Todesmarsch 1945: von Liezen auf den Pyhrnpass

Dr. Alois Leitner hat den Todesmarsch ungarischer Juden über den Triebener Tauern im April 1945 in der Publikation "Der Tauern", Beiträge zur Kultur- und Heimatgeschichte Hohentauerns, im April 2010 beschrieben. Dieser Artikel schildert die damit verbundenen Ereignisse zwischen Liezen und dem Pyhrnpass.

13 Erschießungen

Am späten Nachmittag des 13. April 1945 traf der „Transport“ in Liezen ein. Übernachtet wurde in einer Scheune am Ortseingang, es gab Verpflegung. Bereits am nächsten Morgen um sieben Uhr früh mussten sie weitermarschieren und erreichten am Nachmittag die Gaugrenze. 13 zu sehr geschwächte Juden blieben in Liezen zurück. Sie hätten nach einer Ruhepause mit einem Zug von Nachzüglern mitgehen sollen, wurden aber wegen Verdacht auf Flecktyphus erschossen. Nachdem am 14. April 1945 der Transport Liezen verlassen hatte, marschierten sie über den Pyhrnpass nach Kirchdorf an der Krems und Steyr nach Mauthausen.

Zeitzeugenberichte

Frau Hafner, die Gattin eines Straßenwärters in Liezen berichtet:
Es war schrecklich anzuschauen, wie die armen Menschen daherkamen. Die Gefangenen hoben Regenwürmer und Schnecken von der Straße auf, um sie gierig zu verschlingen. Mein ehemaliges Pflichtjahrmädchen, Stefanie Rudorfer, und ich wollten den hungrigen Menschen Kartoffeln und Rüben geben, aber wir wurden von der Begleitmannschaft mit erhobenen Revolvern ins Haus gejagt. Die Gefangenen konnten nicht mehr weiter, und so mussten sie in einem Heustadl am Ufer der Enns, in der Nähe der Röthelbrücke, lagern. In der Wachmannschaft befanden sich die Volkssturmmänner Lasser, Sulzbacher, Skalnik und andere aus Liezen. Am Sonntag sahen wir vom Fenster aus, wie sechs Gefangene am Ufer der Enns, kaum 300 Meter von uns entfernt, unter Bewachung Gräber ausschaufelten. Nach vollbrachter Arbeit mussten sie sich vor die Gräber stellen. Sie wurden erschossen, ich zählte sechs Schüsse. An der Erschießung waren der jetzige Leiter des DP-Lagers, Pauritsch, und ein gewisser Mernik beteiligt. Die Leichen liegen noch heute, oberflächlich verscharrt, an derselben Stelle. Bei Hochwasser besteht die Gefahr, dass die Toten bloßgelegt und fortgespült werden. Im Oktober 1946 wurden vom Bezirksinspektor der Gendarmerie, Heinrich, Erhebungen durchgeführt. Doch Heinrich war selbst der Leiter dieses Transportes gewesen.

Herr Wienerroither aus Liezen berichtet:
Meine Frau und ich gingen mit unseren zwei Buben an dem in Frage kommenden Samstag zur Röthelbrücke. Auf der Straße stand Baumeister Reigel von der Firma Poor (wahrscheinlich ‚Porr’) aus Liezen Wache. Er forderte uns auf, umzukehren, da am anderen Ufer Juden lagern. Als wir umkehrten, kamen uns auf der Hauptstraße die Volkssturmmänner Pauritsch, Mernik, Messnig, Lasser, Karl Walcher und andere entgegen. Sie fungierten als Posten. Samstag, Sonntag und Montag hörten wir vom Lager her fortwährend Schießen und Schreien. In der Nähe des Heustadls, wo sich das Lager damals befand, liegt heute ein Grab. Vor einiger Zeit stolperte einer unserer Buben über einen Schuh. Als er ihn näher ansah, bemerkte er, dass der Schuh am Fuß einer Leiche stak. Die Transporte der Gefangenen von der Röthelbrücke aus über den Pyhrnpaß leitete damals Bezirksinspektor Heinrich. Er muß daher sehr genau wissen, wer die Erschießungen der Marschunfähigen durchführte und in welchem Auftrag sie durchgeführt wurden.

Herr Wölger aus Liezen berichtet:
Der Volkssturmmann Dunkel, Sattlermeister, führte einen Häftling, der die Bevölkerung um Brot bat, zum Lager. Dort wurde der Häftling erschossen. An der Bewachung des Transports nahmen neben Dunkel folgende Volkssturmmänner teil: Böhm, Theodor Sonnenberg und Hartner, alle aus Liezen.

Die langjährige Oberlehrerin Margarete Aigner erinnert sich an die letzten Kriegstage. Ihre schriftlichen Aufzeichnungen sind im Landesarchiv verwahrt.
15. April: Vormittags ein Zug Kazettler durch den Ort geführt worden. Diesem Zuge folgte ein Zug von circa 1 000 Juden, ein Bild des Elends. Matt, gebeugt, die Füße mit Fetzen umwickelt, schlichen sie in der Kolonne dahin, Reihe um Reihe. Sie wurden von der ungarischen Grenze dahergeführt und über den Pyhrn nach Oberösterreich. Bei der Ennsbrücke haben sie auf einer Wiese übernachtet. Vor Hunger aßen sie Gras und Schnecken. Ein Hiesiger wollte ihnen ein Brot geben. Er wurde von der Wache mit dem Erschießen bedroht. Einer Frau im Ort, die zufällig mit einer Schüssel Erdäpfelschalen aus einem Haus kam, wollten Juden solche Schalen aus der Schüssel nehmen und sie gierig essen. Der Wächter war sofort da und wies die Frau energisch in das Haus zurück.

Download

Hier kann der vollständige Beitrag (20 Seiten, 1,17 MB) heruntergeladen werden: