Angelo Soliman

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Angelo Soliman(* [Taufe] an einem 11. September um 1721) stammte ursprünglich aus Afrika, stand als „Hochfürstlicher Mohr“ im Dienste adeliger Europäer und scheint nach Erwerb eines gewissen Reichtums auch als Investor bzw. Gewerke beim Schladminger Kobalterzbergbau auf. Seine facettenreiche Lebensgeschichte als zwangseuropäisierter Afrikaner, Prinzenerzieher und Freimaurer sowie die Präparation seiner sterblichen Überreste nach seinem Tod machten aus Soliman einen Mythos.

Herkunft - Verschleppung

Angelo Soliman gab bei seiner Heirat an, er sei „natus in Africa Parentibus Accatholicis“, also in Afrika nichtkatholischen Eltern geboren worden und bei dieser einzigen Erklärung seinerseits blieb es. Die Wiener Literatin und Gastgeberin eines bekannten bürgerlichen Salons, Caroline Pichler (* 1769; † 1843), war die erste Biografin Solimans und die einzige historische Quelle für seine afrikanischen Ursprünge; ihren Bericht bzw. ihre Erinnerungen an Soliman verfasste sie zehn Jahre nach seinem Tod. Aktuellen Forschungen zufolge wurde er um 1721 geboren und stammte vermutlich aus dem Volk der Kanuri und dessen Stamm der Magumi Kanuri welcher im heutigen Grenzgebiet zwischen Niger und Tschad zu lokalisieren ist. Pichler gibt an, er habe den Namen Mmadi Make getragen; er ist als Moslem aufgewachsen. Die politischen Rahmenumstände in seiner Region waren bewegt und immer wieder von Gewalt in den Grenzgebieten gekennzeichnet. Plündernde berittene Banden entführten Dorfbewohner und verkauften sie als Sklaven. Im Alter von acht Jahren geraubt, wurde Soliman von maghrebinischen Schleppern nach Nordafrika gebracht. Pichler berichtete, dass er vorerst in einer Kolonie in Afrika Kamele hütete. Hier gab man ihm den Namen André. Seiner Erinnerung nach ist er mit einem „schwimmenden Haus“ nach Messina – damals Zentrum des Ostmediterranen Sklavenhandels- gekommen, wo eine Gräfin ihn gekauft und als Bediensteten genommen hat. Solimans neue Herrin sorgte für seine Erziehung und brachte ihn dazu, sich taufen zu lassen. Aus Zuneigung zu einer Dienerin, Angelina, die ihn während einer Krankheit gepflegt hatte, nahm er den Namen Angelo an. Die Grafen Sollima (oder Sollyma) waren eine prominente Adelsfamilie in Messina und eng mit der Administration des österreichischen Militärgouverneurs Fürst Georg Christian Lobkowitz (1686-1763) verbunden. Im Zuge einer Taufe erhielten Sklaven die Nachnamen ihrer Besitzer und so erhielt der Junge bei seiner Taufe wohl den Namen Angelo Sollima, welcher vermutlich aufgrund der Hörgewohnheiten im Habsburgerreich (Suleiman der Prächtige, der 1529 Wien belagert und fast eingenommen hatte, war hier immer noch ein bedrohlich klingender Name) zu Soliman umgewandelt wurde.

An einem 11. September wurde er getauft. Diesen Tag feierte er später als seinen Geburtstag.

Angelo Soliman und Fürst Georg Christian von Lobkowitz

Nach mehrfacher Anfrage wurde er um 1734 dem Fürsten Johann Georg Christian von Lobkowitz „geschenkt“ – vielleicht, um dem Dreizehnjährigen eine Karriere unter fürstlicher Protektion im kaiserlichen Heer zu ermöglichen. Zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte Soliman beim Militärkommandanten und späteren Feldmarschall Lobkowitz, der ihn als Kammerdiener, Soldat und Reisebegleiter einsetzte. Pichler schreibt davon, dass Lobkowitz seinen Diener außerordentlich schätzte und ihm vertraute. In einer Schlacht rettete Soliman ihm das Leben, was wesentlich für seine künftige soziale Stellung verantwortlich gewesen sein könnte. Er soll „als tapferer Krieger und erfahrener Offizier“ (Pichler) ausgezeichnet worden sein. Afrikaner sind seit dem 15 Jahrhundert in europäischen Armeen nachweisbar und in Ermangelung anderer Karrieremöglichkeiten bot ihnen der Militärdienst die Chance, ein relativ eigenständiges Leben zu führen. Die zwanzig Jahre die Soliman beim Fürsten verbrachte, sind bis auf Pichlers Äußerungen aber völlig undokumentiert. Wie es ihm in diesen Jahren erging, weiß man nicht, nur anhand des Lebenslaufs des Fürsten kann man erahnen wir unruhig Solimans Leben verlief, er verbrachte diese Jahre in der Lombardei, in Siebenbürgen, in Böhmen und Ungarn.

„Hochfürstlicher Mohr“ im Hause des Fürsten Joseph Wenzel I. von Liechtenstein

Nach Lobkowitz' Tod oder auch schon davor kam Soliman 1753 zu Fürst Wenzel von Liechtenstein und stieg dort zum Chef der Dienerschaft auf. Die erste gesicherte Erwähnung Solimans stammt aus einer fürstlich Liechtenstein’schen Haushaltsrechnung des Jahres 1754. Dort wird der inzwischen in den Dreißigern stehende Angelo als „Fürstl.Mohr“ bezeichnet. Dies lässt darauf schließen, dass er zu diesem Zeitpunkt einen Dienstvertrag hatte, also kein Sklave mehr war, jedoch nach wie vor mit vielen Einschränkungen der persönlichen Freiheit (etwa dem Verbot zu heiraten und eine Familie zu gründen, keine Trennung von Arbeitszeit und Freizeit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit oder der Auflage sich als repräsentativer Exot kleiden zu müssen)einherging. Die Aufnahme Angelos entsprach dem bekannt opulenten Charakter der Hofhaltung Liechtensteins, seinen Kammerdiener suchte der Fürst auch wie eine prestigeträchtige Neuanschaffung zu repräsentieren und ließ ein Porträt anfertigen, welches sehr bekannt geworden ist. Trotz aller Einschränkungen und Abhängigkeiten konnte Soliman im Gegensatz zur Masse der städtischen Bevölkerung dieser Zeit Luxus und Sicherheit erfahren und bildete zwar ein unfreies, aber kostbares Element in der öffentlichen Selbstinszenierung der Hocharistokratie: sein Aussehen war Stigma aber auch Chance. Für die Wiener High Society war Soliman aufgrund seiner Hautfarbe, aber auch infolge seiner Gewandtheit, seiner Sprachkenntnisse und seines Talents im Kartenspiel ein auffälliger exotischre Referenzpunkt. Überliefert ist auch, dass Kaiser Josef II. Soliman als Gesellschafter schätzte, ihn zu Spaziergängen einlud und mit ihm Schach spielte.

Eheschließung und Familiengründung

Nach dem Gewinn eines großen Geldbetrages beim Glücksspiel in Frankfurt dachte er wohl auch an die Gründung eines eigenen Haushalts und erwarb vermutlich über einen Strohmann ein Haus in der Weißgerbervorstadt. Ohne Wissen des Fürsten heiratete er am 6. Februar 1768 im Stephansdom mit Zustimmung des Kardinalerzbischofs die Witwe Magdalena geborene von Kellermann, verwitwet Christiano. Liechtenstein wünschte Eheschließungen seiner Dienerschaft nicht. Er wollte damit spätere „Versorgungslasten“ seines Hofes für die Hinterbliebenen vermeiden. DEr fürst erfuhr von der Heirat und entließ Soliman fristlos. Aus ungeklärten Gründen verlor Soliman sein Vermögen im Laufe der Jahre wieder, vermutlich durch riskante Investitionen oder Verluste beim Glücksspiel. Am 18. Dezember 1772 wurde seine Tochter Josephine (gest. 1801 in Krakau) geboren.

