Der Brunner und die letzte Rauchkuchl

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Zeitzeugendokument
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Der Brunner und die letzte Rauchkuchl ist eine private Geschichte, erzählt von Stefan Berger junior aus Liezen, bekannt auch als „Ebner-Steff“, Wörschachwald und Liezen.

Die Geschichte

In Wörschachwald Haus Nr. 25 ist der Bauer vlg. Brunner urkundlich seit dem Jahre 1449, bestehend unter den Namen „Brunnbaugut“ und dem Erstbesitzer Mathe am Brunn, erwähnt.

Ob es damals schon eine Rauchkuchl gab, ist leider nicht bekannt, aber es ist anzunehmen, dass diese Art von Einrichtung schon damals gebräuchlich war. Ganz sicher ist bekannt, wer der letzte Besitzer oder besser gesagt, „Betreiber oder Benützer“ der letzten Rauchkuchl in Wörschachwald und Umgebung gewesen ist.

Mathias Egger vulgo Brunner

1924 hat ein Mathias Egger das „Brunner“ übernommen und 1949 dann seine Frau, die Tochter vom Nachbarn vlg. Rohrmoser, Frl. Franziska Schachner, als Mitbesitzerin eintragen lassen. Wann die Beiden geheiratet haben, kann leider nicht eruiert werden.

Zur Familie gehörte auch die Schwester des Bauern namens Hanna Egger, ein armes „Wesen“, auf die ich später noch kommen werde und ein gewisser Franz Heiß. Er ist als Kind aufgenommen worden, nachdem die Ehe kinderlos geblieben war. Franz Heiß war wohl auch als Erbe des Hofes vorgesehen, allerdings kam da der Krieg und Franz war an der Front und hat dort manches erlebt. Jedenfalls war die Idee mit dem Erbe ins Wanken geraten. Der „Brunner“ war arm wie eine Kirchenmaus und konnte dem Franz keinen Lohn zahlen und daher ging der Franz weg vom „Brunner“ und fing als Bauarbeiter an. Er lernte eine Frau kennen mit der er anfänglich sehr armselig und noch elendiger als beim „Brunner“ in einer alten „Badestube“ ohne Fenster und ohne richtigen Herd, ohne Bett und ohne jede Einrichtung, eine Zeit lang gelebt hat. Als dann ein Kind kam, hat die Gemeinde dafür gesorgt, dass er eine kleine Wohnung in Lessern beim „Leitner“ bekommen hat.

Jetzt war es beim „Brunner“ noch schlimmer. Schon im Krieg war kein kräftiger Mann mehr da und nachdem der Franz weg war, ist es noch schlechter geworden.

Ganz sicher ist, dass die Eheleute ein äußerst elendiges und armseliges Leben und Dasein geführt haben. Die Frau Egger war wohl aus lauter Liebe dem Mathias Egger verfallen und dieser behandelte seine Gattin als Sklavin, denn er war weitum der rückständigste Mensch, ein „Sonderling“ der Extraklasse! Es ist in der heutigen Zeit, also siebzig Jahre später, überhaupt nicht zu glauben, wie die Beiden gelebt und gewirtschaftet haben. Alles kann auch ich nicht wahrheitsgetreu und so wie es in allen Einzelheiten tatsächlich war, erzählen, nur Einzelheiten, die wir gesehen und erlebt haben. Allerdings, auch daran kann man erkennen, dass dies ein Bauer der extremen Art gewesen ist. Dazu muss gleich der Vergleich zu seinen Nachbarn und Schwager, dem „Rohrmoser“ erwähnt werden. Dieser war genau das Gegenteil von rückständig, er war für die damalige Zeit der fortschrittlichste Bauer im ganzen Tal und weit darüber hinaus. Wie zwei Bauern und noch dazu verschwägert, mit so unterschiedlichen Auffassungen, so lange friedlich nebeneinander Arbeiten und Wirtschaften konnten, ist schwer zu verstehen.

Es ist daher notwendig, dass eine weitere Geschichte über den „Rohrmoser“ geschrieben wird. Erst dann wird klar, wie es wirklich war, vor 70 Jahr.

