Die zu spät gekommenen "Erschließer"

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Die zu spät gekommenen "Erschließer" waren im 19. Jahrhundert zwei Grazer Alpinisten, die meinten, sie seien die Ersten auf den Gipfeln der Haller Mauern. Doch dem war nicht so.

Die Geschichte

Mit der Fertigstellung der "Kronprinz Rudolf Bahn" im Jahre 1872 begann der Touristenstrom aus Wien und Graz in das Gesäuse zu fluten. Man "erschloss" die Berge. 1877, dem Jahr der Erstbesteigung des Kleinen Buchsteins und des Ödsteins sowie der Erstbegehung des Peternpfades) erstiegen und überquerten die beiden Grazer Dr. August Martinez und Franz Eduard Rumpel in neun Bergtouren die Haller Mauern. Sie veröffentlichten ein Jahr später ihre Beobachtungen, vermehrt durch wissenschaftliche Beiträge von Pater Gabriel Strobl, der auch Botaniker war.

Martinez und Rumpel meinten, dass die alpine Literatur, ja die Touristik überhaupt, sich bisher nur sehr wenig mit den Haller Mauern befasst hat und dieselben daher, mit Ausnahme des Gr. Pyrgas, Scheiblingstein und Natterriegel, fast eine terra incognita bildeten. Diese „terra incognita“ gedachten sie zu erforschen, vor allem wollten sie betreffs des bevorstehenden Angriffes auf den Hexenthurm Recognoscirungen anstellen. Als „Hexenturm“ bezeichneten die beiden die bisherige „Bärnkarmauer“ (den westlichen Nachbargipfel des Natterriegels) und führten damit den falschen Begriff in die Literatur ein.

Aber auch der „Hexenturm“ war keine „terra incognita“ mehr. Er war zum Leidwesen der „Erschließer“ bereits bestiegen:

Wir hatten von Admont aus ... mit dem Perspectiv deutlich eine weisse Stange auf dem östlichen Gipfel erblickt. Die Stange wurde auf Veranlassung des Forstamtes St. Gallen im August 1877 von Handlangern aufgestellt.

Vor diesen Forstarbeitern war der Jäger Hechtner im Jahre 1862 der vermutlich Erste auf dem Hexenturm. Mehrmals fanden unsere „Erschließer“ auf den übrigen Gipfeln durchnumerierte Signalstangen (Hexenturm: Nr. 123) sowie Triangulierungszeichen aus der großen Katastervermessung von 1823/24. - Und daß bereits um 1709 (!) zwischen Pyhrgas und Kreuzmauer Grenzkommissionen die Grate und Gipfel begangen und die österreichisch - steirische Grenze in Grenzprotokollen festgehalten hatten, sei hier nur am Rande erwähnt.

Dennoch gelten bis heute Martinez/ Rumpel mit den Admontern Draxler, Friedl, mit der Frau Marie Pachmayer, dem bereits erwähnten Jäger Hechtner als erste „touristische Ersteiger“ des Gipfels. Und auch ein Geistlicher war dabei: Pater Gabriel Strobl. Er stieg nach dem „Gipfelsieg“ mit Friedl erstmals durch die Südrinne nach Admont ab.

Nun aber genug von Angriffen, Gipfelsiegen und erster touristischer Ersteigung. Martinez/ Rumpel können auch gut erzählen. Beim Anstieg zum Natterriegel hatten sie sich einer besonders tückischen alpinen Gefahr zu stellen - dem Grabneralmstier.

Der Grabneralmstier

Knapp vor der Grabneralm warnten die vorausgeeilten Admonter Herren Draxler, Friedl und Pater Gabriel Strobl durch Zurufe:

Bei einander bleiben! Ein Stier ist da!“ Wirklich hörten wir, zu sehen war nämlich noch nichts, in einiger Entfernung aus einem Gehölze Laute, wie wenn Jemand Uebungen auf der Basstrompete versucht. Der Beherrscher der Grabneralpe hatte uns gewittert!

Viribus unitis! hiess nun unser Losungswort und vorsichtig wie der Verschwörer-Chor in „Angot“ rückten wir im Gänsemarsche vorwärts. Voran schritt Freund Hechtner, indem er uns beruhigend sagte, er wisse schon ein Mittel, dass uns der Stier ungeschoren lassen würde. Bei einer Wendung des Steiges kam der Stier in Sicht; da stand er links knapp am Wege und knurrte zornig wie ein grosser Kettenhund. Beim Anblicke des unheilbrütenden, unbeweglichen Machthabers begann unser schöner Gänsemarsch immer mehr in Unordnung zu kommen, da die Furchtsamsten, welche ohnediess die Letzten waren, allmählich nach Rechts abwichen ...

Plötzlich regt sich der Stier! - Noch ein Sprung nach Rechts unsererseits, alle Bergstöcke starren ihm mit der Spitze entgegen.

- Da, im entscheidenden Momente, setzt Hechtner die Clarinette an den Mund und entlockt ihr liebliche Töne, Arion gleich, als er mit göttlichen Klängen die Thiere des Meeres bezähmte. Der Stier horcht und milder und milder wird sein Murren, ruhig lässt er die Gesellschaft ziehen; die Geister der Musik, von Künstlerhand geweckt, haben ihn gebändigt.

Quelle