Bergbausagen

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Darstellung der "Giglachsage" an den Fensterläden des Hauses Weitgasser in Schladming
"Giglach, moch's Loch zua, die Knappen treibent Übermuat"

Bergbausagen sind überlieferte Geschichten aus früheren Bergbauzentren, die vor allem die besondere Lebens- und Arbeitswelt der Bergknappen zum Inhalt haben.

Ursprünge und Themen der Bergbausagen

Die Sagen um Entstehung und Untergang von Bergwerken, von Berggeistern und Bergmännchen, von Walen und Venedigern[1], von Wassermännern und fundweisenden Tieren, die vor allem in den Bergwerkszentren des 16. und 17. Jahrhunderts ihre Ursprünge haben, sind auch im Ennstal gut bekannt. Einerseits muten diese Sagen romantisch an, andererseits verpacken sie die Gefahren des Berges in lehrreiche Geschichten mit historischem Hintergrund. Der durch sein Berufsumfeld geprägte Mensch sah sich in früheren Jahrhunderten einer Welt gegenüber, die er rein mit dem Verstand nicht erklären konnte. So kam es zu Geschichtskontruktionen und zu einer Vermischung von Diesseits- und Jenseitsvorstellungen, die in immer neuen Ansätzen um dieselben Themen kreisten.

Die sogenannte „Volkssage“ verschaffte sich in vielen berufs- und ortsbedingten Traditions-, Arbeits- und Erlebniswelten ihren Ausdruck. Schauplatz und Wesen der bergbaulichen Berufsarbeit boten diese „Rahmenbedingungen“ für eine reiche Sagenbildung. Man denke nur an die exponierten Lebensbedingungen und das Umfeld der Arbeiter, deren Arbeitswelt und Erlebnishorizont fast ausschließlich die Arbeit unter Tage darstellte.

Die Natur als unberechenbarer Gegner

Der Anstrich des Außergewöhnlichen, die Konfrontation mit Natur, die Übermächtigkeit der Gebirgsstöcke, das Ausgeliefertsein wie das Unerwartete, Unheimliche und Unerklärliche gelten trotz erhöhter Sicherheitsmaßnahmen noch immer als schwerwiegende Faktoren der Bergmannsarbeit. Dem Bergmann stand und steht die Natur als Gegner gegenüber, die von Zeit zu Zeit ihre Opfer fordert. Große Teile der Bergmannssagen sind von der Angst getragen, die in oftmals thematisierten Begegnungen mit unheimlichen Mächten Ausdruck verliehen wird.

Das Suchen und Finden mineralführender Gänge und Flöze war größtenteils dem Zufall überlassen - Wasserläufe, Vegetation, Wünschelrutengeher und „Venedigermandeln“ galten lange als erste Hilfestellung in der Auffindung der Erze. Aber auch bei exakter rationaler Forschung und Berechnung begleitet ein Stück Unberechenbarkeit jede Bergwerksarbeit. Bergmannssagen zeigen somit auch Probleme des menschlichen Lebens wie der beruflichen Existenz der Arbeiterschaft auf.

Sagen als Spiegel der sozialen Situation

Konjunkturen und Krisen bestimmen das Montanwesen seit jeher mehr als alle anderen Zweige der Produktion und Dienstleistung - Gruben müssen, wie schon erwähnt, etwa wegen Erschöpfung der Lagerstätten aufgegeben werden. Das besondere Auf und Ab, wie soziale Not und Armut, spiegeln sich in der Sagenüberlieferung wider.

An den Sagen lassen sich ebenso interne soziale Spannungen, wie etwa Schikanen von Seiten der Vorgesetzten, Aufsässigkeit und Unzufriedenheit der Bergleute ablesen. Sozialkritik von innen und außen geht aus den Berichten über Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiter durch Gewerken und Bergbeamte hervor. Erzählungen über Verschwendung und ausschweifendes Leben der reichgewordenen Bergwerksbevölkerung zeugen von Übermut und Wohlstand – das bekannteste regionale Beispiel ist unten nachzulesen: der „Knappenfrevel am Giglachsee“, deren wahrer Kern wohl genau darauf zurückzuführen ist.

