Erstbesteigung des Dachsteins war die Erstbesteigung des Torsteins

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Die Geschichte der Erstbesteigung des Hohen Dachsteins führt über die Frage, ob „der Dachstein der Thorstein oder der Door-Stein“ ist.

Ein neues Dokument wurde entdeckt

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt dem Interessierten, dass der Hohe Dachstein erstmals durch die Gebrüder Adam und Peter Gappmayr aus swiki:Filzmoos und dem Tiroler Pater Prof. Peter Karl Thurwieser am 18. Juli 1834 über den Großen Gosaugletscher erfolgte.

Ein weiterer, zeitgenössischer Bericht spricht von einer Dach- oder Thorsteinbesteigung Anfang August 1923.

Ein in den 2000er-Jahren entdecktes Dokument[1] sollte aber nun bewiesen haben, dass es bereits 1819 zur Erstbesteigung des höchsten Berges der Steiermark[2] gekommen war. Diese Annahme ist aber nicht zutreffend und nachstehend die Hintergründe dazu.

Franz Carl Weidmann berichtete

Der damals bekannte Journalist und Reiseschriftsteller Franz Carl Weidmann hatte im Jahr 1834 ein Buch mit dem Titel "Darstellungen aus dem Steyermärkschen Oberlande" herausgebracht. Darin schreibt Weidmann über die erste Dachsteinbesteigung im August 1819 durch den Waldjäger Jakob Buchsteiner, der im Auftrag Erzherzogs Johann von Österreich den Berg erstiegen hatte. Weidmann erwähnte auch, dass Buchsteiner den Gipfel ein zweites Mal gemeinsam mit Georg Kalkschmidt im Auftrag der Steiermärkischen Landesvermessung bestiegen habe und zwar am 5. August 1823. Sie erfüllten den Auftrag, am Gipfel des Dachsteins eine Signalstange zu setzen, damit die trigonometrischen Vermessungsnetze nördlich und südlich des Dachsteingipfels miteinander verknüpft werden konnten. Weidmann schreibt in diesem Buch auch von einem Besteigungsversuch im Jahr 1818.

Bereits am 19. Oktober 1822 veröffentlichte Weidman in der "Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode" Nr. 126 einen Sonettenkranz, in dem er auch dem Dachsteingipfel ein Gedicht gewidmet hatte. In der Fußnote dazu ist zu lesen: "Dieser 9 448 Fuß hohe Berg steht genau in dem Winkel, wo die Grenzmarken Österreichs, Steyermarks und Salzburgs zusammenstoßen. Gewöhnlich hält man ihn für den höchsten Gipfel der Steyermark. Es ist aber noch nicht ganz erwiesen. Der Hochgalling, ein ihm südlich gegenüber stehender Granitkogel, erhebt sich wenigstens fast zu gleicher Höhe. Bis künftiges Jahr werden unternommene Messungen hierüber Gewißheit verschaffen. Man hielt den Dachstein bisher für unersteiglich. Er ward aber 1819 von einem Alpenjäger wirklich erstiegen, und ich denke, nächstens etwas über diese Besteigung, deren Details zu meiner Verfügung stehen, bekannt zu machen."

Der steirische Historiograph Carl Schmutz widerspricht Wiedmann 1825

Es kam zwar nicht mehr zu dem ankündigten Hintergrundartikel, wohl aber erschien am 28. Jänner, 2. und 7. Februar 1825 im "Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst" unter dem Titel "Die erste Besteigung des Dach- oder Thorsteines am 5. August 1823"[3] ein Bericht des k.k. Lieutenants Mikitsch vom Peterwardeiner Grenzregiment und Triangulateur der Catastral-Vermessung in der Steiermark. Herausgeber des Berichts war aber der steirische Historiograph Carl Schmutz, der ihn mit Zusätzen versah.[4]