Soliman als Investor in den Schladminger Bergbau

Seit vielen Jahrzehnten geht in Schladming die sagenhafte Geschichte im Zusammenhang mit dem Bergbau um. Es sollte angeblich ein „hochfürstlicher Mohr“ Anteile an einer Bergbaugewerkschaft gehabt haben. In Schladming wurde im Jahr 1763 eine „k.k. Kobalderzinspektion“ eingerichtet, mit dem Auftrag entsprechende Erzvorkommen in den Schladminger Tauern zu untersuchen. In der Folge wurde über Initiative eines gewissen Peter Paul Strobel und Maximilian Putterer intensive Schurfarbeiten durchgeführt, in deren Verlauf offenbar bauwürdige Vorkommen von Kobalterzen aufgefunden wurden. Der Ausbau der Bergwerke wurde von einer privaten Investorengruppe mit hoher staatlicher Förderung betrieben. Die Gewerken entstammten fast durchwegs wohlhabenden und einflußreichen Kreisen der Wiener Gesellschaft. Im Jahr 1767 kam es schließlich zur Gründung von drei Gewerkschaften und zwar jener des Peter und Paul Stollens, des Mutter von Kirchental Stollens und des Ignazi Stollens. Die Unternehemen waren wenig rentabel und 1768 zog sich das Ärar auf Befehl Maria Theresias aus dem Projekt zurück. Tatsächlich investierte auch Soliman 1767 und 1775 in den Schladminger Bergbau. Soliman war mit vergleichsweise geringen Summen an der Erschließung zweier Stollen (Kobalt und Schwefel) beteiligt und in die operative Führung des Geschäfts nicht eingebunden. Solimans Bekanntschaft mit dem Geologen und Schriftsteller Ignaz von Born, der sich ebenfalls für den Schladminger Bergbau interessierte, könnte so zustande gekommen sein. Soliman schlug später als Bürge die Aufnahme von Born in die Elite-Loge „Zur wahren Eintracht“ vor; Born sollte zu einer zentralen Figur der Freimaurerbewegung werden. Solimans Investition in den Bergbau war wohl ein Verlustgeschäft, es wird vermutet, dass die Aktionäre in betriebswirtschaftlich schwierigen Phasen sogar noch Kapital zuschießen mussten.

Prinzenerzieher und Gesellschafter im Hause Liechtenstein

Der Tod von Fürst Joseph Wenzel und die Übernahme des Majorats durch seinen Neffen, Franz Josef hatte eine überraschende Wende gebracht: Im Jahr 1773 stellte der neue Fürst, Franz Josef von Liechtenstein, Soliman erneut als Prinzenerzieher ein und er übersiedelte wieder in die Herrengasse. Damit sollte die Ungerechtigkeit seines Vorgängers (und Onkels) gutgemacht werden. Als „Gesellschafter“ des Erbprinzen Alois Joseph ging er 1783, also mit zirka 63 Jahren in Pension. Der „geweste Kammerherr“ erhielt auch eine Pension.

Soliman als Freimaurer

Soliman assoziierte sich mit der aufgeklärten Elite Wiens als Mitglied der Wiener Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ und verkehrte mit Spitzenbeamten, Bankiers, Schriftstellern, Wissenschaftlern (Ignaz von Born) und Künstlern (Mozart, Haydn),er beherrschte ein halbes Dutzend europäischer Sprachen, war ein begabter Schachspieler, ihm wurde das Verdienst zugeschrieben, das Verlesen wissenschaftlicher Papiere in seiner Loge eingeführt zu haben. Die Freimaurer konnten wiederum mit Recht auf ihr Mitglied Soliman stolz sein, da er doch in der Wiener Gesellschaft und am Hofe hohes gesellschaftliches Ansehen genoss. Seine Mitgliedschaft bei den Freimaurern in den Jahren von 1781 bis 1786 ist gut dokumentiert. Zehn Jahre vor seinem Tod trat Soliman aus dem Freimaurerbund aus; „Geheimgesellschaften“ wurden durch das „Kriminalpatent“ 1795 verboten, schon ein Jahr später war die Freimaurerei in Wien nicht mehr existent.