Sagen, die von unerwarteten Funden kostbarer, reicher Bodenschätze berichten, stellen einen Gegenpol zu den Erzählungen von Bedrohung und Untergang dar. Das soziale Milieu, wie es die Sage zu erklären versucht, steht als Ganzes unter dem Vorzeichen der Unsicherheit – neben dem „Wunder“ des reichen Fundes, steht das „Wunder“ der Errettung aus tödlicher Gefahr.

Arbeitsrequisiten und Ausrüstungsgegenstände sind ins Geschehen vielfältig einbezogen: die Tracht, das Geleucht, das Gezähe, wie der Bergmann sein Werkzeug nennt, vor allem Schlägel und Eisen, Keilhaue und Berghammer. Auch die besonderen Arbeitsregeln werden nicht selten in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt, sie besitzen unter abgesonderten, gefahrvollen Voraussetzungen besondere Wichtigkeit.

Die bergmännische Gemeinschaft mit ihrer Eigenständigkeit und als soziale Gruppe, befand sich immer in einer abgehobenen Situation. Durch Privilegien, ihre andersartige Arbeits- und Lebensweise gesellschaftlicher Sonderstatus wirken Bergleute vielfach als Fremdkörper, sie wurden sowohl anerkannt als auch befeindet.

Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen ersuchenden Bergleuten und Bauern werden sozial- und rechtsgeschichtlich als Zusammenprall der frühindustriellen Arbeit mit agrarischer Kontinuität gedeutet. Ähnliche Zeugnisse geben Sagen für das Verhältnis von den aus der Fremde kommenden „Venedigern“ und den einheimischen Hirten auf den Almen.

Konfessionelle Standpunkte - das Verhältnis der Bergleute in ihren verschiedenen Gruppen und Schichten zur Kirche, ihre religiöse Aufgeschlossenheit - färben mitunter die Sageninhalte, die sich sowohl in offenen Auseinandersetzungen (Reformation - Gegenreformation) als auch in untergründigen Konflikten auswirkten.

Mündliche und Schriftliche Überlieferung - Sagenrezeption heute

Die Gefahren der Bergmannsarbeit haben immer wieder Anlass zu Sagenbildungen gegeben. Grubenunglücke, Bergwerkskatastrophe und eigene Erzählungen der Bergleute über ihre Erfahrungen wurden mitunter sensationslüstern und neugierig aufgenommen, denn das Interesse der Allgemeinheit an dieser geheimnisvollen Welt ist immer groß gewesen.

Elemente der Gerüchtebildung ließen zahlreiche Geschichten aus dem Bereich der Bergwerke in weitere Überlieferungszusammenhänge eindringen.

Bevor sie schriftlich fixiert wurden und eine nahezu stabile Form annahmen, haben viele Bergmannssagen über kürzere oder längere Zeit und über verschiedene Entfernungen hinweg eine mündliche und schriftliche Veränderung durchlaufen. Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen wirkten ebenso stabilisierend für die Sagen wie der Rückstrom von Erzählungen aus der Literatur.

Gerne verwendet man Sagen zur Dokumentation von Heimat- und Geschichtsbewusstsein oder zur Identitätsfindung eines Ortes wie z. B. für Wappendarstellungen – das Schladminger Wappen etwa zeigt den arbeitenden Bergmann mit Schlägel und Eisen, dieses Gezähe (Arbeitsgerät) ist auch im Wappen der Gemeinde Rohrmoos-Untertal repräsentiert.

Jene Sagen, die die Geschichte des jeweiligen Ortes betreffen, werden zu bestimmten Anlässen wieder erzählt oder zumindest in den Sachunterricht der Volksschulen miteinbezogen.

