräten zu erwarten! Auf ein Bügeleisen haben die Bäuerinnen am schwersten und schon sehnsüchtig gewartet. Aber bis es so weit war, vergingen noch einige Monate.

Zuerst die zehn KV-Leitung von Tauplitz über Zlem nach Wörschachwald mit zwei Trafostationen. Eine direkt neben dem Weg zwischen Tauplitz und Wörschachwald, die Zlem und Dörfl zu versorgen hat. Die zweite, ungefähr in der Mitte des Hochtales. Später ist noch eine dritte Station im hinteren Ortsteil Wald dazu gekommen, somit ist das gesamte Tal mit dem „Liacht“ versorgt!

Wir selbst, eine Kleinlandwirtschaft, also ein „Keuschler“, hatten vier Schichten, das sind vier Tage Arbeitsleistung von einer Arbeitskraft zu leisten, und es waren natürlich Geldleistungen zu erbringen. Leider finde ich keine Unterlagen mehr, wie hoch diese waren. Es steht nur fest, es hat weh getan, aber die Freude auf das Licht, hat allen Schmerz vergessen lassen!

Ich erinnere mich noch, wir mussten zwei Tragmast-Löcher graben, eine weitere Schicht bei der Trafo-Baustelle verrichten und meine hochschwangere Frau war einen ganzen Tag beim Seilziehen dabei.

In Lessern war man schon etwas weiter und so konnte dort bereits einige Wochen vorher, nämlich am 23. November 1958 der Strom eingeschaltet werden und damit das „Licht aufgehen“.

... und eine Steckdose: „Genügt ja“, war die allgemeine Meinung!

Aber dann, knapp vor Weihnachten, war es auch bei uns so weit. Die damaligen Elektro-Firmen hatten alle Hände voll zu tun, um alle Gehöfte zeitgerecht zu installieren. Aus heutiger Sicht betrachtet, waren die Verteilerkästen und Leitungen ziemlich „kriminell“. Nur bei gemauerten Wänden wurden selbst- gezimmerte Holzkästen eingemauert. Die meisten Bauernhäuser sind aber aus Holz gezimmert und so konnten auch nur wieder Holzkästen, meist im Vorhaus angebracht werden. Der Stromzähler und ein paar Sicherungselemente sowie der FI (Fehlerschutzschalter) mussten Platz haben. Auch die Leitungen konnten in den Holzhäusern nur mit sogenannter „Aufputz“-Leitung und Aufputz-Schaltern und -Steckdosen verlegt und installiert werden. Aber es war da auch nicht allzu viel Aufwand betrieben worden. Zum Beispiel in der Küche: Eine Lampe über dem Tisch und eine am Herd, dazu die nötigen Schalter an der Tür und wenn es hoch herging, zwei Steckdosen im gesamten Raum, fertig! In allen anderen Räumen eine Lampe, dazu der Schalter und eine Steckdose. Dann noch der Stall. Ein Kabel mit Stahlseilverstärkung zum Stallgebäude und, je nach Viehbestand, zwei bis drei Lampen und eine Steckdose: „Genügt ja“, war die allgemeine Meinung!

Dann tauchte eine weitere entscheidende Frage auf: Eine Kraftsteckdose ja oder nein, und wohin? Na ja, einen E-Motor für die Kreissäge werden wir uns wohl kaufen, dann eine Jauchepumpe, mehr war erst nicht geplant, kost' ja alles einen „Haufen“ Geld!

Und wie ich schon eingangs erwähnt habe, das Wichtigste war vorweg das Licht!

Nicht mehr in finsterer Nacht ohne Licht auf´s „Häusl“ gehen müssen

Endlich kein Petroleum in fünf-Liter-Kannen auf langen Wegen von Klachau hereintragen, endlich der Gestank weg und dafür alles besser sehen. Nicht mehr in finsterer Nacht auf´s „Häusl“ gehen, welches vielfach nicht im Haus, sondern irgendwo am Stall, über der Jauchegrube angebaut war, das „Nachtgeschirr“ hat da so manchen Gang in die „saukalte, finstere Nacht“ erspart. Niemand kann sich heute vorstellen, wie es war, wenn bei einer Außentemperatur von oft 15 °C Minus und Schneetreiben mit hoher Windgeschwindigkeit, eine größere Notdurft, mitten in der Nacht aufgetreten ist und das Klo weit weg und kein Licht. Die Batterie in der Taschenlampe wieder einmal leer und wegen dem Wind, jede andere Lichtquelle unmöglich war. In solchen Situationen hat man sich so sehr, „wenigstens“, ein Licht, wie unten im Tal, gewünscht.

Endlich keine Kerze mehr, wenn etwas aus dem Keller geholt werden musste. Es gäbe noch viele Beispiele, aber es würde langweilig, daher nur eines noch.

Mein Vater war Schuhmacher und sein Augenlicht nicht mehr das Beste, er hat zwei Petroleumlampen vor sich stehen gehabt, um einigermaßen arbeiten zu können. Augengläser waren zu teuer und so war Nadel einfädeln zum Beispiel, eine Schwerstarbeit oder wenn es gleich gelungen ist, ein Glücksfall! Der Gestank in der kleinen Werkstatt war dementsprechend grausig, denn dazu hat er selbst geraucht und die Dämpfe vom Gummikleber noch dazu, hätten eine Gasmaske gerechtfertigt!