Letzte Lebensjahre - Nachkommen

1790, als das fürstliche Palais umgebaut wurde, stand wieder eine Wohnungssuche an und Soliman übersiedelte mit seiner Tochter in eine Wohnung (Ehefrau Magdalena war 1786 verstorben); dieses bürgerliche Quartier war seine letzte Bleibe. Caroline Pichler bemerkte, dass er im Alter sehr zurückgezogen lebte. Dies könnte mit anhaltenden finanziellen Problemen zu tun haben, oder, wie auch vermutet wird, mit einer gewissen Enttäuschung über politische Entwicklungen. Soliman starb am 21. November 1796 im Alter von 75 Jahren an einem Schlaganfall. Solimans Tochter Josephine heiratete 1797 den damaligen Militäringenieur Freiherr Ernst von Feuchtersleben. Sie verstarb jedoch 1801 im Alter von 29 Jahren in Krakau. Ihr 1798 geborener Sohn Eduard von Feuchtersleben studierte später Bergbauwissenschaft und wurde Salineningenieur in Bad Aussee. Er schrieb in jüngeren Jahren Reiseberichte und Theaterstücke. Im Rechnungsbuch des regierenden Fürsten Alois von Liechtenstein findet sich 1805 der Eintrag: „Solimanscher Bub Eduard 75 Gulden“; dies belegt, dass auch Solimans Nachkomme noch von Liechtenstein bedacht wurde. Ernst von Feuchtersleben heiratete nach Josephines Tod erneut und hatte zwei weitere Söhne, wovon ein Sohn der später Dichter und Philosoph ist. Solimans Enkel Eduard Freiherr von Feuchtersleben blieb Junggeselle, bei seinem Tod 1857 hinterließ er keine Nachkommen.

Solimans Körper als menschliches Präparat im Museum

Solimans posthume Bekanntheit begründet sich nicht so sehr in einem erstaunlichen Leben, sondern vielmehr in einer makabren Zurschaustellung seines präparierten Körpers, beziehungsweise seiner Haut, im kaiserlichen Naturalienkabinett nach seinem Tod. Proteste seiner Tochter und der katholischen Kirche gegen diese Schändung richteten nichts aus. Solimans Körper wurde in einem Glaskasten öffentlich zur Schau gestellt, in einem Raum, der eine amerikanische Sumpfszene zeigte, mit ausgestopften Vögeln und Riesennagern. Laut Quellen hieß es, er stünde dort „ als Vertreter des Menschengeschlechtes mit Federkrone, Lendenschurz und Muschelkette“. Nur Teile von Solimans Leichnam waren bestattet worden. Das Soliman-Präparat verbrannte 1848 im Zuge der Wiener Rebellion gegen die absolutistische Herrschaft und sein groteskes Nachleben in seiner materiellen Form war damit abgeschlossen.

Soliman- Dichtung und Wahrheit

In der Literatur wird Soliman öfter wiedergefunden, zahlreiche Aufsätze und Bücher sind in den vergangenen 200 Jahren erschienen, sein Leben als Projektionsfläche benutzt und je nach Perspektive wurde er als Vorbild und Opfer, Kuriosum und erfolgreicher Migrant, bürgerlicher Aufsteiger und ewiger Sklave gesehen. Die Figur des Soliman in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist wohl die wichtigste literarische Verarbeitung der historischen Persönlichkeit, darin lebt im Gefolge des Industriellen Dr. Arnheim ein ins 20 Jahrhundert transferierter „Mohrenknabe“.

Weblinks

Quelle