Gunther Burstyn

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Gunther Burstyn
Gunther Adolf Burstyn, eigentlich Günther (* 6. Juli 1879 in Aussee; † 15. April 1945 in Korneuburg, Niederösterreich), war ein Techniker und Offizier der k.u.k. Armee aus dem Ausseerland.

Leben und Wirken

Gunther, wie sich der auf Günther Getaufte als Erwachsener stets nannte, war einer von drei Söhnen des in Lemberg als Jude geborenen und später zum katholischen Christentum konvertierten Bahn-Commissärs und Ingenieurs Adolf Burstyn (* 1843; † 1917) und dessen Frau Juliane, geborene Hoffmann (* 1844; † 1931), die als Journalistin arbeitete. Sein Bruder Werner wurde Ministerialrat, der andere Bruder, Walther Burstyn, ein bekannter Professor für Elektrotechnik.

Eintritt in die Armee und der Erste Weltkrieg

1895 wechselte Gunther Burstyn von einem Wiener Gymnasium an die Pionierkadettenschule in Hainburg an der Donau. 1899 ausgemustert, trat er als Kadett in das Eisenbahn- und Telegrafenregiment ein, das als technisches Eliteregiment der Donaumonarchie galt.

Am 1. Mai 1906 zum Oberleutnant befördert, wurde er am 1. November 1906 in diesem Regiment dem Geniestab bei der Geniedirektion in Trient zugeteilt. 1910 heiratete er Gabriele Wagner (* 1888; † 1945) und hatte mit ihr zwei Kinder. Anlässlich seiner Hochzeit konvertierte Burstyn vom katholischen zum evangelischen Bekenntnis.

Burstyn entwickelte als k.k. Landwehr-Genieoffizier vor dem Ersten Weltkrieg Panzertechnik, die damals aber nicht eingesetzt wurde. Die Versuche dazu führte er 1909 mit Modellbauten und mit Hilfe seines Vaters Adolf Burstyn, Direktor der Eisenbahnschule in Klosterneuburg und ehemaliger Vorstand der Bahnerhaltungs-Sektion Aussee von 1877 bis ca. 1890, an der Schule in K10sterneuburg durch. Warum aber Burstyn den Fahrer des Motorgeschützes mit dem Rücken zur Fahrtrichtung positionierte ist unerklärlich. Als Geschütz wählte er eine österreichische Standartwaffe, sehr wohl wissend, wie er seinem noch zu erwähnenden Bekannten Pollner erklärte, dass dies unzureichend ist und durch ein besseres Modell zu ersetzen wäre. Nur es gab damals kein ihm bekanntes besseres.

1911 konstruierte er den ersten geländegängigen Panzerwagen mit drehbarem Geschützturm, sein „Motorgeschütz“. Der Entwurf, der 1911 patentiert wurde und moderner wirkt als die Panzer des Ersten Weltkrieges, stellte technisch einen Meilenstein in der Geschichte der Panzertechnik dar. Die Grundidee des späteren >Tank< bzw. >Panzer< mit den integrierten Komponenten: Laufwerk - Wanne - drehbarer Geschützturm ist dato im 21. Jahrhundert noch immer der Kern dieser Waffengattung.

Ein ihm guter Bekannter und Freund seines Vaters, den er von seinem Geburtsort Aussee her kannte, der Eisenbahningenieur OIng. Karl Pollner, führte die dazu notwendigen statischen Berechnungen durch. Zu ihrem Leidwesen konnten sie die ihnen bekannte und von der US-Firma Caterpillar bereits erfundene und unter Patent stehende "Raupenkette" nicht dafür verwenden.

Gunther Burstyn erstellte zur besseren Anschauung zwei Miniaturmodelle von dem 1909 entworfenen Typ. Eines davon wurde dem Ausseer Heimatmuseum vermacht und wird dato im Kammerhofmuseum aufbewahrt. Der Verbleib des zweiten Modells ist ungeklärt.

Die bereits Ende 1909 an das österreichische Kriegsministerium eingereichten Pläne wurden mit einem Brief an Gunther Burstyn als >unnötiges Spielzeug, mit dem man sich nicht beschäftigt< zurückgewiesen. Mit dem zynischen Hinweis, dass möglicher Weise der Wiener Automobilclub oder die Polizei dafür sich interessieren könnte wird ihm geraten sich dort hin zuwenden.

Dieser Briefinhalt erboste nicht nur Burstyn sondern auch Pollner, der sich bis zu seinem Tod 1943 schrecklich darüber ärgerte und dies auch mehrmals seinem Sohn, Karl­-Heinz Pollner, gegenüber als warnendes Beispiel erzählte. Eine Abschrift dieses Briefes und die technischen Berechnungen wurden 1945, unter Beisein des Sohnes Karl-Heinz, von seiner Frau aus Angst vor der Besatzungsmacht vernichtet.

"Tank Little Willy", 1915

Gunther Burstyn versuchte es Ende 1911 neuerlich bei der Deutschen Heeresleitung. Auch die deutsche Heeresleitung wies die Idee und eine verbesserte Planzeichnung des neuen Waffentyps "Motorgeschütz 1911" entschieden zurück. Vermutlicher Grund der alten Herren dafür war, dass dies nicht in deren Militärethik passte. Um 1913 kamen die Pläne, die ja nicht geheim gehalten wurden, nach Großbritannien, wurden dort aufgegriffen und nach mehreren Prototypen, die sich alle als untauglich herausstellten, mit dem erfolgreicheren "Tank Little Willy" modifiziert.

In den Kämpfen um Cambrai in Nordfrankreich im Ersten Weltkrieg wurde der Waffentyp erstmals am 15. September 1916 eingesetzt. Allerdings mit sehr geringem Erfolg da 70 % der "Tanks" aus technischen Gründen bereits vor dem Erreichen der Hauptkampflinie ausgefallen waren. Die Deutschen erbeuteten nach der Schlacht mehrere stillliegende Fahrzeuge und versuchten in der Folge, allerdings vergeblich wie etliche Fotos im Kriegsarchiv beweisen, damit etwas anzufangen.

Modell des Motorgeschützes von Gunther Burstyn vor dem Heeresgeschichtlichen Museum in Wien, aufgestellt anlässlich der Ausstellung „Projekt & Entwurf - Militärische Innovationen aus fünf Jahrhunderten“ (16. Juni bis 6. November 2011).

Sehr viele Jahre später wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert das Konzept von Oblt Gunther Burstyn in originaler Größe nach den originalen Plänen vom "HGM" in Wien (Heeres Geschichtliches Museum, Arsenal, Ghegastraße) von dessen Direktor, HR Dr. Christian Ortner, einem gebürtigen Bad Ausseer, nachgebaut und es stellte sich dabei heraus, dass das Fahrzeug in dieser ersten Ausführung nicht gefechts- und einsatzfähig ist.

Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg

Im Bundesheer der Ersten Republik oblagen Major Burstyn nach dem Dienst im damaligen Heeresmuseum bis zu seiner 1933 erfolgten Pensionierung als Generalbaurat überwiegend pioniertechnische Aufgaben. Die Pensionierung traf ihn zutiefst, da er dadurch das Studium seines Sohnes kaum mehr finanzieren konnte.

Den großen Durchbruch seiner Ideen brachte der Zweite Weltkrieg, der an den Fronten ganz wesentlich ein „Krieg der Panzer“ war. Dies verschaffte Burstyn als Pionier dieser Wehrtechnik in der Wehrmacht höchstes Ansehen. Er widmete sich nun der Panzertaktik, insbesondere der Panzerabwehr, und entwickelte verschiedene Sperrmittel, unter anderem den Panzerhöcker als wirksame Panzer-Standardsperre, die auch nach dem Krieg vielfache Verwendung fand, etwa an der seinerzeitigen Innerdeutschen Grenze.

Burstyn war auf Grund der Nürnberger Gesetze als Sohn eines gebürtigen Juden nach NS-Diktion zumindest Halbjude, dürfte aber als Ehrenarier eingestuft worden sein, da ansonsten seine Tätigkeit für die Wehrmacht nicht möglich gewesen wäre.

