Ausverkauf der Heimat ist bereits voll im Gang

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Ausverkauf der Heimat ist bereits voll im Gang ist der Titel eines Beitrags des Ennstalers in seiner Ausgabe vom 14. August 2019.

Einleitung

Die Kleinregion Schladming, das Ausseerland und das Gesäuse profitieren im Bezirk Liezen unzweifelhaft von traumhaft schöner Natur mit Bergen und Seen sowie einer Kultur der Gastfreundschaft, die über Jahrzehnte gut gepflegt und weiterentwickelt wurde. Aktuelle Entwicklungen nähren jedoch die Sorgen, dass die Heimat fremd wird und Kultur wie Natur nur noch Ware sind. Besonders kritisch äußert sich dazu der Künstler Ferdinand Böhme aus Bad Mitterndorf.

In vielen Fremdenverkehrshochburgen Österreichs wie in Tirol oder Kärnten sind längst heftige Diskussionen um den "Ausverkauf der Heimat" entbrannt. Hintergrund für diese Entwicklung dürfte die Niedrigzinsphase am Kapitalmarkt sein, die dazu führt, dass viele Anleger mit ihrem Kapital in die Immobilienwirtschaft fremdenverkehrsstarker Regionen flüchten - mittlerweile auch in jene des Bezirkes Liezen. Hier kommt vor allem das Geschäftsmodell "Buy-to-let" (zu Deutsch: "Kaufe um zu vermieten") zur Anwendung. Dieses, aber auch andere Modelle, fördern vor allem den Erwerb von Zweitwohnsitzen.

Ein Beispiel

Ein Unternehmer errichtet in einer der fremdenverkehrsstarken Regionen im Bezirk Liezen eine ganz normale Wohnanlage. Anstatt die Wohnungen aber an Wohnungssuchende in der Region zu verkaufen, werden die Einheiten finanzstarken Anlegern im Ausland angeboten. Die Käufer wiederum übergeben die Wohnungen dann an eine Betreibergesellschaft zur touristischen Vermietung. Selbst nützen dürfen die Investoren "ihr" Objekt nur einige Wochen im Jahr, doch nach einer gewissen Zeit - meist nach 15 Jahren - wird aus der Investition ein Zweitwohnsitz. Im Fachjargon nennt man das dann "Kalte Betten".

Nun werden immer mehr Stimmen laut, die sich gegen diese Entwicklung zur Wehr setzen. Einer der seine Stimme kräftig erhebt, ist der Künstler Ferdinand Böhme, der mit der Verhüllung seines Skulpturenparks in Bad Mitterndorf ein Zeichen gegen den Ausverkauf der Heimat setzen will. Der "Ennstaler" bat Böhme zum Interview.

Interview mit Ferdinand Böhme

Der Ennstaler: Herr Böhme, was ist dran, dass Sie den Skulpturenpark für immer verhüllen wollen?

Ferdinand Böhme: "Dieses Ge­spräch ist meine Grabesrede zu Ehren unserer Heimat, wie wir sie kennen. Die Holzkisten, in die ich meine Skulpturen hülle, symbolisieren den Sarg."

Der Ennstaler: Was ist der Anlass für diesen pathetischen Schritt?

Ferdinand Böhme: "Ein Ausverkauf findet statt, es fehlt die Vision für die Zukunft dieser einzigartigen Ge­gend. Baulöwen von irgendwo ha­ben ihr Revier gefunden, ein Wett­rennen um die Zerstörung hat angefangen. Der Profit geht anderswo hin, der Flurschaden bleibt uns. Was wie Investition aussieht, ist in Wirk­lichkeit Piraterie. Ein Bürgermeister, der sich als höchste Bauinstanz wahrnimmt, könnte uns verteidigen und die nächste Generation schützen, indem er Bauland rettet."

Der Ennstaler: Ist das nicht eher ein zeitgeistiger Trend?