Stellenwert, Sagenüberlieferung wie auch die „Sagenproduktion“ sind heute in das kommunikative Handeln von Menschen einbezogen, vollziehen sich im „sozialen Raum“ und sind somit wohl einem sozialen Wandel unterworfen, wobei im Mittelpunkt die Inhalte der Erzählungen in vielen nachvollziehbaren Variationen stehen.

So sind nicht nur die alten Versionen von Geschichten von Bedeutung, sondern auch die zeitgenössischen, populären Erzählungen einhergehend mit der Verwendung Verwendung gegenwärtiger Symbole, die von menschlicher Kreativität zeugen. Gegenwärtige Beispiele wie Theaterstücke bearbeitet von zeitgenössischen Schriftstellern oder musikalische Interpretationen bieten Ansatzpunkte für eine Neubeurteilung zum Weiterleben der Sagenstoffe und deren Stellenwert in der Bevölkerung.

Knappenspiel "Der Berg gibt, der Berg nimmt"

Die Höhlenforschergruppe Schladming führte im Jahre 1991 zusammen mit anderen Laienspielern das Knappenspiel „Der Berg gibt, der Berg nimmt“ auf. Autor Kurt Kopetzky wurde beim Schladminger Literaturwettbewerb 1983 dafür mit dem dritten Preis ausgezeichnet. Für die zweite Aufführung 1992 wurde das Stück in mehreren Passagen umgeändert und um einige Rollen vermehrt.

Das Stück spielt im 16. Jahrhundert und schildert die sozialen Rahmenbedingungen, die das Leben der Bergleute entscheidend prägten, die Spannungen und Unruhen, die der evangelische Glaube mit sich brachte, und nimmt nicht zuletzt Bezug auf die Sage vom Knappenfrevel am Giglachsee.

Bevor der Vorhang aufgeht tritt der Sänger mit einer Drehleier vor und singt die Giglachballade, die den Sinn der Frevelsage in elf Vierzeilern und dem Warnruf wiedergibt. Im Vorspiel zum ersten Akt treffen sich zwei Kinder vor dem Bruderladenhaus und reden miteinander. So kommen sie auch auf Fremdenverkehr in Schladming und die Geschichte des Bergbaues zu sprechen. Franzi erzählt Rosi die Sage von den Knappen am Giglachsee, ihm hat sie ein Sommergast erzählt, der die Geschichte wiederum aus einem Sagenbuch kennt. Als Franzi versucht, Hammer und Eisen von der Museumstür zu nehmen, diese dabei aber fallen lässt, ertönt ein Schlag, der Hutmann tritt auf, und die „alte Zeit“ beginnt. In der zweiten Szene wird noch einmal kurz in einem Dialog der „Ochs“ erwähnt, den sich die Knappen vom „Gigla oba“ holen und braten wollen.

Zeitgenössische Oper "Die Giglachsage"

Am 26. März 2011 fand die Uraufführung von "Die Giglachsage", einer zeitgenössischen Oper für Chor, Orchester und Schauspiel, statt. Dabei handelte es sich um ein schulübergreifendes Projekt: Schüler der Volksschule Schladming, der Hauptschule I Schladming und der Musikschule Schladming präsentierten mit großem Erfolg „Die Giglachsage“ in der Dachstein-Tauern-Halle.

850 Zuschauer ließen sich „durch die dramatische zeitgenössische Musik und die spannende szenische Darstellung in die Zeit des Bergbaus in den Schladminger Tauern zurückversetzen. Schon die ersten Takte der Ouvertüre verhießen den Zuhörern das nahende Unheil! Die Musik steigerte sich durch den Einsatz von Orgel, Schlagwerk und Blechbläsern und einem vierstimmigen Schreikanon, bis die Unheil verkündende Stimme erklang: „Giglach, moch's Loch zua ...!"“. Wie die Schüler weiter selbst betonten, entstand die Idee aus Respekt zur Geschichte der näheren Heimat, aus Freundschaft, Freude und Begeisterung an der gemeinsamen Arbeit.

