Von Tauplitz nach Iklad

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Das Bild zeigt das Kulturhaus in Iklad in Ungarn. Auf dem Wegweiser links steht "Tauplitz 540 km".
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Iklad.

Der Beitrag "Von Tauplitz nach Iklad" schildert die Vorgänge und Zusammenhänge rund um die grausame Ennstaler Protestantenvertreibung nach Iklad im Jahr 1752. Autor des Beitrags ist Wolfgang Otte aus Stainach-Pürgg.

Reformation mit Rückschlägen

Am 31. Oktober 1517 heftete Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel an das Portal der Schlosskirche von Wittenberg. Innerhalb weniger Wochen drang die Kunde dieser reformatorischen Gedanken bis in die Obersteiermark. Begünstigt wurde dies durch die Knappen, die mit Salzburger und deutschen Bergrevieren in Kontakt standen. Obwohl das Luthertum auch in weiten Kreisen der bäuerlichen Bevölkerung Anklang fand, standen vor allem Bergleute im Mittelpunkt der Protestbewegung, die im Knappen- und Bauernaufstand 1525 – der nahezu die gesamte Obersteiermark bis Leoben erfasste – ihren ersten Höhepunkt erreichte. In einer vom Landesfürsten Erzherzog Ferdinand I. befohlenen Strafexpedition eroberte eine Söldnertruppe unter Niklas Graf Salm die Stadt Schladming und zerstörte sie. Zahlreiche Aufständische wurden hingerichtet, in anderen Orten wie Aussee[1] und Gröbming die Häuser der Rädelsführer niedergebrannt.

Die protestantische Familie Hofmann, die im 16. Jahrhundert die Burgen Strechau und Neuhaus (heute Schloss Trautenfels) besaß, unterstützte großzügig den Bau der ersten lutherischen Kirche im Ennstal. Das 1574 in Sichtweite der Pfarrkirche auf der Pürgg errichtete Gotteshaus erfreute sich eines regen Zulaufs der evangelischen Gläubigen.

Gegenreformation und Geheimprotestantismus

Mit dem Einsetzen der Gegenreformation unter Erzherzog Ferdinand II. verschärfte sich die Situation der Protestanten zusehends. Unter der Leitung des Admonter Abtes Johann Hofmann und von rund 800 Söldnern begleitet, versuchte im November 1599 eine Reformationskommission den Widerstand der „Ketzer“ in der Obersteiermark zu brechen. Über Eisenerz, Aussee und Gröbming gelangte die Schar nach Schladming und vertrieb die evangelischen Prediger. Bürger und Bauern mussten den Eid auf die katholische Kirche ablegen, Tausende protestantische Bücher gingen in Flammen auf. Am Rückweg erfüllte sich auch das Schicksal der Kirchen von Au, Neuhaus und Rottenmann – sie wurden vollständig zerstört.

Nicht auslöschen konnte die Reformationskommission allerdings die Kraft des im Geheimen weiterlebenden Protestantismus. Dies lag nicht zuletzt daran, dass im evangelischen Glauben das Wort des Evangeliums im Mittelpunkt steht. Bedeutendstes Gut waren deshalb Lutherbibeln und protestantische Erbauungsbücher, die auf geheimen Pfaden übers Gebirge in die Region geschmuggelt wurden. Auf vielen Höfen des Ennstals gab es Bibelverstecke, bevorzugt in Ställen und auf Dachböden. Darüber hinaus begünstigten im 17. Jahrhundert die räumliche Ausdehnung der katholischen Pfarren und der Mangel an tauglichen Hilfsgeistlichen die Ausbreitung des Geheimprotestantismus. Im bedrückenden Klima des Misstrauens und der Denunziation kam es immer wieder zur Auswanderung bekennender Protestanten aus Zlem, Wörschachwald und Tauplitz nach „den lutherischen Örtern bei Nürnberg“. Die Regierung befahl eine genaue Untersuchung der Vorkommnisse, um eine Massenabwanderung von Bauern zu verhindern, und damit auch den Verlust von Untertanen und Steuereinkünften. Die verantwortliche Geistlichkeit in und um Pürgg erhielt die Anweisung, „das Bauernvolk in Glaubenssachen besser zu unterrichten, öfter Kinder- und Christenlehre zu halten und auf die österliche Beichte und Kommunion ein wachsames Auge und Sorge zu tragen.