Es ist vielleicht gar nicht richtig und es steht mir überhaupt nicht zu über unseren Nachbarn zu urteilen. Ob der gute Mann richtig oder falsch gehandelt hat und ob er nur arm oder doch ein wenig geistig beschränkt war, oder ganz einfach nur nicht anders konnte.

Wie immer es war, ich erlaube mir nur meine Beobachtungen und unsere Meinungen dazu festzuhalten, um der Nachwelt zu zeigen, wie sehr sich Menschen plagen und einschränken, obwohl es ganz anders gehen könnte, wie es eben bei den zwei Nachbarn augenscheinlich war.

Ich bin 1935 geboren und ab dem Jahre 1941 jeden Tag am Schulweg beim „Brunner“ vorbei gegangen und wir waren Nachbarn. Der „Brunner“ war bei meinem Vater, dem Schuhmacher in Wörschachwald, Kunde und wir hatten eine Wiese, die direkt an die Gründe vom „Brunner“ angrenzte. In der Chronik von Pürgg ist zu lesen, dass vlg. Ebner, also mein Heimathaus und der Bauer vlg. Brunner vor vielen Jahren, irgendwie zusammen gehört haben. Daher ist wohl die Wiese neben dem Brunner in den Besitz „Ebner“ übergegangen.

Nachdem wir Nachbarn waren und ständig miteinander und nebeneinander zu schaffen hatten, haben wir so manches mitbekommen und erlebt und davon ein paar Auszüge:

Die Geschichte mit dem Pferd

Als erstes muss ich bei seinem Pferd beginnen. Dazu gleich eine Aussage meines Schwiegervaters. Er meinte: „Wenn er wieder auf die Welt kommen sollte, möchte er beim „Brunner“ ein „Ross“ werden, denn da braucht er nicht viel tun“! Und so war es auch. Das Pferd wurde nur eingespannt, wenn es anders nicht mehr ging, wenn also die Manneskraft vom Bauern und seiner Frau nicht mehr ausgereicht hat, dann kam das Ross zum Zug. Im wahrsten Sinn des Wortes!

Dazu einige Beispiele: Alle Bauern rundum hatten zum Langholztransport einen sogenannten Halbschlitten und daran einen zweiten, einen sogenannten Untersetzer angehängt. Dadurch war es möglich, bis zu 3 Festmeter Langholz (4 Meter) zu transportieren. Dies war interessant, weil der Weg vom Lagerplatz in Wörschachwald bis zum Bahnhof Tauplitz doch bis zu 5 Kilometer betragen hat und dafür vergingen für den Hin- und Rückweg bis zu 4 Stunden. Es ging also darum, die Leistung zu steigern um das Holz möglichst rasch zum Bahnhof zu bringen. Nicht so der „Brunner“. Er hat sein Pferd schonen müssen und hat nur einen leichteren Halbschlitten verwendet. Darauf wurden höchstens 4 mittlere Bloche geladen und ab zum Bahnhof. Aber die größte Kuriosität kommt erst. Diese Blöcher wurden mit einer Kette am Schlitten befestigt und dazu ganz am Ende, auch noch einmal mit einer Kette zusammengehängt. Dadurch wurde gewährleistet, dass die Blöcher eine gewisse Spurbreite nicht überschreiten konnten. Und jetzt kommt`s: Diese Ketten, die normal auf der Rückfahrt am Schlitten hängen oder liegen, wo sie auch hingehören, und der Fuhrmann hat sich in der Regel eine Decke draufgelegt und sich daraufgesetzt und so die Heimfahrt zum Ausrasten genützt. Nicht so der „Brunner“. Der hat an den Steigungen nicht am Schlitten Platz genommen, wie es alle anderen Fuhrleute gemacht haben, nein, er ist hinten nach gegangen und hat noch dazu die schweren Ketten getragen!!!

