Der Siegeszug der fauchenden Dampfrösser

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Der Siegeszug der fauchenden Dampfrösser, der Artikel in der Kleinen Zeitung von Sonntag, den 8. November 2020, Seite 40 und 41.
Der Bahnhof Selzthal um 1875.
Bahnhof Selzthal 1915.

Der Siegeszug der fauchenden Dampfrösser ist ein Beitrag von Gerhard Pliem, Direktor der Volksschule Stainach, veröffentlicht in der Kleinen Zeitung.

Über die Entwicklung der Bahnknoten Stainach und Selzthal

Als die Eisenbahn ab den 1870er-Jahren durch die Region schnaubte, profitierten besonders die Bahnknoten Stainach und Selzthal

Manche historische Ereignisse beeindrucken die Menschen so, dass sich Sagen um sie ranken. Auf einem Hohlweg nach Pürgg findet man den sogenannten „Teufelsfelsen“, auf dem die Klauen des Teufels als Einkerbungen sichtbar sein sollen. „I nah an mein Röckl, alle Tag nur an Stich, mein Röckl wird fertig, die Bahn aber nit“, soll er gesungen haben.[1]

Solche Sagen haben immer einen geschichtlichen Hintergrund“, sagt der Stainach-Pürgger Ortshistoriker Wilhelm Auth. Denn lange rechnete man nicht damit, dass die Salzkammergutbahn, die 1871 von Attnang-Puchheim über den Kaiser-Sommersitz Bad Ischl bis Bad Aussee fertiggestellt worden war, tatsächlich bis Stainach weitergeführt wird. Besonders die Tunnel zwischen Stainach und Lessern sowie die hohen Bahndämme zur Überwindung der Steigung nach Tauplitz waren für damalige Verhältnisse enorm teuer, das Geld ging aus. Erst sechs Jahre später, am 23. Oktober 1877, wurde die gesamte Strecke bis zum Bahnhof Stainach-Irdning feierlich eröffnet.

Dabei musste man weiter östlich einen neuen Bahnhof bauen, weil mit dem alten an der Ennstalstrecke die Steigung nach Pürgg zu groß geworden wäre. Als dann auch noch im letzten Jahr der Bauarbeiten nach dem mysteriösen Bremsversagen einer Dampflokomotive eine Garnitur Schotterwaggons Richtung Stainach ins Tal donnerte, drei Bauarbeiter tötete und zwölf verletzte, waren alle Ingredienzen für das Entstehen einer Sage komplett (Eisenbahnunglück in Stainach).

Den alten Bahnhof gibt es in Stainach übrigens heute noch, er war bereits für die Ennstalstrecke der „Kaiserin Elisabeth Bahn“, die von 1873 bis 1875 von swiki:Bischofshofen[2] nach Selzthal durchgezogen wurde, errichtet worden. „Durch den neu entstandenen Bahnknotenpunkt gewann Stainach immens an Bedeutung, der wirtschaftliche Aufschwung begann. Prächtige Villen schossen aus dem Boden, ein Bahnhofshotel samt Kegelbahn wurde gebaut, viele glaubten an eine ähnliche Entwicklung wie am Semmering und investierten“, so Auth.

Noch ein paar Jahre älter ist die Geschichte des Bahnknotens in Selzthal. „Bereits 1872 war die Kronprinz Rudolf Bahn, die 1869 begonnen wurde und von St. Valentin über Hieflau, das Gesäuse, Admont, Selzthal über Rottenmann bis nach Tarvis führen sollte, bei uns Realität“, weiß der „Eisenbahn-Hobby historiker“ Harald Hackl aus Selzthal. 1875 war der Bahnknoten mit dem Zusammenschluss der Ennstalbahn perfekt, und als 1906 dann noch die Pyhrnbahn mit dem fast fünf Kilometer langen Bosrucktunnel eröffnet wurde, dampften die Züge in vier Richtungen ab. „Der Bosrucktunnel war für Lokführer und Heizer eine Herausforderung, gegen den beißenden Rauch im Tunnel konnte man sich nur mit einem feuchten Schwamm vor dem Gesicht behelfen. Drei bis vier Tonnen Kohle wurden auf der Fahrt von Selzthal nach Linz verfeuert“, weiß Hackl, dessen Vater und Großvater wie er bei der Bahn beschäftigt waren.

1902 gelangte der Bahnhof Selzthal in die Schlagzeilen: Am 30. August wurde auf den Großgrundbesitzer Max von Gutmann ein Bombenattentat verübt, das er leicht verletzt überlebte. Der Attentäter, ein von ihm entlassener Angestellter, wurde bei dem Anschlag getötet. Das alles geschah noch am alten Selzthaler Bahnhof. Der „neue“, ein denkmalgeschützter Jugendstil-Inselbahnhof mit Übergang, wurde von 1910 bis 1912 um drei Millionen Kronen errichtet. Der Bahnhof war voller Leben, mit Speisesälen für erste und zweite Klasse, einer 24 Stunden geöffneten Bar, Trafik und nahen Hotels.

Selzthal lebte von und mit der Eisenbahn: „30 bis 40 Dampfloks sind in der Hochblüte in Selzthal unterwegs gewesen oder waren im Heizhaus. Bei ungünstiger Wetterlage konnte es sein, dass man die Wäsche draußen nicht aufhängen konnte. Dazu kam, dass Bahnschwellen als Brennmaterial verwendet wurden, dann lag eine gelbe Dunstwolke über dem Ort.

Inzwischen sind durch die Elektrifizierung saubere Zeiten angebrochen, von der Vergangenheit zeugen unzählige nostalgische Postkarten. „Dass es von Selzthal so viele verschieden Ansichtskarten gibt, liegt daran, dass die oft langen Pausen beim Umsteigen zwischen zwei Zügen dazu genutzt wurden, Bekannten, Verwandten und Freunden bildliche Eindrücke von den Stationen einer Zugreise zu schicken. Und damals war eben Selzthal ein begehrtes Motiv“, erzählt Hackl.

Quelle

  • Gerhard Pliem: Der Siegeszug der fauchenden Dampfrösser, in: Kleine Zeitung vom 8. November 2020 Seiten 40 und 41, mit schriftlicher Genehmigung von Christian Nerat, Kleine Zeitung Liezen

Fußnoten

  1. Siehe Das Grimmingmandl und die Eisenbahn
  2. Verlinkung(en) mit "swiki:" beginnend führen zu Artikeln im Salzburgwiki, dem Mutterwiki des EnnstalWiki
Eisenbahngeschichte im Bezirk Liezen