Noch viel schlimmer war es bei uns in der Küche und dem darüber liegenden Schlafzimmer. Nachdem bei uns eine Jausenstation war und der gesamte „Gästeverkehr“ sich in der Küche abgespielt hat, und die Bauern oft Tage und Nächte lang mit Kartenspielen beschäftigt waren, dazu starke Zigarren oder Pfeifen geraucht wurden, und schon am Nachmittag, wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, und zwei Petroleumlampen angezündet wurden, die dann jedenfalls bis Mitternacht, oft aber bis in den Morgen brennen mussten, kann man sich die „dicke“ Luft vorstellen.

Da war man dann froh, wenn am Morgen das Feuer im Herd gleich gebrannt hat, ansonsten war es nicht möglich ein warmes Frühstück zu bekommen und dann eben ohne Kaffee oder Tee, hinaus und zur Schule oder zur Arbeit.

Auch dazu gäbe es noch einige Erlebnisse, aber dies war ja dann im Dezember 1958 vorbei. Der Trafo Zlem-Dörfl, an dem wir angeschlossen wurden, wurde in Betrieb genommen. Endlich war der Strom und das Wichtigste: „Das Licht“ da!

Dies war für uns alle, da oben im Hochtal eines der schönsten Weihnachtsgeschenke, die man sich vorstellen kann.

Erst am 17. März 1959 wurde dann die Station Wörschachwald dazu geschaltet und somit war ganz Wörschachwald mit Strom versorgt. Der Lehrer Herr Zeiringer Willi war hocherfreut, weil er endlich seinen Schülern mit einen Stehbildapparat verschiedene Dinge zeigen konnte.

Die „Liachtfeier“ wurde dementsprechend am 5. April 1959 gebührend in der neuen Gaststube in der Jausenstation „Dachsteinblick“, im Beisein von Bürgermeister Johann Gewessler vlg. Prechtl, dem Bezirkshauptmann und Vertretern der STEWEAG gefeiert.

Wir hatten am 20. November Nachwuchs bekommen und daher war ein Flascherlwärmer die erste Anschaffung an Elektrogeräten. Schon allein dieses kleine Gerät, hat das Leben einfacher gemacht. Das Bügeleisen und eine kleine Kochplatte, wo die Heizspirale noch frei gelegen ist, das waren unsere weiteren „Errungenschaften“. Das kalte Frühstück war auf einmal Geschichte.

Ein Kühlschrank oder gar eine Waschmaschine mussten aus Kostengründen, auf die „Wäre-Schön“-Liste gestellt werden.

Die Petroleumkanne wurde irgendwo abgestellt, die Lampen auf dem Dachboden verfrachtet, aber man kam sehr schnell darauf, so ganz ohne diese Sachen, geht es nicht immer. So mancher Sturm oder ein Gewitter zogen über unser Tal, und schon war es wieder einmal finster. Da waren dann die alten Lampen wieder gut zu gebrauchen, der Rest an Petroleum rausgeleert und man war dankbar, dass da noch ein kleiner Rest vorhanden war. Auf so manchen Vorteil, die der Strom gebracht hatte, musste für Stunden oder Tage verzichtet werden.

Bei den Bauern war die Melkmaschine wohl eine der ersten Anschaffungen neben dem E-Motor für die Kreissäge und anderen Geräten. Auch im „Reich“ der Bäuerin kam es zu vielen Verbesserungen. Das schon erwähnte Bügeleisen, ein E-Herd mit Backrohr und einen Kühlschrank konnten sich die Bauern sehr wohl, durch den Holzverkauf leisten. Es kamen, wie überall, neue Geräte auf dem Markt und Erfindungen, die man sich damals nie vorstellen hätte können. Heute geht so viel, ganz allein, ganz automatisch, wie von Geisterhand, dank Strom!

Zwei Beispiele noch: Unser Nachbarsohn hat mir vor der Elektrifizierung einmal erklärt, er werde erst dann Bauer werden wollen, wenn der Mist im Stall automatisch abtransportiert wird, er nur im Bett liegen muss und auf einer Schalttafel alles zu schalten ist. Dass die Kühe automatisch gemolken und gefüttert werden! Damals reine „Hirngespinnste“ und heute ist dies alles wahr geworden, leider, der Nachbar hat es nicht mehr erleben dürfen.

Das zweite: Wir selbst wohnen seit 50 Jahren in einer Wohnung, in der ohne Strom rein gar nichts läuft. Der Trafo im Keller, leider kein Aufzug, aber eine E-Heizung und wenn der Strom mal länger ausfallen würde, müssten wir verhungern, denn es gibt keinen Herd und keinen Ofen im Haus, wir leben ständig vom und mit dem Strom, aber als ehemaliger Steweag-Mitarbeiter, auch ganz gut!

Ihr Berger Stefan, den Obengenannten als „Ebner-Steff“ bekannt.

Quelle

Erzählungen von Stefan Berger
Ss' Brotwegerl · Die Geschichte von den Chinesen und der Kirche in Pürgg · Der „Ebner Vater“ und das „Pürgger Gleut“ in der Kirche · Der Kapuzinersteg · Die Elektrifizierung von Wörschachwald, Zlem, Dörfl und Lessern in der damaligen Gemeinde Pürgg · Die Gründung des Fremdenverkehrsvereins Pürgg · Gamsjaga-HäuslGindl-Hörndl-Gipfelkreuz · Heuernte im Wandel der Zeit · Die Skiveranstaltungen in Pürgg vor und nach dem Zweiten Weltkrieg<br /
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Gedicht: Aus und vorbei

Beiträge aus dem Tagebuch der Anna Gasteiner