Josefa Gerharter

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Josefa Gerharter (* 1862; † 1945), Schladminger Stöhrnäherin[1], wohnhaft in der Berggasse, war eine wichtige Gewährsperson in der Gründungszeit des Volkskundemuseums Universalmuseum Joanneum.

Leben

Sie war die Schwiegermutter des Malers und Restaurators Franz Winkler. Gerharter wurde für Viktor Geramb zu einer wichtigen Vermittlerin für bäuerliche Möbel, Hausrat, Trachtenstücke und Werkzeug aus der Region Schladming. Durch ihren Beruf als Störnäherin war ihr bekannt, auf welchem Hof man welche Gegenstände verkaufen oder hergeben würde. Ein reger Briefwechsel aus den Jahren 1914 bis 1918 zwischen dem „geehrten Herrn Doktor“ und der einfachen Handwerkerin mit bäuerlichen Wurzeln ist in den Akten des Volkskundemuseums erhalten und ist voll von aufschlussreichen Einzelheiten über Herkunft und Funktion heutiger Museumsobjekte und ein Spielgelbild der Lebensweise im oberen Ennstal des frühen 20. Jahrhundert.

Die Briefe sind in gediegener Oberennstaler Mundart verfasst und weisen die ganze Bandbreite zwischen mangelhafter Rechtschreibung und gekonntem Briefstil auf. Nur ein einziges Mal muss Nelli Winkler (Gattin von Franz Winkler) für ihre Mutter vermitteln, danach wendet sich die Schladmingerin schon ohne Scheu persönlich an den großen Volkskundler.

Liebe Tochter!
Sei so gut und zeige diesen großen Herrn im Museum dieses Schreiben, da ich in der Umgebung wohl bekannt bin und solche allerhand Sachen schon gesehen habe in den Häusern wo ich genäht habe (. . .). Ich möchte diesen Herren schon allerhand altertümliches einhändigen hier von Obersteier wen mans gut zahlen kann. Bitte schreibet mir dann gleich zurük was im Museum gesagt haben daß ich mich erkundige darüber (. . .).

Bereits am 11. Februar 1914 richtet Josefa Gerharter ihr erstes Schreiben direkt an Geramb, stellt sich vor und bietet ihre Vermittlerdienste an.

Guter Herr Doktor!
Am Anfang muß ich um Entschuldigung bitten, dass ich an Sie schreibe. Ich bin nemlich durch meine Tochter Frau Winkler zu einen Ihrigen Heft gekomen vom Johaneum wo ich sehr vieles gelesen habe was Sie in Ihren Museum haben und noch haben wollten. Ich wäre daher gern bereit weil ich oft in die Bauernhäuser kome nähen (auf die Steh) Ihnen allerhand alte Sachen einzuhändigen (altes Zeug) wen ich genau wüßte, was Sie auch noch alles kaufen oder brauchen (. . .).

Hochachtungsvoll grüßt Sie Fr. Josefa Gerharter, Näherin in Schladming, Berggasse Nr. 63.

Schon nach wenigen Wochen, am 1. März 1914, folgt der nächste Brief mit weiteren Details und Angeboten.

Den Zirmkasten hab ich schon käuflich erworben und werde denselben bald schiken samt mehreren Kleinigkeiten darin. Dieser wird Ihnen wohl gefallen mit Evangelisten Jesaias, Jeremias, Daniel, Josua auch ist eine Inschrift über der Thüren hab nie keinen solchen gesehen auswendig ein verborgener Spalt zum Schüssel versteken den ich anzeichnen werde (. . .).

Ein bemaltes Schnapsglas wo der Engel die ersten Menschen aus dem Paradies austreibt Adam und Eva, das würden Sie auch brauchen können nicht wahr?

Während sie im Brief das verzierte Schnapsglas auf Hochdeutsch beschreibt, lautet die Objektbezeichnung im Museumsinventar: „Gmolns Schnopstlasl“, mit hochdeutscher „Übersetzung“. Unter Bemerkungen ist angeführt: „In dem Schnopstlasl kriagt ma ban Hoagoschtngehn an Schnops drein“. Hier hat Geramb eine ihrer mündlichen Erklärungen exakt übernommen. Der zuvor erwähnte Zirbenholzkasten mit den Prophetendarstellungen – Gerharter schreibt irrtümlich von „Evangelisten“ – ist Thema mehrerer Briefe. Besonders informativ ist ein Schreiben vom 22. März 1914 in dem sie Einzelheiten über Entstehung und Vorbesitzer, sowie Konstruktionsdetails schildert, die später wesentlich zur genauen Objektdokumentation im Museum beigetragen haben.