Ferdinand Böhme: "Hast a bisserl a Zeit? Eine leicht zu verstehende Geschichte: Unsere selbstgebastelten Religionen waren alle nicht sonderlich gut, aber sie hatten zumindest Vision und Philosophie. Welt­weit haben wir sie gegen schnöden Kapitalismus eingetauscht, der uns in konsumierende Materialisten verwandelt. Die Inflation raubt uns den Schlaf und zwingt uns zu investieren. Gold zu teuer, Aktionen zu riskant, Bank keine Zinsen, also bauen. Das bringt Profit und noch weniger Schlaf. Dieser Sinnlos-Kreislauf zerstört. Der Tourist entflieht der Stadt, um sich im Dorf zu erholen. Wenn wir uns nun aber in Vorstädte verwandeln, warum sollte er dann aber überhaupt noch kommen?"

Der Ennstaler: Das klingt, als wären Sie persönlich betroffen?

Ferdinand Böhme: "Wohl wahr. Vor 25 Jahren bin ich zugezogen, um das Paradies zu finden. Frieden, Stille und Freiheit habe ich bekommen, was für mich der ideale Nährboden für Geist und Werk gewesen ist. Um auch meine Dankbarkeit zum Aus­druck zu bringen, habe ich oft und gerne etwas für die Menschen ge­tan. Als nächstes wollte ich das Nach­bargrundstück als Erweiterung vom Skulpturenpark kaufen und mit Obstgarten und Badesee für die Öffentlichkeit widmen. (Anm. d. Red.: Die Pläne dazu sind bei der Bank bekannt). Den Zuschlag be­kam ein Wiener Immobilien-Ent­wick­ler, er baut 25 zweistöckige Touris­ten-Häuser. Wie solch ein Mammut-Projekt in einem Nah­erholungs­gebiet den Zuschlag be­kommen konnte, ist mir schleierhaft, da an der engen Brücke nicht einmal ein Mischwagen zufahren kann. Dieses Bauland ist bisher das Zuhause einer bunten Vielfalt von Wildtieren gewesen. Einer Zer­störung dieser Größenordnung kann ich nicht schweigend zusehen. Der Skulp­turen­park wäre damit ge­schlossen und dem ‚Kulturverein Eike-Forum‘ und dem Woferlstall wird sich ein anderer annehmen müssen. Dann sage ich nur noch ‚Servus, und danke für all das Bier‘. Ich werde meine Energie anders investieren. Das ist eine ganz logische Konse­quenz."

Der Ennstaler: Derzeit sind ja tausend Betten im Zentrum des idyllischen Berg­dorfes Tauplitz geplant, dazu ein dreistöckiges Seminarhotel in Neuhofen - nördlich der Therme. Das Hotel Montana wird auf das Doppelte vergrößert und unter dem Schloss Grubegg in Neuhofen entstehen 25 zweistöckige Tourismus-Siedlungs­ge­bäude unter dem Schloss Grubegg in Neuhofen. Dazu entsteht in der Zlaim in Grundlsee ein eigenes Tourismusdorf und das bestehende Touris­musdorf in der Loser-Maut wird umgebaut.

Ferdinand Böhme: "Das ist auch der Grund, warum ich eine Petition ins Leben gerufen habe, bei der alle Einwohner und Gäste des Ausseerlandes ihre Stimme abgeben können, wenn ihnen diese Entwicklung auch so wenig gefällt wie mir. Viele dieser Projekte sind bereits in der Reali­sierung, aber ein zukunftsfeindlicher Trend wie dieser sollte nicht widerstandslos hingenommen werden. Nicht immer muss es so sein, dass man hinnimmt, was man als be­schlossen ansieht. Schon oft wurde gerade in dieser Region diktiert, was die Bürger nicht gutgeheißen haben. Im Ausseerland wird es definitiv Zeit für ein Zeichen dieser Art! Schon jetzt sind unsere Straßen zu stark belastet, der Lärm damit überpro­portio­nal und Schwierigkeiten mit der Entsorgung zeigen sich in allen Bereichen."

Das Interview mit Ferdinand Böhme führte für den "Ennstaler" Daniela Vergud-Lichtenauer, freie Mitarbeiterin der "Alpenpost".

Quelle