Die Lage spitzt sich zu

Im 18. Jahrhundert hatte Kaiser Karl VI. mittels der Religions-Hofkommission die Zurückdrängung der religiösen Minderheiten vorangetrieben, wurde aber später von seiner Tochter Maria Theresia, die die Regentschaft übernahm, in diesen Bestrebungen noch weit übertroffen. In ihren ersten Regierungsjahren ab 1740 vorrangig mit der Sicherung der Grenzen des Habsburgerreiches beschäftigt (Österreichischer Erbfolgekrieg), konnte sie sich nach dem Frieden von Aachen 1748 mit voller Kraft den innerstaatlichen Angelegenheiten zuwenden. Als überzeugter Katholikin lag ihr besonders die Ausrottung des „ketzerischen“ evangelischen Glaubens am Herzen. Ebenfalls 1748 übernahm in der Pfarre Pürgg mit Pfarrer Georg Hubmann ein religiöser Eiferer die Verantwortung für den Kampf gegen die Protestanten. Er wollte „sein Blut bis auf den letzten Tropfen wagen, damit die Lutheraner bis auf den letzten Buchstaben ausgerottet würden.“ Wie stark die lutherische Lehre in der Region verwurzelt war, zeigt auch folgendes Geschehen im Sommer 1751:

Auf einem Versehgang begegnete Pfarrer Hubmann einigen Kohlführern, die vor dem „Allerheiligsten“ nicht niederknieten oder den Hut abnahmen. Zur Rede gestellt erklärten sie, es wäre nur Brot, und einem Brot gebühre keine Anbetung. Eine von Maria Theresia 1751 beauftragte Untersuchung ergab, dass sich etwa 200 bis 300 Personen im Pfarrbereich Pürgg, der auch Tauplitz, Zlem und Wörschachwald umfasste, zum evangelischen Glauben bekannten. Als erste Maßnahme sollte versucht werden, mit verstärkter Missionsarbeit die Abtrünnigen zur katholischen Kirche zurückzuführen. „Sie habe den Bericht über Pürgg mit großem Mißfallen vernommen, denn sie sähe, dass man ihrem Befehl vom 7. März des Vorjahres, die Büchereinschlepper und Emissäre aufzugreifen, den Leuten die verbotenen Bücher abzunehmen und durch gute katholische zu ersetzen, kaum nachgekommen sei.[2] Daher kam es am 15. März 1752 zur Weisung Maria Theresias an die Religionshofkommission: „Es sollte den verstocktesten Ketzern und Verführern anderer, die die Wohltat, emigrieren zu dürfen, verscherzt hätten und daher zwangsweise aus dem Land geschafft würden, das etwa besitzende Vermögen so glatterdings nicht mehr verabfolgt, sondern von diesem ihren Vermögen nur nach und nach etwas aus purer Gnad ohne mindeste bewiesene Schuldigkeit nachgesendet, hiervon jedoch vorderst die den zurücklassenden Kindern quovis modo zustehende Erbsportion wohlverwahrlich innebehalten werden.

Da aufgrund der drohenden Zwangsemigration zahlreiche Personen ins protestantische Ortenburg in Bayern entwichen und die Bauern Marin Loresser vlg. Gasteiger in Zlem und Ruep Pötsch vom Mayergut in Wörschachwald sowie der Schuster Paul Holl vlg. Estlbauer in Tauplitz ein Gnadengesuch an die Herrscherin dem Landeshauptmann in Graz zur Weiterleitung übergaben, wurden härtere Maßnahmen erwogen und damit eine Verschickung der „Verstocktesten“ nach Siebenbürgen ins Auge gefasst: „Wäre es am besten, nicht alle 170 im Glaubensverdacht stehenden Personen auf einmal, sondern zunächst die zehn oder zwölf Hartnäckigsten zu transmigrieren, also die erstocktesten sowie diejenigen, die andere an sich zögen. Dadurch würden vielleicht die übrigen auf einen besseren Weg gebracht werden.“<[3]