Die Geschichte mit der Heuernte

Eine zweite Geschichte: Bei der Heuernte wurden von den meisten Bauern, wegen verschiedener Hanglagen, zum Einbringen des Heus Rumpeln verwendet. Rumpeln sind schlittenähnliche, aus Brettern gezimmerte, sehr niedrige Transportgeräte, einzig und alleine nur zum Heutransport für kurze Strecken gedacht und verwendet. Normale Bauern haben auf diesen Rumpeln ganz schöne hohe Heuhaufen darauf geladen. Ein Mann hat das Heu fest zusammengetreten und durch ein geschicktes Verteilen des Heus wurden schöne viereckige Fuhren, die dann von Ochsen oder eben einem Pferd zur Tenne gebracht wurden. Dort in der Tenne gab es eine besondere Schnellablade-Vorrichtung und schon konnte die nächste Fuhre geholt werden. Nicht so beim „Brunner“: Der hat auf diese Rumpel nur so viele Gabeln voll Heu draufgelegt, wie es von sich aus, alleine oben liegen blieb. Nichts zusammentreten, nicht hoch aufladen, lieber öfter fahren und dabei das arme Pferd schonen, dass war seine Devise! Dazu muss auch erwähnt werden, dass er zwei Leistenbrüche schon seit Jahren hatte. Eine Operation kam aus Kostengründen nicht in Frage und eine Versicherung gab es natürlich so und so nicht. Er war so richtig arm und hatte schwere Schmerzen und dies erlebte ich hautnah, als wir ihm eines Tages beim Mähen helfen durften.

Weil es einfach fast nicht mehr ging, hat er meinen Vater gebeten, dass wir ihm beim Mähen helfen möchten. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt und kräftig und habe mich, als Zweiter, hinter dem „Brunner“ mit der Sense angestellt. Hinter mir mein Vater und dies ging aber nur einige Meter gut. Der Brunner hat immer wieder innegehalten und hat sich an den Bauch gegriffen und dabei vor Schmerz gewimmert, wie ein „kleiner Hund“. Eine Zeit lang habe ich dieses Drama einfach hingenommen, aber wir hinten nach sind umsonst gestanden und die Zeit verging, ohne dass wir viel ausgerichtet hatten. So ergriff ich die Initiative und habe mich mit meiner Sense einfach vor dem „Brunner“ angestellt. Dies ging aber schief. Nein, nein sagte er zu mir, dass geht überhaupt nicht, denn Bauer ist immer noch er, und der Bauer muss voraus mähen! Die Folge: Wir haben ihm nie mehr Mähen oder Sonstiges geholfen.

Der Viehbestand dieses Kleinbauern und wie er ihn behandelte

Diese Beispiele zeigen wohl genau wie „dumm“ dieser Mensch gewesen ist. Alle Erlebnisse zu schreiben würde ein ganzes Buch ergeben und man soll Verstorbene „in Ruhe lassen“. Aber weil es immer wieder Leute gibt, die wissen möchten, wie es wirklich war, veranlasst mich das, doch weiter zu erzählen.

Um weitere Geschehnisse begreifbar zu machen ist es vielleicht wichtig, erst einmal auf den Viehstand dieses „Kleinbauern“ hinzuweisen und wie unterschiedlich er seine Tiere behandelt hat.

Der Viehstand: ein Pferd, sechs Kühe, vier bis acht Jungrinder, drei Schweine, sechs bis zehn Schafe, sechs bis acht Hühner, einen Hahn zwei bis drei Katzen und drei Hunde.

Lieblingstiere: Das Pferd und die drei Hunde! Unbeliebte und schwer misshandelte Tiere: Die Schweine!

„Beim Sauabstechen muas a Gaudi geben“

Die Schweine waren beim“ Brunner“ , wie man so sagt – wortwörtlich - „Arme Schweine“.