Am 31. März 1941 konnte Burstyn aufgrund einer Intervention seines Bruders Walther seine Idee einer Panzerfähre Hitler persönlich vortragen und erhielt dafür das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern I. und II. Klasse (verbunden mit einem Ehrensold), das ihm durch Generaloberst Heinz Guderian überreicht wurde. Im Dezember 1941 fiel sein Sohn Walther an der Ostfront.

1944 verlieh die Technische Hochschule Wien zum ersten Mal seit 1938, als der ehemalige US-Präsident Herbert Hoover ausgezeichnet worden war, Ehrendoktorate. Die geehrten Österreicher hatten ihre Verdienste vor dem NS-Regime erworben: Generalbaurat a. D. Gunther Burstyn, Flugpionier Igo Etrich, Automobilkonstrukteur Hans Ledwinka und Eisenbahntechniker Johann Rihosek.

Die akademische Feier im Rahmen der „Tage der Wiener Technischen Hochschule“ aber ehrte Burstyn, den Burstyn-Biografen Daniela und Ewald Angetter zufolge, für seine besonderen Verdienste um die deutsche Kriegsführung.

In dem zur Verleihung der Ehrendoktorwürde eingeholten Gutachten wird Burstyn Angetter zufolge bestätigt, dass seine Einstellung zum Nationalsozialismus einwandfrei sei und er schon als Mitglied der Vaterländischen Front die NSDAP unterstützt habe, sodass seitens der Gauleitung Niederdonau keine Einwände gegen den unter anderem durch den Dozentenführer und den Reichserziehungsminister vorgelegten Antrag betreffend die Verleihung der Ehrendoktorwürde bestünden.

Gunther Burstyn litt 1945 unter Depressionen, war fast völlig blind und konnte wegen einer schweren Krankheit seiner Frau vor den anrückenden sowjetischen Truppen nicht in seinen Geburtsort Bad Aussee flüchten. Am 15. April 1945 setzte er in Korneuburg, wenige Kilometer nördlich von Wien, das soeben von der Roten Armee erobert worden war, seinem Leben ein Ende. Seine Gattin wurde am 20. April 1945 zu Hause tot aufgefunden. Ihre Todesursache wurde mit unbekannt, wahrscheinlich gewaltsamer Tod erfasst.

Nachwirken

1967 wurde die Burstyn-Kaserne mit der Panzertruppenschule des Bundesheeres im niederösterreichischen Zwölfaxing nach Gunther Burstyn benannt.

Im Gegensatz dazu scheiterte allerdings Angetter zufolge die Benennung des Platzes vor der Korneuburger "Dabsch-Kaserne" nach Burstyn am Widerstand der Bevölkerung und der Kommunalpolitiker.

Auszeichnungen (Stand 1933)

  • Eisernes Kreuz II. Klasse
  • Erinnerungskreuz 1912/13
  • Karl-Truppenkreuz
  • Bronzene Militär-Verdienstmedaille am Bande des Militärverdienstkreuzes
  • Militärverdienstkreuz III. Klasse mit der Kriegsdekoration
  • Franz-Joseph-Orden Ritterkreuz mit der Kriegsdekoration
  • Ehrenzeichen für Verdienste um das Rote Kreuz

Weblink

  • ANNO, Völkischer Beobachter, Ausgabe 20. November 1941, Seite 5: Der Pionier des Panzerkampfwagenbaues. Beide Kriegsverdienstkreuze für Generalbaurat a. D. Gunther Burstyn
  • ANNO, Österreichische Auto-Rundschau, Ausgabe vom 2. August 1935, Seite 28: Der Kampfwagen - eine österreichische Erfindung!
  • ANNO, Zeitschrift des österreichischen Ingenieur-Vereines, Ausgabe 4/1932, Seite 276: Bilder vom über eine Geländekante kletternden Panzerfahrzeugs

Quellen

  • Familiengeschichte Pollner
  • Michael Pollner, Obst d. M. aD. Bad Aussee, im Dezember 2020 in Ausseer Geschichten, unveröffentlicht
  • Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia zum Thema "Gunther Burstyn"