Kindheit und Schulzeit der Anna Gasteiner

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Zeitzeugendokument
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Kindheit und Schulzeit der Anna Gasteiner aus den Aufzeichnungen (privates Tagebuch) der Anna Gasteiner.

Einleitung

Handschriftliche Berichte von Anna Gasteiner, geb. Egger, vlg. Willsperger, Pürgg Nr. 38, seit 1960 wohnhaft in Gaishorn vlg. Kögler, die in zwei handschriftlichen Büchern vor allem beachtliche Mundart-Dichtungen, aber auch Texte zum Zeitgeschehen niedergeschrieben hat. Am 7. Juli 1931 auf der Pürgg geboren, trat sie im Alter von sechs Jahren, demnach 1937, in die erste Klasse der einklassigen Volksschule auf der Pürgg ein.[1] Schulleiter war damals Oberlehrer Simon Gstrein.

Meine Kindheit und Schulzeit !

„Unser Bergdorf Pürgg war damals noch Dekanatspfarre. Es gab den Dechant Pichler, den Kaplan Papadi und den Oberlehrer Gstrein (ein Tiroler). Alle waren gegen Hitler eingestellt. Es war Anfang 1940, und da erschienen während des Unterrichts zwei uniformierte Männer in der Schule, die rissen das Kreuz von der Wand und nahmen Dechant und Oberlehrer mit. Beide wurden nach Dachau ins Konzentrationslager gebracht.[2] Das war für Eltern und Kinder ein ganz großer Schock. Als Nachfolgepfarrer bekamen wir einen dreifachen Doktor, Dr. Robert Pongratz. Zu seiner Zeit wurde der Religionsunterricht in der Schule verboten. Er hielt dann im versperrten Glockenturm die “Erbauungsstunden“!

Die Lehrer wurden ständig ausgewechselt, da sie immer wieder zum Kriegsdienst einberufen wurden. Wir Pürgger Schüler hatten eine Zeitlang keinen Lehrer, so mussten wir nach Unterburg (zweiklassig) zur Schule gehen. Dann bekamen wir Fräuleins. In meiner achtjährigen einklassigen Schulzeit hatte ich vierzehn Lehrkräfte, und sechs Jahre davon waren Kriegszeit. Im Winter ging ich nicht gern zur Schule, hatte immer gefrorene Füße, die sogar aufbrachen, das war leidvoll.

Die vierziger Jahre hatten es mir angetan, die meisten Erinnerungen gehen in diese Zeit zurück. In unserem Bergdörfl gab es damals schon eine Haltestelle, da machte ein Eisenbahner Dienst, der sich den ersten Radio leistete. [Es handelte sich um Florian Maierhofer - Mitteilung Annemarie Lösch.] Sein kleines Wohnhäusl stand am Ostrand vom Dörferl. Wir Schulkinder durften (es gehörte zum Unterricht dazu) zu diesem Bahnwärter Nachrichten hören gehen, solange es Siegesnachrichten gab. Er stellte das Radio aufs offene Fensterbankl und wir standen außen rum und lauschten den Nachrichten. Später, als es dann Fliegeralarm gab und die Sirenen aufheulten, wenn die feindlichen Flieger drüber donnerten und die Tiefflieger kamen, mussten wir uns in den örtlichen Gehöften aufteilen, bis zur Entwarnung.

Mein Vater und der große Bruder waren an der Front. Wir hatten schon lange keine Post mehr von ihnen bekommen. Die Post war im Schulhaus untergebracht. In einer Pause stellte ich mich an, da wir schon hart auf Post warteten. Die Postlerin wurde mit dem Sortieren nicht fertig, und der Zeiger der Uhr rückte unaufhaltsam weiter. Zwei Minuten zu spät kam ich zur Klassentür herein – und hatte schon eine saftige Watschn im Gesicht. Leider keine Post! Ich ging in meine Bank, die letzte hinten. Hab nur geweint, – war voller Zorn, hab nichts mehr getan. Als der Unterricht zu Ende war, sagte die Lehrerin: ,Die Egger bleibt hier!‘ Nun war es bei mir ganz aus. Keine Post, mit 14 Jahren eine Watschn von der Lehrerin und Nachsitzen auch noch. Als die Klasse leer war, kam sie zu mir zurück und wollte wissen, was eigentlich los war. Ich hab ihr alles erzählt, wir sprachen uns aus, – und ab diesem Tag wurden wir ganz feste Freundinnen, obwohl sie genau noch einmal so alt war wie ich (28 Jahre). Als sie noch im selben Jahr an Blinddarmdurchbruch starb, konnte ich ihren Tod fast nicht verkraften. Es gab im September 1945 keine Medikamente.

Mit dem Schuljahr 1943/44 finden sich auch wieder Eintragungen in der Pürgger Schulchronik: In diesem Jahr besuchten 22 Knaben, 14 Mädchen die einklassige Volksschule auf der Pürgg. Dann heißt es: „Am 1. Jänner 1944 die Leitung der Schule Pürgg übernommen. Vorgänger; Frl. Paula Wallner 1. 12. 1943–31. 12. 1943, Schulleiter St. Horvath“.