Vom kleinen Schweinchen an, wurden diese „Viecher“ ganz einfach schlecht gefüttert und waren Zeit ihres Lebens unterernährt. In der Regel bringt eine normal gefütterte Sau mit 12 Monaten Lebenszeit ca. 100 kg auf die Waage. Dem „Brunner“ seine aber nur 40 bis 50 kg. Normal hat eine Sau so viel Fett am Körper, dass Rippen und Rückgrat nicht zu erkennen sind. Nicht so dem „Brunner“ seine. Da sah man die Rippen und das Rückgrat war so klar erkennbar, wie bei einer Ziege. Dazu muss gesagt werden, dass für diese „Verfehlung“ dem Bauern selbst nicht unbedingt die Schuld zuzuschreiben ist, denn Schweinefüttern war wohl Aufgabe der Frauen. Dies machte sich auch beim Schlachten der armen Viecher bemerkbar. Wenn die Sauen einen Mann erblickten, waren sie scheu wie ein Reh und kletterten, dank ihrer schlanken Figur, ganz einfach im Stall die Wände hoch, wohl vor Angst. Sie erkannten scheinbar sofort, kommt ein fremder Mann in den Stall, geht es einer Sau „an den Kragen“. Und gerade hier beim „Sauabstechen“, da zeigte der Bauer seine wahre Tierliebe, die im Vergleich zum Pferd, verrückter (entgegengesetzter) nicht sein konnte.

Zum Schweineschlachten wurden einige Männer eingeladen und auch dringend gebraucht, denn das Schwein durfte vor dem Abstechen nicht wie üblich, betäubt werden. Er sagte wortwörtlich: „Beim Sauabstechen muas a Gaudi geben“! Es sei dies die einzige Hetz für ihm, im ganzen Jahr.

Das sich so ein Tier, welches erstens Angst vor Männern hatte und ausgewachsen und dazu rank und schlank, über eine Menge Kraft verfügte, ist klar. Mit Strick und Ketten, sowie mit aller Gewalt wurde das arme Tier aus dem Stall gezerrt und auf einen Schlitten geworfen. Nicht selten waren Hautabschürfungen bei den Schlächtern die Folge, bis dann endlich der Bauer selbst den tödlichen Stich getätigt hat. Es dauert dann noch lange, bis alles Blut vergossen war und die „Gaudi“ seinem Ende zuging. Ich selbst habe dem „Brunner sein Fest“ ein einziges Mal in der ganzen Länge miterlebt und das hat mir gereicht! Auch mein Vater, der einige Male bei dem „Schlachtfest“ dabei war, hat später immer eine Ausrede gefunden, um dieser „Unart“ auszuweichen.

Das Fleisch wurde eingepökelt und dann nach ca. 2 Wochen, praktischerweise, direkt in der Küche über dem offenen Feuer, mit Drahthaken zum Selchen aufgehängt. Üblicherweise gibt es auch Speck in rauen Mengen, der blieb beim „Brunner“ aus und die wussten damals schon, dass zu fettes Essen nicht gesund ist.

Zu den Rindern ist nicht viel zu sagen. Dass die Zahl der Rinder für das kleine Anwesen etwas zu hoch war, war daran zu erkennen, dass alle Rinder im Frühjahr beim ersten Tag auf der Weide „Zaubmatterdürr“ gewesen sind. Die Milchleistung dementsprechend gering und der Erlös beim Verkauf eines Tieres, ebenfalls sehr schlecht. Die Milch wurde damals so und so nicht verkauft oder an eine Molkerei geliefert, sondern selbst zu Butter, Käse, Topfen und Schotten verarbeitet. Diese Milchprodukte waren neben Kartoffeln und den Eiern, dem selbst gebackenen Brot, die Ernährungsgrundlage für die Bauern allemal.

„Brunner-Brot“

Zum „Brunner-Brot“ muss auch eine Bemerkung gemacht werden. Weil ich als Kind und später als Schuhmacher-Lehrling in fast allen Bauernhäusern im ganzen Tal irgendwann ein Stück Brot bekam, kann ich auch von den unterschiedlichen Brotsorten etwas berichten.

Und da fällt etwas ganz besonders auf. Beim „Rohrmoser“, dem Heimathaus der „Brunnerin“, gab es weitum das beste Bauernbrot, dagegen nur ca. 300 Meter entfernt, das Schlechteste. Dieses Brot war nur ein paar Tage nach dem Backen normal genießbar, so ab der ersten Woche konnte man es ohne in eine Flüssigkeit, meist eine Rahmsuppe oder eine Milch, einzuweichen, nicht mehr beißen. Es wurde nämlich hart wie Stein und daher gab es beim „Brunner“ zu fast jeder Mahlzeit eine Schottsuppe mit geschnetzeltem Brot und Kartoffel. Etwas Kümmel aus dem eigenen Feld ist eine feine Sache. Nur jeden Tag und sogar öfters am Tag?