Letzte Maßnahme Zwangsemigration

Nachdem eine „gelinde und sanftmütige Bekehrung“ durch die katholischen Geistlichen nicht fruchtete, die im Rahmen einer sechswöchigen Gnadenfrist möglich war, wurden zur Abschreckung am 7. Juni 1752 mit einem ersten Transport zehn Erwachsene und drei Kinder nach Mühlbach in swiki:Siebenbürgen[4] losgeschickt. 40 Soldaten begleiteten das kleine unglückliche Grüppchen und übergaben es samt den versiegelten evangelischen Büchern dem Magistrat Steyr, der für den Weitertransport auf der Enns und weiter auf der Donau zuständig war.

Das Ziel, dass die Zurückgebliebenen dem protestantischen Glauben abschwören sollten, wurde allerdings verfehlt, sodass bereits für den 2. August 1752 eine weitere Verschickung veranlasst wurde. Dazu waren folgende Personen bestimmt worden:

Thomas, Elisabeth und Maria Schiemer vlg. Kaufmann, Zlem; Hans und Paul Schiemer, Zlem; Ruep und Rosina Pötsch vlg. Mayer, Wörschachwald; Hans Schiemer vlg. Walz, Wörschachwald; Matthias und Maria Schachner vlg. Steinfeldner, Häusel am Steinfeld; Martin und Maria Feichtner vlg. Sölkner, Zlem; Martin und Eva Loresser vlg. Gasteiger, Zlem; Hans und Maria Lackner vlg. Lackner, Zlem; Matthias Holl vlg. Estlbauer; Barbara Gusterhuber vom Rubengut, Tauplitz; Hans Gusterhuber, Helena Grübler vom Diezwebergut und Andre Gewißler aus der Pfarre Pürgg. Dazu aus der Pfarre Irdning: Hans und Eva Mayer vlg. Zelzer, Espang; Jakob und Susanna Mayer vlg. Sauschneider, Espang; Peter und Katharina Mayer, Espang; Rosina Fasold und Josef Brunner vom Pürggergut.

Am 1. August trafen die zur Verschickung Bestimmten aus Zlem und Wörschachwald in Stainach wo die Begleitmannschaft schon eingerückt war, ein, sie hatten den stundenweiten Weg mit ihren Frauen und Kindern und der geringen zum Transport zugelassenen Habe zu Fuß zurückgelegt. (…) Eine bejammernswerte Schar von 68 Personen, in der alle Lebensalter, einjährige Kinder ebenso wie die greisen Auszügler Jakob Mayer mit seinem Weibe Susanna und der alte Holl zu finden waren.[5]

Den Ausgewiesenen war der freie Abzug mit Vermögen und Kindern versprochen worden, aber durch eine eigenmächtige Auslegung der kaiserlichen Weisungen kam es durch die handelnden Personen vor Ort unter dem Kreishauptmann Graf Suardi aus Judenburg zu einer äußerst niederträchtigen Aktion. Den Unglücklichen wurden an die 40 Kinder weggenommen und teilweise zur Erziehung in katholische Familien gegeben oder in Waisenhäuser in Graz und Wien abgeschoben. „… die unmündigen Kinder müßten zur katholischen Erziehung zurückbleiben. Die aufs tiefste erschütterten Eltern brachen in Weinen aus, stürzten zu den Füßen des Kreishauptmannes und anderer Herren und baten im Namen Gottes und Jesu, ihre Kinder mitnehmen zu dürfen, wie dies ihnen auf Gebot der Königin erlaubt werden sollte. Sie bekamen jedoch die hoffnungslose Antwort: Ist es nicht genug, daß ihr auf Robot gehen müßt, wollt ihr eure Kinder auch in das Unglück mitreißen?[6]