Erst am 23. Februar 1944 folgt ein weiterer Text. An diesem Tag ist das Wirtschaftsgebäude gegenüber dem Gasthof Krenn abgebrannt. Nur mit größter Mühe gelang es, die Nachbargebäude zu retten. Von diesem Tag an wird für Pürgg eine Brandwache eingeführt. Im Hotel Adam werden am 18. Mai 1944 Wiener Kinder untergebracht. Am 29. Mai zeigen sich „Feindflieger über Liezen“. Am 30. Mai beobachtet der Schulleiter „Hunderte von Fliegern über uns gegen Norden“. Die Verantwortlichen für die Gemeinde haben nun andere Sorgen und kümmern sich nicht um die Klagen des Schulleiters über den verwahrlosten Zustand des Schulhauses und die unhygienischen Zustände im Klassenzimmer: „Der Gemeinde liegt die Schule scheinbar nicht sehr am Herzen, ist noch ein notwendiges Übel“.

Die üblichen statistischen Angaben fehlen zu Beginn des Schuljahres 1944/45. Der Chronist beginnt sogleich mit den Ereignissen, die alle bewegen. Noch jahrzehntelang wird man sich auf der Pürgg davon erzählen, dass die 22-jährige Wirtstochter Hannerl Krenn am Freitag, den 13. Oktober 1944, von einer Grimming-Besteigung nicht mehr zurückgekehrt ist. „Sie wollte vor ihrer Einberufung zur Heimatflak noch einmal den Heimatberg besteigen, daheim weiß niemand davon“. Ihr Name fand sich im Gipfelbuch, im Neuschnee konnten ihre Spuren vom Gipfel bis zum Multereck verfolgt werden. Doch dann verlor sich ihre Spur. Gendarmerie und Bergwacht suchten vergebens. Ihr Körper blieb verschollen, auch nach Hunderten von Suchaktionen, die unmittelbar nach Kriegsende von den aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten durchgeführt wurden[3].

Neben dieser Nachricht verblasste die „Kriegsberichterstattung“: Am 16. Oktober 1944 konnte die Bevölkerung hören, wie swiki:Salzburg[4] bombardiert wurde. Am 19. Oktober 1944 erhielten die „bis Sechzigjährigen“ die Einberufung zum Volkssturm. Am 20. Dezember 1944 fielen zwischen Stainach und Pürgg die ersten Bomben. Lehrerin Kaspar notiert am 15. Jänner 1945: „Alles verloren – unsere Wohnung in Wien bei einem Angriff ausgebrannt“. In unmittelbarer Nähe von Frau Spöckmoser detonierten am 9. März zwischen Katzensteiner und Weißinger sechs Bomben. Am 13. März beobachteten Pürgger „Hunderte von Fliegern über uns – wohin?“ Nur wenige Tage später, am 19. März, am „Rückflug der Feindflugzeuge fallen zwei Bomben, der Ohnewald-Stadel am Burgstall steht nicht mehr. Ein Flugzeug kreist langsam über dem Tal – die Besatzung springt aus, landet in der Nähe von Irdning – ein „Neger“ ist auch darunter. Das führerlose Flugzeug zerschellt an den Wänden des Grimmings“. Am 23. März zeigten sich Tiefflieger über Donnersbach. Am 1. April heißt es: „Flüchtlinge auf allen Straßen, Autos, Fahrzeuge. Alles zieht nach dem Westen weiter von hier“. Trotzdem hat man keinesfalls auf den „Führergeburtstag“ vergessen, der am 20. April 1945 am Kapellenberg gefeiert wurde. „Mai“ - Der Führer gefallen. Das Ende vom Traum vom „Reiche“, gescheitert an Verrat und Unzulänglichkeiten der Menschen, die es bauen sollten.

Die Schule geschlossen. Regellos flutet unser Militär zurück, unvergesslich die Rückzugsstraßen. Papierfetzen, Kisten, Säcke, Gewehre und Munition, achtlos weggeworfene Bekleidungsstücke, Lebensmittel am Straßenrand. Müde und abgehetzt die Gesichter der Soldaten. Beschädigte Autos säumen die Straßen – in der Nacht hunderte Lichter im Tal, alles flieht, und weiß nicht, wohin.

Im Mai 1945 erfolgte die Schließung der Schule. Dann trafen die ersten US-Amerikaner in ihren Jeeps auf der Pürgg ein, vom 19. bis 22. Mai wurde das Schulhaus von Amerikanern besetzt, das Schulzimmer als Küche benützt. Damit enden die Eintragungen der Lehrerin Kaspar. Vom 10. September 1945 bis 28. Jänner 1946 unterrichtete Oberlehrer Franz Hausmann auf der Pürgg. Am 28. Jänner 1946 übernimmt Oberlehrer Lorenz Riegler – mit 22 Knaben und 18 Mädchen – die Leitung der Schule und die Führung der Schulchronik.

Quellen

Fußnoten

  1. Anna Gasteiner kam 1960 nach ihrer Verehelichung mit Franz Gasteiner, vlg. Kögler, nach Gaishorn, wo sie seither lebt. Vgl. Karl Weiß, Heimatbuch Gaishorn am See, Gaishorn 2007, S. 340f.
  2. So wird der Vorgang noch heute (2012) auf der Pürgg erzählt. Doch „oral history“ transportiert vielfach nur Teilwahrheiten. Den Akten im Diözesanarchiv in Graz ist zu entnehmen, dass Dechant Rudolf Pichler 1942 in das Konzentrationslager nach Straubing gebracht wurde. Kaplan Vinzenz Papadi hatte Pürgg schon 1940 verlassen; → Naschenweng, S. 378, 380.
  3. Josef Hasitschka, S. 696f.
  4. Verlinkung(en) mit "swiki:" beginnend führen zu Artikeln im Salzburgwiki, dem Mutterwiki des EnnstalWiki
Beiträge aus dem Tagebuch der Anna Gasteiner