Ich habe mich wegen des Brotbackens erkundigt. Warum hat die „Brunnerin“, die doch wusste, wie bei ihr zuhause das Brot gemacht wird, nicht ein selbes gebacken oder besser gesagt, angerichtet. Sie musste doch wissen, wie es geht, von daheim aus. Die Antwort: Sie durfte nicht! Ein kleiner, armer, kranker Mann, aber ein Herrscher über zwei Frauen, seiner Frau und seiner Schwester Hanna.

Hanna, die Sennerin

Diese Hanna war nicht nur die Schwester, sie war die Sennerin. Sie betreute das Rindvieh praktisch das ganze Jahr über, obwohl ihr bei einem Unfall mit einer Kuh, ein Kniegelenk zertrümmert wurde und damals gab es keine Behandlung durch einen Arzt oder ein Spital. Das Knie blieb Zeitlebens steif. Trotzdem ging sie jedes Jahr als Sennerin auf die Interhüttenalm, wo der „Brunner“ ein Almrecht besessen hat. Die arme Hanna ging bereits um drei Uhr früh beim „Brunner“ weg, damit sie um 9 Uhr am Abend in ihrer Almhütte „einziehen“ konnte. Zum Vergleich, auch ein normaler Geher braucht für diesen beschwerlichen Weg übers Dörfl und Zlem, hinauf durch den Riesen, am Schwarzen See und der Leistalm vorbei, gute 4 Stunden. Diesen Weg musste auch der Knecht, der Franz Heiß, jeden Sommer, jede Woche einmal rauf und einmal runter gehen. Die Butter und der Käse, den die Sennerin da oben erzeugt hat, musste heruntergetragen werden und als „Gegenfuhre“ sozusagen, brachte der Franz ein paar Lebensmittel hinauf. War sicher nicht viel, aber vielleicht etwas Zucker und Salz, Brot und eventuell Zündhölzer. Ganz einfach Sachen, die es auf der Alm nicht gibt. Zum Leben braucht eine Sennerin nicht viel, denn die ernähren sich weitgehendst auch ausschließlich von den Produkten, die die Rinder hergeben, eben Milch, Butter, Käse und Rahm. Nebenbei zu erwähnen, das gute und sehr sättigende „Rahmkoch“.

Zurück zum Bauern selbst und seinen Tieren. Die Katzen waren einfach da um die Mäuse zu vertilgen, also eine Notwendigkeit. Noch wichtiger waren da die Hühner wegen der Eier, denn die Eier waren für die Ernährung wichtig. Daher wurden die Hühner im Winter auch in die Küche“ einquartiert“, weil sie im kalten Stall keine Eier legen würden. Neben dem Liebling, dem Pferd, gab es noch die Allerliebsten, nämlich, drei Hunde!

Zeitlebens und wenn das Essen noch so karg und wenig gewesen ist, drei Hunde mussten sein, warum weiß kein Mensch.

Davon gab es einen Lieblingshund. Es war ein Jagdhund, der zu meiner Schulzeit der Lieblingshund gewesen sein dürfte, denn dieser durfte beim „Herrl“ im Bett schlafen. Die beiden anderen, meist Mischlinge von irgendwo her, mussten im Stall bei den Kühen die Nacht verbringen.

Von der gescheiterten Hofübergabe und einem eigenartigen Osterfeuer

Dem Nachbarn und Schwager ist natürlich aufgefallen, dass es beim „Brunner“ nicht mehr länger so weitergehen kann und hegte einen Plan aus. Er überredete seinen Schwager wohl, dass er seinen Besitz dem jüngsten „Rohrmoser-Sohn“, dem Hans, damals 18 Jahre jung, übergeben soll. In Anbetracht der schwierigen Lage stimmte der „Brunner“ zu, hatte sich aber eine Bedingung ausgedacht. Ich meine es war eine Finte, er hat gehofft, dass der Hans dieser Idee nicht zustimmen wird und die Idee verworfen werden kann. Er hat nämlich verlangt, dass der junge Bauer unbedingt seinen Namen ändern muss, denn der Name Egger müsse auf dem Hof bleiben. Obwohl dies eine Schnapsidee war und der junge Mann dazu sogar großjährig erklärt werden musste, ging die Familie Rohrmoser darauf ein. Das dadurch die angrenzenden Wiesen und Wälder, irgendwie einmal zum „Rohrmoser“ dazu fallen könnten, war wohl der Hintergedanke von der ganzen Sache.