Auch der Großteil des Geldes, das die Auszügler mit sich führten, wurde ihnen abgenommen, um unter anderem damit den Lebensunterhalt der zurückbleibenden Kinder zu finanzieren. Der Fußweg führte die unglückliche Schar von Stainach über den Buchauer Sattel nach Altenmarkt und nach Frenz (Gemeinde Weyer) sowie weiter auf der Enns nach Steyr. Von dort ging es mit dem Schiff die Enns abwärts und auf der Donau an Wien vorbei bis nach Harta, etwa 100 Kilometer südlich von Budapest. In Harta angekommen, weigerten sich die Emigranten, nach Siebenbürgen weiterzureisen.

Neuanfang in Iklad

Graf Gedeon I. Ráday, der protestantische Grundherr in Iklad,[7] hatte bereits zu Beginn des Jahres 1752 über Wiener Agenten freiwillige Siedler aus der Pfalz und Baden-Württemberg angeworben, um das nach den Türkenkriegen völlig entvölkerte und brachliegende, in seinem Besitz befindliche Land wieder zu wirtschaftlicher Blüte zu bringen. Diese Siedler intensivierten den Weinbau, der bis zum Ende des 20. Jahrhunderts das Ortsbild prägte, heute allerdings abgekommen ist. Graf Ráday bot den in Harta gestrandeten Ennstaler Transmigranten an, sich im Frühjahr in Iklad anzusiedeln und stellte ihnen Unterkünfte zum Überwintern zur Verfügung. So zogen die Tauplitzer im Frühjahr 1753 zu Fuß nach Iklad weiter, wo sie die Möglichkeit bekamen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Dies wurde durch die äußerst humanen Bedingungen seitens des Grafen sehr unterstützt: So brauchten die neuen Siedler zwei Jahre lang keinen Zins bezahlen und konnten das benötigte Bauholz in Maßen frei aus dem Gemeindewald beziehen. Auch die Robot- und Abgabepflichten waren gering, die Herrschaft war vielmehr bestrebt, durch die Ansiedlung zu regelmäßigen Einnahmen zu kommen. Nachfolgend Auszüge aus den vereinbarten Rechten und Pflichten der Neusiedler:

Denen auf Iklat ziehenden Leuthen vorgegebene punta

1-mo. Der Iklater Puszten, solle auf zwantzig gantze bauern getheilet Werden, derowegen, können auch getrost, so viel ihrer daraufziehen und Beysitzen so viel sich unter ihnen ernähren können, zu sich ziehen lassen.

2-do. Meiner Seits, Will ich ihnen Zwey gantzen Frey jahr lassen, und Beym Löblichen Comidat, werde Bestreben, die meiste jahre, frey zu haben aus zu würken.

4-to. Von dennen Wiesen ist die helfte mein, die andere helfte bleibet ihnen, zu ihrer helfte ist ihnen erlaubt, dass durch das ausrotten, sie die Wiesen mit der Zeit vermehren können.

5-to. Den Weinschank von Michaeli Tag, bis Georgi, wird ihrer Seyn, nichts desto weniger Behalte vor mich, dass in meinen Wirths-Hausse der Wein soll durch das gantze Jahr geschenket werden.

9-o. Wann sie Neue Weingarten, anfangen werden zu Pflantzen, dieselbige kan ich ihnen, gantze Sieben jahre frey Lassen, wo die Sieben jahre verflossen sind, werden sie verbunden Seyn, aus dem Weine den Landrechten nach gewohnlichen grundHerrschaftlichen Theil, immerdar darvon geben, oder aber ein jeder von denen inwohnern, von seynen Weingärten, ein gewisse proportion iren Arenda zohlen.