Carl Schmutz kam darin zur Ansicht, dass Weidmanns Aussage, 1819 sei die Spitze des [Hohen] Dachsteins durch den Waldjäger Buchsteiner bestiegen worden[5], ganz unrichtig sei. Vielmehr hätte Buchsteiner erst 1823 den (heute so bezeichneten) Torsteingipfel (westlich des Hohen Dachsteins) bestiegen. Und zwar zum Ruhme der steirischen Landesvermesser. Dieser Bericht von Schmutz wurde, leicht gekürzt, bereits am 19. und 22. Februar 1825 vom Grazer "Aufmerksamen“ (Der Aufmerksame) und bald darauf von anderen Zeitungen Deutschlands übernommen. Er stellt den bis heute gültigen Erstbesteigungsbericht des heutigen Torsteines dar. Dies trotz seiner Zusätze, in der die Anstiegsroute geschildert wird, die Ortskundigen einige Rätsel aufgibt und noch andere bedeutende Unstimmigkeiten beinhalten.

Nach 1825 galt der Hohe Dachstein somit als noch unbezwungen

Aus dieser Sicht der Dinge galt der Dachsteingipfel selbst noch als unbezwungen und so entstand die Geschichte von der „Erstbesteigung“ 1834 durch die Bergführer Gappmayr. Zurückzuführen ist die Ablehnung der Angaben von Weidmann durch Schmutz auf die damals noch nicht eindeutigen Bezeichnungen der Gipfel des Dachsteinmassivs. Vermessungsergebnisse und Landkarten waren damals geheim und wurden nur einem sehr begrenzten Personenkreis bekannt. So wurde derer heutige Torstein im Volksmund "Dach- oder Thorstein" genannt, der heutige Hohe Dachstein hingegen „Door-Stein“ oder auch Thorstein, ja sogar Torkoppen, und selbst diese Namen mussten als unsicher gelten. Carl Schmutz selbst hatte sich nur einmal 1811 drei Tage lang im Dachsteinmassiv aufgehalten. Daher konnte er unmöglich die Orts- und Sachkenntnis von Weidmann haben, der das Dachsteinmassiv zwischen 1811 und 1829 fünf Mal ausführlich bereiste. Weidmann selbst, ein gutmütiger Mensch, dem Polemik fern stand, hatte seinen Standpunkt niemals verteidigt. Schließlich hatte er sich 1834 auch als letzter zu diesem Thema geäußert. Dass es sich 1823 bei der zweiten Besteigung Buchsteiners wirklich um dieselbe Spitze wie 1819 gehandelt hat, ging daraus hervor, dass Buchsteiner bei seiner ersten Besteigung 1819 auf dem Gipfel etwas Brot, ein Feuerzeug und eine Flintenkugel zurückgelassen hatte, wovon er 1823 noch Feuerzeug und Flintenkugel vorfand.

DI Martin Pollner entdeckte in den 2000er-Jahren einen bisher unbeachteten Artikel

Von dieser ersten Besteigung 1819 ist aber im Bericht von Schmutz 1823 nichts zu finden. Nun konnte DI Martin Pollner, der Autor der Quelle dieses Artikels, bei einer neuerlichen Durchsicht der "Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode" vom 2. November 1824 einen Artikel[6] entdecken, der offenbar zuvor noch niemandem aufgefallen war. Dieser wirft die schon längst beantwortet geglaubte Frage neu auf und entscheidet endgültig: Schmutz hatte unrecht, und Weidmann hatte in allen Punkten recht gehabt.

Die Erstbesteigung im August 1819 gilt als bewiesen?

Der Beginn des neu entdeckten Artikels bezeichnet in seiner Überschrift topographisch vollkommen eindeutig die Dachsteinspitze als denjenigen Gipfel, der 1823 - zum zweiten Mal - bestiegen wurde und wo die Signalstange für die steirische Landesvermessung aufgepflanzt worden war. Es geht aus diesem Artikel klar hervor, dass dessen Grundlage der Artikel von Schmutz aus 1825 wurde, welcher für die Erstveröffentlichung 1824 stilistisch sorgfältig überarbeitet und gekürzt wurde. Wahrscheinlich hatte Weidmann als Mitarbeiter der Zeitung und als wohl einzig wirklicher Orts- und Sachkundiger nur den topographisch eindeutigen Titel beigesteuert. Der Artikel von Schmutz war somit die zweite, aber unbearbeitete Veröffentlichung derselben Arbeit mit einem irreführenden Titel.

Sehr verwunderlich allerdings bleibt die Tatsache, dass der Artikel aus dem Jahr 1824 allen bisherigen Geschichtsschreibern unbekannt (oder unentdeckt blieb) und man sich auf den, unrichtigen, Artikel von Carl Schmutz aus dem Jahr 1825 bezog. Umso verwunderlicher, weil Archive ja oft hundert Mal und öfters durchforstet und durchstöbert wurden und werden.

Aber andererseits steht in diesem Artikel der 'Wiener Zeitung' vom 2. November 1824 auch, dass Buchsteiner selbst in einem Gespräch mit k.k. Leutnant Mikitsch sagte, dass er "schon einmal hoch am Thorstein, jedoch nicht auf dem höchsten Gipfel desselben, gewesen zu sein".

Weidmann schilderte 1834 in seinem Buch auch die genaue Aufstiegsroute

Stillschweigend korrigierte Weidmann in seinem Buch von 1834 eine Reihe von Unstimmigkeiten in den Artikeln von 1824 (dessen Schreiber nicht bekannt ist) und 1825 (dessen Schreiber Carl Schmutz war). Besonders die korrekte Anstiegsroute der Erstbesteiger, die identisch ist mit der Route der Besteigung im Auftrage Erzherzog Johanns aus dem Jahre 1818, wird in diesem Buch beschrieben. Diese Route führte damals vom Ostrand des Gosaugletscher aus über die Steiner- oder die Simonyscharte auf den oberen Westrand des Hallstätter Gletschers. Von dessen oberem Ende ging es über die leicht kletterbare Ostschulter an der Oberkante der Dachstein-Südwand in einem, horizontal gesehenen, Viertelkreis auf den Gipfel. Für diesen Abschnitt muss man allerdings schwindelfrei sein. Auf diese Weise kann man die Randkluft elegant umgehen. Diesen letzten Weg-Abschnitt erklärt auch die Eintragung vom 27./28. August 1810 im Tagebuch Erzherzog Johanns über die Route eines namenlosen Erstbesteigers vor seiner Zeit: " ... Ein alter Jäger war schon auf dem Thorstein, so sagt man! er ist aber todt; man muß bis zu seinem Fuß über den Schnee, dann geht der Steig um den Gipfel herum. Das Gerucht ist aber nicht weiter controlirbar."

Fazit

Aus den nunmehr online zugänglichen Zeitschriftenartikel ist der Schluss zu ziehen, dass es sich tatsächlich um die sprachlichen Ungenauigkeiten der Bergnamen gehandelt hatte, die die Alpinisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts und später auch DI Martin Poller zum Schluss kommen ließen, bei der Besteigung 1819 hätte es sich um den Hohen Dachstein gehandelt (und dann eben 1823 die zweite Besteigung). Aber es ist alles beim Alten: Die Erstbesteigung des höchsten Gipfels der Steiermark, des Hohen Dachsteins, erfolgte durch die beiden Brüder Adam und Peter Gappmayr aus swiki:Filzmoos mit Prof. Peter Karl Thurwieser am 18. Juli 1834.

Weblink

Quelle

  • ein Artikel im Der Ennstaler vom 14. August 2009, geschrieben von DI Martin Pollner, indem auch das Faksimile der Wiener Zeitschrift abgedruckt ist, das beweist, dass der Dachstein 15 Jahre früher als bisher angenommen erstmals bestiegen wurde

Fußnoten

  1. Quelle Der Ennstaler
  2. der allerdings nach Vermessungen in den 2010er-Jahren sich bereits in Oberösterreich befindet
  3. siehe auch ANNOWiener Zeitschrift vom 9. Juli 1829
  4. ANNO → Wiener Zeitschrift vom 2. November 1824
  5. ANNO → Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins 1891
  6. ANNO → ANNO, Wiener Zeitung, Ausgabe vom 2. November 1824, Seite 1ff