Hans zog beim Brunner 1948 ein und dazu seine Freundin Ilse. Zu einer Übergabe kam es jedoch noch nicht, der „Brunner“ wollte „auf Nummer sicher gehen“ und die „Jungen“ erst mal „testen“. Die Beiden, weil noch nicht verheiratet, durften auch nicht zusammen schlafen. So schlief die Ilse bei der Hanna im Zimmer und der Hans musste am „Troatkasten“ (Getreidespeicher) auf einem selbst gezimmerten Bett mit Strohsack schlafen. Übrigens, es gab damals im ganzen Haus kein von einem Tischler gefertigtes Bett oder Möbelstück. Es waren alle Möbel nur aus ungehobelten Fichtenbrettern zusammengenagelt und im Bett, die überall gebräuchlichen Strohsäcke.

Der junge angehende Bauer wollte erst einmal die Wohnsituation verbessern und hat bei der Rauchkuchl begonnen. Dazu musste ein Viertel des Hauses abgetragen und anstatt der Zimmerung wurde mit Ziegeln ein neuer Raum geschaffen. Ein richtiger Kamin aufgemauert und ein Tischherd angeschafft. Die angehende Altbäuerin, die in jungen Jahren als Köchin tätig war, hat sich gefreut, endlich etwas Gescheites kochen zu können, ein Backrohr und fast immer warmes Wasser im „Schiff“ zu haben. Doch aus all dem wurde nichts, es kam zum „Zusammenbruch“ all dieser schönen Pläne und Ideen, wohl durch die Dummheit des Bauern namens Mathias Egger.

Es war alles fertig, der Tischherd bereits in Betrieb und es war zum ersten Mal warm in der Küche. Es rauchte nicht mehr und es zog beim Fenster nicht mehr herein. Der Alte beklagte sich darüber, dass „das Koch“ (Sterz) nicht mehr so gut sei, weil keine Kohlestücke mehr drinnen sind. Diese Kohlestücke sind beim offenen Feuer tatsächlich immer in „das Koch“ gespritzt. Auch, weil das Geselchte nicht mehr über dem Herd hängen konnte und so weiter.

Es kamen die Ostern 1951, die ersten Ostern in der neuen Küche und es war und ist heute noch der Brauch, in der Nacht von Karsamstag auf den Ostersonntag, ein Osterfeuer anzuheizen. Dazu wurden Gegenstände verheizt, die beim Frühjahresputz angefallen sind, aber unbedingt musste der alte geweihte Palmbuschen vom vorigen Jahr mitverbrannt werden. Dies geschieht in der Regel draußen am Feld unweit des Hofes. Der „Brunner“ hatte da schon seit Jahren einen anderen Ort für sein Osterfeuer gewählt, nämlich die Rauchkuchl! Da brauchte er nicht nach draußen gehen und ward vom Wind und Wetter unabhängig. Jetzt war aber auf einmal der offene Herd nicht mehr da und jetzt kam es zum Eklat! Der „Dickschädel“ ward wohl von allen „guten Geistern“ verlassen, ward es Bosheit oder Dummheit, ich meine es ward ersteres, er zündete auf der Herdplatte vom neuen Tischherd, in der neu ausgemalten und mit neuen Vorhängen versehenen Küche, das Osterfeuer an. Im selben Moment stand die Küche voll mit Rauch, gab es doch keinen Kamin mehr, wie beim offenen Feuer und alle Mühe, eine schöne Küche zu haben, ward mit einem Schlag „Geschichte“!