2-do. Zwei Tage sind sie verpflichtet zu mähen so mag seyn gantzer bauer oder ein Beysitzer, die Beysitzer sind schuldig, dass Heu auf zufangen und die ZugVieh-habende Bauern auf den stok auf zu setzen,

6-to. In Winters zeiten wo sie sonsten keine arbeit nicht haben, werden sie schuldig seyn, von jeden Hauss in den Losoder Walde, jeder eine Klafter-Holtz hauen und dasselbige nacher Petzel zu meinen Brau-Hauss führen, Worinnen konnen sie unter einander selber solcher ordnung einführen und halten, dass die Beysitzer dass Holtz hacken und die gantzen Bauern zu obbemelden Brau-Hauss führen sollen.

1-mo. Denen jetzo dahin ziehenden, und auch in denen zweyen jahren, noch darzu sich vermehrenden leuten, dass Bau-Holtz aus dem Iklatter Wald, Will ich umsonst geben nichts desto weniger, auf dass sie destoweniger Holtz zu ihren Häusern verbrauchen, Müssen sie von Kothstein oder Rohen ziegeln bauen und wo sie in dem Iklater Walde, zu die Balken taugliches holtz nicht könten finden, sind schuldig von ihr Geld sich solches anzuschaffen.

4. Wegen der Arenta bin ich an jetzo mit ihnen einig Worden dass sie in der ersten zwey jahren nicht zahlen, dass dritte jahr zweyhundert gulden in den vierten 5-ten 6-ten und 7-ten jahren fünf-Hundert gulden, zahlen sollen, Wann aber die Sieben jahre verflossen, Weillen schon zu der zeit auch die Weingarten werden frucht bringen, werden sie schuldig seyn, mit mir einen Neuen Contract auf zu richten diese jetzt obbemelde Sieben jahre aber werden anfangen in den künftig 1753 Jahr folgenden St. George Tag, geschehen.

Harta d. 15. August 1752

Die ersten beiden Zwangsemigrationen sowie weitere Missionsmaßnahmen konnten viele geheime Protestanten der Pfarre Pürgg und im umliegenden Ennstal nicht davon abhalten, weiterhin an ihrem Glauben festzuhalten. Die Geldstrafen für „Büchereinschlepper“, die Abhaltung geheimer Andachten oder das Entweichen in protestantische Gegenden Deutschlands wurden deshalb drastisch erhöht und Denunzianten, die der Behörde unbelehrbare „Irrgläubige“ anzeigten, erhielten jeweils die Hälfte des verordneten Strafgeldes. Weniger die Missionstätigkeit als vielmehr der Anreiz des Geldes aus der „Spionencasse“ dürfte den starken Zusammenhalt der Bevölkerung aufgeweicht haben.

Neue Verhaltensregelungen

Um die Missionare zu unterstützen, wurde von der Repräsentation am 31. August 1752 ein von Maria Theresia gebilligtes Zirkular erlassen. Darin wurde auch der Vorwurf erhoben, dass nicht zuletzt die bisherige Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit der Beamten Schuld an der Verbreitung der Irrlehre trage. Bei drohenden Geld- und Leibesstrafen wurde daher besonders den Herrschaftsbeamten die genaueste Einhaltung folgender Vorschriften befohlen:

„1. Nur durch ein schriftliches Rechtgläubigkeitszeugnis ihres Pfarrers sichausweisende Personen sind als Untertanen aufzunehmen oder zum Hauskauf zuzulassen.

2. Alle Untertanen haben ihre geistlichen Bücher binnen vier Wochen ihrem Pfarrer vorzulegen, der die schlechten wegnimmt, die unverdächtigen aber mit seiner Unterschrift und seinem Siegel als solche kenntlich macht. Nach Verlauf dieser Frist hat der Eigentümer verbotenen lutherischen Schrifttums für jedes bei ihm gefundene solche Buch 9 fl Strafe zu zahlen, von denen 5 fl dem Herrschaftsverwalter und 4 fl dem Anzeiger zukommen. Dienstleute werden, da sie solche Beträge nicht zu geben vermögen, am Leibe bestraft. Auf Büchereinschlepper und Verbreiter ketzerischer Lehren ist besonders zu achten.