Wie ich Ihnen schon früher einen Brief sandte, wegen den Zirmkasten, so kann ich Ihnen mittheilen, daß ich denselben endlich jetzt aufgeben konnte auf die Bahn früher ließ mir die Besitzerin davon eine Taglöhnerin nichts wegführen weil sie im noch brauchte bevor der Tischler den Neuen nicht fertig hatte.

Es hatte nemlich ein Familienvater die Idee, es war ein Bauer und Mühlbesitzer aus der Winkelmühl seinen Kindern solche eigenthümliche Kästen machen zu lassen eine Serie, er war sehr gottesfürchtig und sein Sohn Herman dem dieser Kasten gehörte fuhr nach Amerika wo er bald starb, der Kasten blieb natürlich zurück. Bitte sehen Sie inwendig nach auf der linken Seite oben, ist ein vorstehender Valz für den Schlüssel den man von außen hineinlegen kann dessen Leistl mit den das Loch verschlossen ist, ist jetzt zugenagelt damits nicht verloren geht der Kasten ist durch und durch zirma (aus Zirbenholz) freilich schon etwas schadhaft von den herumwandern.

Den Preis davon können wir hier nicht bestimmen, nach Ihrer großmüthigen Anschauung hoffentlich darf Niemand schaden leiden, welches Geld Sie dafür schicken, weil sonst unentberlich war. Auch habe ich von anderen Leuten noch Kleinigkeiten in den Schuwa (Schublade) vom Kasten hineingegeben für das Sie halt auch nach Ihrer Bewertung zahlen möchten, freilich wenn’s gut gezahlt wird, so bekomt mann doch leichter was, weil schon nicht mehr viel vorhanden ist und immer und immer wurde aus gekauft von verschiedenen Personen…

Gemeint ist hier z.B. der Schladminger Friseur und Privatsammler Karl Balzar. Viktor Geramb hat übrigens im Mai 1914 auch einen großen Teil der volkskundlichen Objekte der Sammlung Balzar, die als Schladminger Ortsmuseum geführt worden war, für das Volkskundemuseum angekauft. Als Geramb ankündigt, am Karfreitag des Jahres 1914 für Volksliedaufzeichnungen nach Schladming kommen zu wollen, weist die einfache Störnäherin den Gelehrten in die Schranken und erinnert an die konfessionelle Lage in ihrer Heimat, wenn sie schreibt:

Geehrter Herr Dkt.
Wie ich aus Ihren Schreiben entnahm wollen Sie zu Ostern hieher komen (. . .), daß Sie vielleicht schon am Carfreitag komen dürften, so muß ich eben berichten, daß daselm wohl beßer wäre noch nicht, weil wir hier großentheils protestantische (lutherische) sind und da haben wir den feierlichsten und heiligsten Tag vom ganzen Jahr der stille Freitag, so ist mit die Leute hier nicht viel zu machen nicht viel los, geht alles beichten am Todestag unseres Herrn, deshalb wäre mit Singen gar nichts . . .

Nicht immer verläuft der Kontakt zwischen Josefa Gerharter und Viktor Geramb reibungslos. Bereits nach wenigen Monaten scheint Gerharter eine derartige Eigendynamik zu entwickeln, dass sie wiederholt Postsendungen ungebeten an das Volkskundemuseum schickt. Auf ablehnende und ungehaltene Antworten Gerambs hin, pflegt sie entschuldigend und untertänigst zu reagieren. Schnell stimmt sie den Museumsmann wieder milde und nach wenigen Wochen folgt meist schon ein weiterer Brief mit Objektangeboten. Unterschiedliche Preis- und Wertvorstellungen führen allerdings immer wieder zu beträchtlichen Meinungsverschiedenheiten, die sich oft über mehrere Briefe erstrecken.

Auf schriftliche Zurechtweisungen oder für sie unbefriedigende Angebote Gerambs reagiert die Schladmingerin mitunter sarkastisch. So zum Beispiel im Fall einer von ihr zu wertvoll eingeschätzten Truhe, für die sie dem Vorbesitzer 24 Kronen im Voraus bezahlt, von Geramb aber nur fünf, später acht Kronen ersetzt bekommt. Als Geramb sie nachdrücklich auf den minderen Wert des Stückes hinweist, das sich zu diesem Zeitpunkt aber schon im Museum in Graz befindet, antwortet Josefa Gerharter:

'(. . .) Ich muß frei einmal eigens nach Graz fahren und schaun ob Sies wohl zu einer Kohlentruhe haben (. . .) und verlangt von Geramb eine maschinschriftliche Erklärung, um gegenüber dem Vorbesitzer besser da zu stehen:

(. . .) wenn Sie nicht bei der Truhe noch etliche K dazu legen, vielleicht jetzt wegen den Krieg, (bitte ich) mir das beigelegte Papier mit Schreibmaschine und Ihrer Unterschrift versehene ursache schreiben, warum Sie nicht mehr schiken als 5 K, den sonst glaubens mir die Leute gar nicht (. . .).