Das Projektmanagement dazu übernahmen Schülerinnen der Skihandelsschule Schladming. Diese Kinderoper ist in Teilen ein zeitgenössisches Werk, komponiert von MMMag. Klaus Eder. Der Originaltext wurde von SR Dipl.Päd. Heide Radosevic bearbeitet. Rudi Fischbacher, Volksmusikant aus Schladming, begleitete nach alten Bergmannsliedern und Tänzen mit seiner Harmonika.

Diese Projektidee wurde anschließend von KulturKontakt Austria „Kulturelles Erbe verwalten - Zukunft gestalten", einer Institution des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, ausgezeichnet.

Bergbausagen aus dem Ennstal

Sammlung und Untersuchung von Bergbausagen haben sich viele Erzählforscher zur Aufgabe gemacht. Vor allem Karl Haiding, Gründer des Museums in Schloss Trautenfels, verdanken die Ennstaler eine Reihe von Sagenaufzeichnungen und Sageneditionen. Die folgenden Beispiele wurden in „Volkssagen aus der Steiermark“ zuerst publiziert.

Die Zinkwand-Knappen im Giglach bei Schladming

Bis vor kurzem konnte man von der Keinprechthütte auf dem Zinkboden in einem alten Stollen bis hinüber in den swiki:Lungau durchgehen. Dort kam man im Schmiedestollen her¬aus. Von hier ging ein steiler Steig in das Knappenkar, wo eine Knappenhütte stand, und über das Engelkar zu den Giglachseen. In diesem Schmiedstollen arbeiteten einst einige Knappen. Es war tiefer Winter, und der Sturm tobte so arg, dass der ganze Steig verweht wurde. Das kam öfters vor, doch wussten sich die Knappen zu helfen. Sie pflegten dann so zu schreien, dass der Schnee durch die Erschütterung abrutschte und den Weg freigab. Diesmal aber half das Schreien nicht, die Knappen konnten nicht hinaus und waren im Berge gefangen. Das dauerte an, bis sie wegen der Gefahr, dass sie des Hungers stürben, überlegten, einen von ihnen zu töten und sich von ihm zu nähren, als ein warmer Wind den Schnee doch ins Gleiten brachte und sie aus ihrer Notlage befreite.

Der Knappenfrevel am Giglachsee

Vor langen Zeiten brachten die Erzgruben am den Giglachseen reichen Ertrag, wodurch die Knappen zu großem Wohlstände kamen. Daraufhin wurden sie übermütig, prassten und zechten und verübten tolle Streiche. Eines Tages fingen sie einen Stier, der auf der Giglachalm weidete, häuteten ihn bei lebendigem Leibe ab, wickelten ihm seine Haut über die Hörner und trieben das blutende Tier durch das im Obertal, der in den Obertalbach mündet hinaus gegen Schladming. Sie kamen jedoch nur bis zum Glockenhäusler, dort brach der Stier tot zusammen.

Die Strafe für diese Freveltat kündigte sich bald an. Ein einfältiger Knappe, der an dem Treiben der anderen nicht teilgenommen hatte, hörte ein Vöglein singen:

Giglach moch’s Loch zua, die Knappen treibent Übermuat!

Er erzählte den Übeltätern, was er gehört hatte, doch diese verlachten ihn nur. Als sie wieder einmal in der Grube beim Kartenspiele saßen, vernahm der Knappe, dass ein Bach rauschte, und rief den Spielern zu: „Buama, geht’s auffi, ih hör ollewal an Boch, jetzt kimmt wos!“ Sie aber antworteten spöttisch: „Was verstehst denn du schon“, spielten und lachten weiter. Nun aber brach der Bach in die Stollen ein, so dass alle ertranken, und nur der Warner entkam. Mit einem Schlage waren dreihundert Frauen zu Witwen geworden und mit ihren Kindern ins Elend geraten.

Quellen

Einzelnachweise

  1. fremde Erz- und Mineraliensucher, siehe Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia zum Thema "Walen" vom 28. April 2013