3. Strengstes Verbot aller unkatholischen Andachtsversammlungen; Hausinhaber, die solche zugelassen haben, werden sofort verhaftet und gewärtigen schwere Leibesstrafe, jeder Teilnehmer aber hat 9 fl zu zahlen, die nach obigem Schlüssel zu verwenden sind.

4. Alle Eltern haben ihre Kinder zum Schulmeister oder doch wenigstens zur Christenlehre zu schicken, alle Winkelschulen[8] sind strengstens verboten.

5. Da durch schlechte Beamte bisher viel geschadet wurde, dürfen künftig nur solche Personen als Beamte aufgenommen werden, die sich durch ein Zeugnis ihres bisherigen Pfarrers als eifrige und im Glauben wohl unterrichtete katholische Christen auszuweisen vermögen.

6. In Gast- und Schenkhäusern dürfen Glaubensdinge nicht besprochen werden: wer über solche geredet, zahlt 1 fl der Wirt, der dies geduldet und nicht sofort angezeigt hat, 4 fl, die nach obigem Schlüssel zwischen dem Verwalter und dem Denunzianten verteilt werden.

7. Gasselgehen, Raufereien, unehrbare Rummeltänze sowie das Tanzen über die bestimmte Zeit hinaus werden mit 12 Reichstalern gebüßt, von denen der Denunziant ein Drittel erhält, während der Rest milden Werken zukommen soll.

8. Stirbt ein Bauer, dessen Weib im Glaubensverdacht steht, so sind die Kinder zu entfernen und gut katholischen Leuten zur Erziehung zu übergeben.

9. Auf Müßiggänger und Landstreicher soll besonders geachtet werden, da diese gelegentlich verbotene Bücher einschleppen. Sie sind im Betretungsfalle anzuhalten und vorschriftgemäß zu behandeln.[9]

So kam es am 28. September 1752 und am 25. Juli 1753 zu weiteren Verschickungen, deren unglückliche Beteiligte bei ihren Landsleuten in Iklad ebenfalls Grundstücke zugewiesen bekamen und in dem protestantischen Grundherrn einen Beschützer ihres Glaubens fanden.

Stark veränderte Lebensumstände

Die mühevolle Reise mit einigen wenigen Habseligkeiten von der Obersteiermark in das ungarische Hügelland sowie die Anpassung an völlig neue Lebensbedingungen stellten die Emigranten vor große Herausforderungen. Aus einer Region der alpinen Grünlandbewirtschaftung mit einem kleineren Anteil Getreidebau kamen sie in eine vom Ackerbau dominierte und von pannonischem Klima geprägte Landschaft. Die in den Archivalien des Gasteigerhofs genannten Viehbestände und Abgabenmengen lassen auf die Wirtschaftsweise im Hochtal schließen und können stellvertretend für die Bergbauernhöfe von Tauplitz, Zlem und Wörschachwald gelten. Sie zeichnen das Bild der Lebensumstände einer Bergbauernfamilie mit bis zu 10 Kindern und mehreren Dienstboten, bevor die Zwangsemigration die Familie auseinanderriss und ihrem Leben eine völlig neue Richtung gab. Kühe, Ochsen, Stierln und Kalben machten den Hauptanteil der Viehwirtschaft aus, die durch das Halten von Schafen, Schweinen und Hühnern ergänzt wurde. Die Käsezinse verweisen auf die Bedeutung der Milchwirtschaft.

Getreide wie Weizen, Roggen, Gerste und Hafer wurde nicht nur als Abgabe an die Herrschaften und für den eigenen Bedarf, sondern auch zur Versorgung der umliegenden Dörfer und vor allem der nahe gelegenen Bergbaubetriebe angebaut. Das bäuerliche Wirtschaften war stets von klimatischen wie politischen Entwicklungen beeinflusst, das 17. Jahrhundert war beispielsweise von einem Aufschwung der Viehwirtschaft geprägt, der sich auch in der Ausweitung der Almwirtschaft niederschlug.