Es ist faszinierend, mit welchem enormen Einsatz sie bei der Sache ist. So schildert sie langwierige Transporte von Objekten unter schwierigen Bedingungen.

(. . .) ich habs so 2½ Stunden von hintersten Schladmingthal herausgezahrt (. . .)

Die künftigen Museumsstücke werden von ihr auf einem Handwagen zur Bahn gezogen. Sie sorgt für Verpackung, erledigt die Frachtformalitäten. Der Stationsdiener wird mittels Trinkgeld dazu gebracht, ihre Spezialsendungen bevorzugt zu befördern. Häufig erschweren kriegsbedingte Unterbrechungen im Bahnverkehr einen planmäßigen Transport des Frachtgutes zwischen Schladming und dem rund 200 Bahnkilometer entfernten Graz.

1916 „bestellt“ Geramb bei Josefa Gerharter die Bettausstattung für sämtliche im Museum ausgestellten Betten. Mehrfach erwähnt sie, mit welchem Stolz es sie erfülle, auf diese Art am Aufbau des Volkskundemuseums mitwirken zu dürfen.

(…) würde mich freuen wen ich alles zusamen richten dürfte ganz komplet weil es sonst wohl niemand beßer weiß wie es hier bei die Bauern früher da Brauch war (. . .).

Im Laufe der Bekanntschaft mit Viktor Geramb dürfte sie auch dessen Gattin Frieda kennen gelernt haben. Etwa ab 1916 verabsäumt Josefa Gerharter es nicht, in ihren Briefen auch immer die „gnädige Frau“ oder die „Frau Gemahlin“ anzusprechen oder sie grüßen zu lassen. Geradezu ins Schwärmen gerät sie in ihrem drittletzten Brief vom 4. April 1918.

(. . .) Ich möchte jetzt wohl wieder einmal gern hineinsehn in das Museum, vielleicht kom ich doch heuer auch einmal hinunter, wenn einmal Frieden wär und die Bahn billiger wär, dann käme ich zu Ihnen Herr und gnädige Frau Dkt. Bauernkost kochen, zeigen Schottsupm Einbrennkoch a Muas roganö Kropfn und Weizernö Straum u. Povösnschnittn Neunhäutlnull und Vötlkropfn Schnurausbenln und a Ramkoch a Griesmusa und a Oastraum a Scheitahäuföl u. Lözetwuzl und zlöst a Brantweinsupm Heiliggeist Kropfn sind nur zu die Pfingstn dabrauch und d Foamknöpfl zan Holzgehn Weinbeerkrapfl u. Hönögkropfn zan Hochzeitgehn (. . .)

Vereinzelt finden sich 1918 noch Anhaltspunkte über Vermittlung von Sammlungsobjekten, aber wesentlich weniger detailliert als in den Jahren zuvor. Es folgt am 8. April noch ein Schreiben, das wieder auf massive Unstimmigkeiten zwischen Geramb und Gerharter über geleistete und nicht geleistete, versprochene und erhoffte Zahlungen schließen lässt und mit folgendem Satz endet:

(…) Mit aller Hochachtung grüße ich Sie herzlich und bitte, über alle Irrtümer genau nachzudenken, ich will Sie nicht hintergehen (…)

Versöhnlich klingt schließlich der letzte erhaltene Brief dieser facettenreichen Korrespondenz, vom 18. April 1918:

Muß Ihnen soeben meinen verbindlichsten Dank aussprechen für das gesandte Geld, wo ich wieder sehr zufrieden bin und bin in der Hoffnung, daß Sie die Überzeugung haben, Sie nicht hintergangen zu haben, den daß bin ich nicht gewohnt und wäre mir sehr unlieb. (…)

So hat die einfache Schladminger Störnäherin Josefa Gerharter in nur vier Jahren dazu beigetragen, die junge volkskundliche Sammlung des Steiermärkischen Landesmuseums Joanneum um rund einhundert Objekte aus dem oberen Ennstal zu bereichern, ganz im Sinne des Museumsgründers und -leiters Viktor Geramb, der damals bestrebt war „wirklich nur steirische Volksaltertümer“ zu erwerben.

Quelle

Einzelnachweise

  1. siehe Salzburgwiki Störhandwerker