Mela Hartwig-Spira

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Mela Hartwig-Spira (* 10. Oktober 1893 in Wien, † 24. April 1967 in London, Großbritannien) war Schauspielerin, Schriftstellerin und Malerin. Sie gilt als wichtige Vorläuferin der feministischen Literatur sowie als eine der Avantgardistinnen der bildenden Kunst in der Steiermark; unter anderem war sie in Tauplitz tätig.

Leben und Werk

Mela Hartwig-Spira wuchs in der Haupt- und Residenzstadt der Donaumonarchie auf: Wien war unter anderem bekannt für die Schilderungen Arthur Schnitzlers und jene Stadt in der Sigmund Freud nicht zuletzt auf Basis seiner Gespräche und Beobachtungen von Hysterikerinnen seine Psychoanalyse begründete. In ihren späteren literarischen Werken – die auch eine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse darstellen – sollte es schließlich eine Anhäufung von „hysterischen Weibern“ in überspannten Verhältnissen geben. Als Schriftstellerin zeichnete Hartwig-Spira deren sexuelle Wunschträume nach, Träume, die in hysterischer Schwangerschaft und Selbsterniedrigung endeten, stellte weibliche Fixiertheiten in (früh-)kindlichen Stadien der Sexualität dar und ließ ihre Frauen an ödipalen Konflikten zugrunde gehen oder am Widerstreit zwischen Ich und Es zerbrechen.

Die Kultur nahm bereits in ihrem jungen Leben einen hohen Stellenwert ein; so wurden sie und ihre Schwester Greta – beide waren nach der Scheidung der Eltern dem Vater zugesprochen worden – zu Schauspielerinnen ausgebildet. Mela machte als Schauspielerin Karriere und kam nach Engagements an Provinzbühnen an das Schiller-Theater in Berlin. Auf der Bühne reüssierte sie unter anderem als „Lulu“ in Frank Wedekinds gleichnamigem Stück.

1921 heiratete Mela Hartwig den jüdischen Rechtsanwalt Robert Spira, beendete ihre Laufbahn als Schauspielerin und zog mit ihrem Mann nach Graz. Zum Wohnsitz wählte das Ehepaar eine Villa in Gösting, einen damaligen Vorort und heutigen Bezirk von Graz, sowie als Zweitwohnsitz ein Haus in Tauplitz. In dieser Zeit und vor allem in diesen beiden Refugien begann sie zu schreiben. Als ihr Entdecker gilt der Autor des Romans „Berlin Alexanderplatz“, Alfred Döblin, welcher ihre Novelle „Das Verbrechen“ auszeichnete und sie als geeignet für einen psychoanalytischen Verlag erachtete: Die darin naturnah geschilderte Liebe zu einem psychiatrischen, sadistischen Vater führte zum Mord durch die Tochter, wodurch die Autorin ein neues Sujet in das literarische Urthema Vatermord eingebracht hatte.

1928 veröffentlichte sie als Mela Hartwig den Novellenband „Ekstasen“ und 1931 den Roman „Das Weib ist ein Nichts“, womit sie ihren größten Erfolg verbuchen konnte.

Nach anfänglichen Anerkennungen sollte sich das Blatt aber wenden. Im deutschsprachigen Raum wurde Hartwig-Spira von der bürgerlichen Kritik sowohl in Thematik als auch aufgrund ihrer ekstatisch-expressionistischen Sprache zusehends als anstößig abgewertet. Sie ließ ihre Bücher im Verlag Zsolnay herausgegeben, welchem ihre Themen aber ebenso zu gewagt wurden, wie man ihr in Hinblick auf den deutschen Markt, den bereits die Nationalsozialisten diktierten, mitteilte. Auch in Österreich spitzte sich die Lage immer mehr zu und eskalierte im Bürgerkrieg des Februar 1934. Die Autorin musste schmerzlich erkennen, dass es ihr unmöglich gemacht wurde mit ihren literarischen Arbeiten ein Publikum zu erreichen. Aus diesem Grund lenkte sie ihre Kreativität in andere Bahnen: Sie wurde Malerin. Mela, eng mit der Familie Wickenburg befreundet, nahm bei Alfred Wickenburg Malunterricht und schuf Bilder, die zu den frühesten Beispielen abstrakter Kunst in der Steiermark zählen. Doch auch in der Malerei stieß sie mit ihrem Werk auf Widerstand. In Österreich war die nationalsozialistische Rechte im Vormarsch, der Antisemitismus nahm zu und schließlich kam das Anschlussjahr 1938. Mela Hartwig-Spira, jüdisch, politisch links orientiert und modern im Malstil war jetzt gleich mehrfach verfemt.