In Iklad angekommen, war es nach dem Aufbau der Bauernhäuser vorrangige Aufgabe, sich mit den lokalen Gegebenheiten des Ackerbaus zurechtzufinden. Der Getreideanbau war für die Neuansiedler wohl weniger eine Herausforderung als die klimatischen Verhältnisse, unter denen sie leben und arbeiten mussten. Mais und Kartoffeln, Gemüse, Hanf, Tabak und Wein waren Kulturen, mit deren Umgang sie sich erst vertraut machen mussten.

Trotz der wohlwollenden Aufnahme der Aussiedler in Iklad, die den Aufbau einer neuen Existenz wesentlich erleichterte, gestalteten sich die ungewohnten Lebensbedingungen in der Fremde als schwierig. Die nur teilweise ausbezahlten Vermögenswerte, die beim Bau der Häuser und der Anschaffung von Gerätschaften fehlten, und vor allem die Sorge um die zurückgelassenen Kinder waren wohl ausschlaggebend dafür, dass die erste Generation der Aussiedler eine sehr geringe Lebenserwartung hatte.

Viele Tauplitzer starben bereits nach wenigen Jahren in der Fremde, manche trieb die Sorge über die Anverwandten oder das Heimweh zurück nach Tauplitz, wo sie aufgegriffen und erneut in die Emigration geschickt wurden. Dazu kamen Rückschläge wie eine große Feuersbrunst 1769, die nahezu die Hälfte des Dorfes vernichtete und in kurzer Zeit einen zweiten Neuanfang der steirischen Siedler notwendig machte. Trotzdem schafften es einige Familien, sich in der neuen Heimat zu behaupten.

Iklad heute

Das Erforschen der Wurzeln und der Herkunft der deutschstämmigen Bevölkerung Iklads in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zur Intensivierung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Gemeinden Tauplitz und Iklad. Nach beiderseitigem zustimmendem Beschluss in den Gemeindegremien kam es am 25. Oktober 1992 in Iklad zur feierlichen Unterzeichnung der Gemeindepartnerschaft durch die Bürgermeister Peter Schweiger, Tauplitz, und István Madarász, Iklad. Am 29. Juli 2017 wurde das 25-jährige Bestehen dieser Partnerschaft in Iklad feierlich begangen. Am Höhepunkt der Festlichkeit wurde ein Denkmal eingeweiht, das sämtliche Namen der freiwillig oder zwangsweise nach Iklad emigrierten Personen beinhaltet.

Heute ist Iklad eine kleine Gemeinde mit ca. 2 200 Einwohnern im Galgatal, etwa 100 Kilometer östlich von Budapest, die eine angenehme Lebensqualität bietet. Seit 1993 gibt es einen „Deutschen Nationalitäten Kulturverein“, der die „Muttersprache“ und die mitgebrachten Traditionen pflegt. In der „Deutschen Nationalitätenschule“, einer achtklassigen Grundschule, wird von der 5. bis zur 8. Klasse an fünf Tagen je eine Stunde Deutsch unterrichtet. Dazu gibt es zweisprachigen Unterricht in den Fächern Volkskunde, Geschichte und Naturkunde. Die Einwohner von Iklad, deren Wurzeln auf verschiedene Nationalitäten zurückgehen, kommunizieren im Alltag vorwiegend in ungarischer Sprache.

Späte Toleranz

Abschließend betrachtet entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass der protestantische Glaube, der sich über 150 Jahre lang im Geheimen so stark behaupten konnte, wenige Jahre vor dem Erlass des Toleranzpatentes 1781 durch Kaiser Joseph II. im mittleren Ennstal vollständig versiegte. Paul Dedic, dem akribischen Erforscher der Geschichte des Geheimprotestantismus in der Steiermark, ist wohl in seiner Einschätzung dieses Geschehens nichts mehr hinzuzufügen:

„Der ständige Druck hatte in den Pfarren Pürgg und Irdning auf die Dauer lähmend gewirkt; die Alten waren müde geworden und wollten in Frieden ihre Tage vollenden, die Jugend aber war im katholischen Glauben erzogen und aufgewachsen, so erlosch in dieser Gegend der Protestantismus völlig, während in der unmittelbaren Nachbarschaft um Gröbming und Schladming wie auf der Ramsau, aber auch im Liesingtale Viele zähe an ihm festhielten, bis die heißersehnte Stunde der Duldung schlug.[10]

Herzlichen Dank an die Gemeinde Iklad mit Bürgermeister István Madarász, an Herrn József Mayer, Iklad, und an Herrn Peter Schweiger, Tauplitz, die die Recherchen zu diesem Beitrag mit wertvollen Informationen unterstützten.

Ausstellung Schloss Trautenfels 2018

Gott und die Welt. Woran glauben wir heißt die Ausstellung 2017 und 2018 im Schloss Trautenfels Universalmuseum Joanneum im Schloss Trautenfels in Trautenfels, die unter anderem darüber berichten.

Literatur und Quellen

  • Dieser Beitrag wurde der Ausgabe von Da schau her 2017 Ausgabe 3 mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Otte entnommen, darin angeführte Quellen und Literatur sind:
Asztalos István – Brandtner Pál, IKLAD EGY MAGYARORSZÁGI NÉMET FALU TÖRTÉNETE (Iklad – Geschichte eines ungarndeutschen Dorfes), Aszód-Iklad 1991
Asztalos István – Brandtner Pál, IKLADI CSALÁDOK, Iklad 2002
Paul Brandtner, Ein deutsches Eiland in Ungarn, Waiblingen o. J.
Paul Dedic, Die Bekämpfung und Vertreibung der Protestanten aus den Pfarren Pürgg und Irdning im steirischen Ennstal, Budapest 1940
Paul Dedic, Die Verpflanzung steirischer Familien nach Ungarn in den Jahren 1752–1765. In: Das Joanneum. Beiträge zur Naturkunde, Geschichte, Kunst und Wirtschaft des Ostalpenraumes. 2. Bd., Kunst und Volkstum, Graz 1940
Diether Kramer, Glut unter der Asche. Die Evangelischen in der „Gegend um die Pürgg“. In: Da schau her. Beiträge aus dem Kulturleben des Bezirkes Liezen, Nr. 3/1992, S. 9–12
Hannes P. Naschenweng, Geschichte der Pfarre Pürgg und seiner Pfarrer, Vikare und Kapläne. In: Wolfgang Suppan (Hg.), An der Wiege des Landes Steiermark. Die Chronik PürggTrautenfels, Gnas 2013
Fritz Fahringer, Chronik Gasteiger anno 1368 – anno 1946. Maschingeschriebenes Manuskript im Privatbesitz, Pürgg 1946
Schriftverkehr Rudolf R. Groß, Tauplitz, mit Dr. Paul Brandtner, Remseck am Neckar

Einzelnachweise

  1. siehe Bauernaufstand im Ausseerland von 1525
  2. Maria Theresia, 23. Oktober 1751, zitiert nach Dedic, Bekämpfung und Vertreibung, S. 55
  3. Religionshofkommission, 24. April 1752, zitiert nach Dedic, Bekämpfung und Vertreibung, S. 71
  4. Verlinkung(en) mit "swiki:" beginnend führen zu Artikeln im Salzburgwiki, dem Mutterwiki des EnnstalWiki
  5. Dedic, Bekämpfung und Vertreibung, S. 91
  6. Dedic, Bekämpfung und Vertreibung, S. 92
  7. Iklad ist eine ungarische Gemeinde im Komitat Pest. Sie gehört zum Kreis Aszód.
  8. Winkelschulen, auch Heckschulen oder in Norddeutschland Klippschulen genannt, waren behördlich nicht anerkannte privat organisierte Schulen, die seit dem späten Mittelalter in den Niederlanden und in Deutschland aufkamen.
  9. Dedic, Bekämpfung und Vertreibung, S. 101
  10. Dedic, Bekämpfung und Vertreibung, S. 175