Dieses und noch ein paar weitere Ereignisse veranlasste das junge Paar zu „kapitulieren“. Sämtliche Abmachungen und Vereinbarungen wurden für „null und nichtig“ erklärt. Hans hatte wieder seinen alten, seinen richtigen Namen angenommen, er entschied sich, das Mauerer-Handwerk zu erlernen und baute sich in Pürgg („Weißinger“) ein Haus. Als „Trostpflaster“ für alle seine Mühen und Sorgen, sowie für die Arbeit am „Brunner Hof“, bekam er 100 Festmeter Bauholz aus dem „Brunner Wald“. Er heiratete seine Ilse und ging später zur Eisenbahn.

Theresia Zandl vlg. Pollmann

Am „Brunner Hof“ ging es spannend weiter. Der „Alte“ konnte nicht mehr arbeiten, es musste eine rasche „Lösung“ her. Jetzt setzte er seine Schwester, die Frau Theresia Zandl vlg. Pollmann ohne jede Bedingung, außer dem Bleiberecht und dem Ausgedinge für alle Drei, als Erbin ein.

Ein neues Kapitel begann beim „Brunner“. Als „Bewirtschafter“ sozusagen wurden die Kinder Hans und Theresia Zandl eingesetzt. Die „Oberaufsicht“ hatte allerdings der Vater Hermann Zandl vlg. Pollmann. Die drei „Brunner Leute“ starben relativ rasch und dadurch war es dem neuen Besitzer möglich, ein neues Haus zu errichten und schließlich übernahm der Hans Zandl das Vlg. Brunner. Er heiratete eine Frau aus Liezen, Herlinde Forstner.

Hans Zandl das Vlg. Brunner

Nachdem die Arbeit am Hof immer weniger Ertrag abwarf, die Frau für die Landwirtschaft so gar nichts übrig hatte und der Hans, durch einen als Kind erlittenen Unfall, körperlich eingeschränkt war, hat er mit dem Vieh aufgehört und ist zuerst bei der Raiffeisenkasse und später als Gemeindesekretär einer Nebenbeschäftigung nachgegangen. Eine Besonderheit muss für meinen Freund hier untergebracht werden. Er war besonders gescheit und hat als Bankbeamter, in der Zeit als die Taschenrechner erfunden wurden, schneller Kopfrechnen können als diese „neuen Dinger“. Aber besonders zu erwähnen war seine Begabung mit Geburtsdaten. So wusste er von allen ca. 1050 Gemeindebewohnern der damaligen Gemeinde Pürgg-Trautenfels die Geburtstaten auswendig.

Die Ehe war nicht besonders glücklich und die beiden wurden nicht sehr alt. Hans wurde durch einen Herzinfarkt mit 50 Jahren aus dem Leben gerissen und seine Frau folgte ihm nur einige Monate später durch einem Verkehrsunfall. Heute ist die älteste Tochter Ingrid die Eigentümerin. Sie war nach dem Ableben ihrer Eltern mehr oder weniger gezwungen worden, sofort zu heiraten, damit ihre Geschwister nicht in ein Heim eingewiesen werden. Die Ehe „ging schief“, eine zweite ward auch nicht sehr gut, die beiden lebten dann getrennt und schließlich verstarb der Mann frühzeitig. Ein Bruder verunglückte durch einen Absturz am Berg. Es gibt seit Jahren kein Vieh mehr am Hof, die Wiesen sind verpachtet. Jetzt allerdings gibt es nicht nur einen „neuen Mann“ am Hof sondern auch wieder Tiere. Den Gerüchten nach soll ein „Gnadenhof“ für alte und arme Tiere entstehen und da schließt sich der Kreis, denn schon das Pferd vom Brunner genoss so eine „Art Gnade“ auf diesen Hof!

Man kann die Pläne der Beiden nur gutheißen und dazu viel Glück und Segen wünschen. Dem „Brunner Hof“ wäre es zu wünschen, wenn nach vielen sehr bewegten Jahren, endlich eine Zeit käme, die man als „Erfolgsgeschichte“ bezeichnen könnte?!

Liezen, am 8. September 2022

Quelle

Erzählungen von Stefan Berger
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