Emigration

Im August 1938 wurden die Häuser des Ehepaares in Graz und Tauplitz zugunsten der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei bzw. des Deutschen Reiches eingezogen sowie deren Kunstsammlung beschlagnahmt. Das Ehepaar flüchtete schließlich über die Tschechoslowakei, Spanien und Frankreich nach England, wo sie geprägt von materieller Not im Emigrantenviertel im Nordwesten von London lebten. 1939 lernte Mela die Schriftstellerin Virginia Woolf kennen, die ihr über den PEN-Club ein „Work Permit“ verschaffte. In weiterer Folge arbeitete sie als Lehrerin für deutsche Sprache und Literatur und übertrug englische sowie französische Texte. Dennoch: Der vergleichsweise rasche Anschluss an englische Künstler- und Intellektuellenkreise konnte für Mela Hartwig-Spira die Abtrennung von ihren sprachlichen und kulturellen Traditionen nicht wettmachen.

Erst 1943 scheint sich die Lage der Spiras gebessert zu haben. Das Ehepaar übersiedelte nach Brixton, Mela begann wieder zu schreiben und Robert fand Beschäftigung als Librarian Assistent am Courtould Institute of Art. Aufopfernd aber letztendlich vergeblich bemühte er sich auch um die Veröffentlichung von ihren Werken in England. Lediglich in der „Kulturellen Schriftenreihe“ des „Free Austrian Movements“ erschien unter dem Titel „Die Frau in der österreichischen Kultur“ ein kurzer Text.

1943/44 entstand der, jedoch unveröffentlicht gebliebene Roman „Der verlorene Traum“, ein zeit- und ortloses Ehethema um Treue und Untreue.

Nachkriegsjahre – drei Tannenbäume aus Tauplitz

Nach dem Krieg wandte sich Mela wieder aktuellen Themen zu. 1948 vollendete sie den Roman „Inferno“, eine Auseinandersetzung mit der Frage des Widerstands – doch auch dieser Roman sollte nicht veröffentlicht werden.

1948 kamen die Spiras wieder nach Tauplitz, während Robert Spira in Graz bezüglich der Restitution der geraubten Bildersammlung verhandelte. Er erhielt manche Werke zurück, einige schenkte er der Neuen Galerie Graz. Ihre Häuser in Tauplitz und in Graz-Gösting sollten aber erst in den 1960er Jahren restituiert werden. Die schleppende Art der Abwicklung der Rückgabe hatte bei den Spiras bittere Spuren hinterlassen und sie mussten schmerzhaft erkennen, dass sie ihre Heimat ein zweites Mal verloren hatten. In der Folge kehrten sie nach London zurück, wobei Robert Spira drei kleine Tannenbäume von Tauplitz mitnahm, die er im Garten ihres Reihenhauses in London pflanzte.

Melas Hoffnungen auf einen Wiedereinstieg in das literarische Leben in Österreich und in Deutschland wurden somit enttäuscht, auch aufgrund dessen, dass sie keinen Verleger für ihre unveröffentlichten Arbeiten finden konnte. Ebenso wurde sie Opfer eines restaurativen Literaturbetriebes, der, wie beispielsweise bei den Dichterwochen in Pürgg, die in der NS-Zeit arrivierten Autoren wiederaufleben ließ.

Hartwig-Spira konnte nur ein einziges Buch, den mit Illustrationen von Alfred Wickenburg versehenen Gedichtband „Spiegelungen“ (1953), herausbringen. Aus einer Resignation heraus wandte sie sich abermals der Malerei zu und mischte gegenständliche und abstrakte Kunst zu einer Einheit. Dieses Mal stießen ihre Werke jedoch auf positive Resonanz: Mehrere Londoner Galerien stellten sie aus und kauften ihre Bilder; in diesem Zusammenhang sind weiters zum Beispiel das Museum in Ulm, zwei Museen in Israel sowie die Neue Galerie in Graz zu nennen. Zu erwähnen ist auch, dass namhafte private Sammler wie Christopher Fry und John Osborne ihre Werke erwarben.

Parallel dazu begann sie wieder einen Roman niederzuschreiben und stellte darin die Unterscheidung von Normalität und Wahnsinn, Sinn und Unsinn als auch Leben und Tod in Frage. Der Text blieb ein Torso. Mela Hartwig stirbt am 24. April 1967 in London, wenige Tage später nimmt sich ihr Mann das Leben.

Quelle

  • Dienes, Gerhard M.: Mela Hartwig-Spira. Stationen ihres Lebens, Vortrag in London am 7. Oktober 2010