Die Geschichte von den Chinesen und der Kirche in Pürgg

Zeitzeugendokument
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Die Geschichte von den Chinesen und der Kirche in Pürgg ist eine private Geschichte, erzählt von Stefan Berger junior aus Liezen, bekannt auch als „Ebner-Steff“, Wörschachwald und Liezen.

Die Geschichte

Es muss in den Jahren 1949 oder 1950 gewesen sein. Genau lässt sich dies nicht mehr eruieren. Allerdings es war ein Ereignis, welches sich tief in meine „Erinnerungskästen“ eingeprägt hat und dazu kommt die Entwicklung im Fremdenverkehr, welche genau zur damaligen Geschichte dazu passt.

Die Kirche in Pürgg hat meiner Schätzung nach für 250 bis 300 Menschen Platz und zu Zeiten nach dem Krieg war es der Brauch, ja es war mehr oder weniger Pflicht und dem Glauben geschuldet, dass alles, was gesunde Beine hat, am Sonntag zur „Hochmesse“ geht. Wenn man jetzt weiter bedenkt, wie viele Orte die Pfarre Pürgg umfasst, nämlich Pürgg, Wörschachwald, Zlem, Dörfl, Lessern, Untergrimming, Unterburg, Neuhaus bzw. Trautenfels und Niederstuttern und dazu noch betrachtet, dass viel mehr Leute in jeden Haushalt, vor allem bei den Bauern, bei denen es öfters mehr als fünf Kinder gab und das Gesinde, die Mägde und Knechte, zuhause waren, so kann man sich auch vorstellen, dass die Kirche am Sonntag bis auf den letzten Platz „voll war“!

Es war auch ein solcher Sonntag, das Wetter schön und daher die Kirche „bumm-voll“, aber der Herr Pfarrer Dr. Pongratz war krank geworden war. Damals war es üblich, dass in solchen Fällen, ein Kapuzinermönch aus dem Kloster in Irdning die Vertretung übernimmt und die Messe gestaltet. Dieser Mönch war zu dieser Zeit mit den Begebenheiten in unserer Pfarre bestens vertraut und hat gewusst, dass die meisten Gläubigen aus dem Hochtal Wörschachwald und aus Pürgg kommen. So ist er, wie es damals noch der Brauch war, auf die Kanzel die Treppe hinaufgestiegen und hat „Denen da unten“ im gesamten Kirchenschiff, seine Meinung ordentlich „reingsagt“!

Er hat gemeint: Er empfinde durch seine Beobachtungen, dass in Pürgg und Wörschachwald, seiner Meinung nach, viel zu wenig Kinder geboren werden, wohlweislich hat er nicht davon gesprochen, dass zu wenig gezeugt werden! Er meinte weiter: Sollte er das Glück haben und in 30 bis 40 Jahren wieder einmal eine Messe lesen und von der Kanzel hinunter schauen dürfen, befürchtet er, dass da in den Kirchenbänken keine „Pürgger“ und „Wörschachwalder“ mehr sitzen werden, sondern lauter Chinesen!

Ein Raunen ging durch die Gläubigen und nicht jeder war mit dieser Aussage des „ausgeliehenen Gottesmannes“ zufrieden. Besonders einen Mann, Bauer in Wörschachwald Zlem 14 und Vater von sieben Kindern hatte diese Aussage derart in Rage gebracht, so dass er gleich nach der Messe eine „Halbe“ zu sich genommen hat. Am Heimweg dann im neu erbauten, allerdings noch sehr kleinen Gasthaus „Dachsteinblick“ ist der „gute Mann“ so richtig „in Fahrt“ gekommen. Er konnte sich nicht mehr ruhig hinsetzen und ist immer wieder aufgesprungen, hat mit der Faust in den Tisch gedroschen, dass die Gläser nur so gehüpft sind und immer wieder hat er geschrien: „Das lass ich mir nicht gefallen von „dem Pfaff“, der hat keine Ahnung von einer Familie und den Umständen, ich habe sieben Kinder in die Welt gesetzt und aufgezogen, da möchte „der Himmelsmann“ sagen, wir hätten zu wenig Kinder, „der Sach“ geh ich nach“!

Ja, „der Pollmann“ hatte recht, damals gab es, und dies besonders in diesem Hochtal, nur wenige Familien, die weniger als fünf Kinder hatten. Was der gute Mann aber nicht ahnen konnte, war oder ist die Tatsache, dass es ab den Jahren 1960 mit den Geburtenzahlen sehr steil bergab ging. Heute, 2022, sind bereits einige Bauernhäuser überhaupt leer, in anderen leben nur noch die Bauersleute und ein bis maximal zwei Kinder. Dies hat natürlich auch für die Kirche in Pürgg eklatante Folgen. War, wie gesagt, früher die Kirche am Sonntag beim Hochamt voll, so gab es erst kürzlich im April 2022 an einen Sonntag, nur 14 Personen, die die Hl. Messe besucht hatten.

Also hatte der Mönch aus Irdning sehr wohl eine Vorahnung und er hatte irgendwie recht. Auch in Bezug auf die Chinesen, denn diese sind in den letzten Jahren, scharenweise, per Flugzeug nach swiki:Salzburg[1] und ab da, mit Reisebussen bis nach Hallstatt gebracht worden. Also, weit hat es nicht mehr gefehlt und sie hätten tatsächlich Pürgg und damit die Kirche, so wie in Hallstatt „belagern“ können. Irgendwie ist aber alles anders gekommen. Die Chinesen sind nur auf Besuch in unsere Gegend gekommen und waren für Hallstatt bereits eine „echte Plage“. Ganz ehrlich, ich habe immer gemeint, eines Tages werden Reiseexperten auch Pürgg entdecken und zwar in Verbindung mit dem Besitzer einiger Objekte in Pürgg, dann „Gnade Gott dem stillen Ort“! Aber es ist eher „Corona“, diese heimtückische Krankheit, mit den Chinesen mitgekommen, dadurch wurden die Reisen untersagt und jetzt sieht man auch in Hallstatt wieder „normale“ Gesichter“.

So wird manche Vorahnung wahr beziehungsweise, es ist fast so gekommen, wie es voraus- gesagt wurde, nur „der Pollmann“ hat sich umsonst, so sehr aufgeregt.

Euer Stefan Berger, für alle Wörschachwalder noch immer der „Ebner Steff“! Liezen im Juli 2022.

Quelle

Fußnote

  1. Verlinkung(en) mit "swiki:" beginnend führen zu Artikeln im Salzburgwiki, dem Mutterwiki des EnnstalWiki
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