Reisingerzimmer

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Das Reisingerzimmer ist ein Raum im Gewerkenhaus Schladming.

Geschichte

Das Haus des einstigen Marktrichters Martin Reisinger von Bürgelstein, das später auch das Wohnhaus Johann Rudolf Ritter von Gersdorffs war, sollte in den Blickpunkt der geplanten internationalen Tagung Schladminger Nickeljahr 2002 gestellt werden. Es war gedacht, in dem unter Denkmalschutz stehenden „Reisingerzimmer“ eine Sonderausstellung zu gestalten, die durch die Seltenheit der gezeigten Exponate besonders sehenswert sein wird.

Dann hatte aber eine Besichtigung des Ausstellungsraumes, der mit kostbaren Holz-Einlegearbeiten von 1622 versehen ist gezeigt, dass durch Feuchtigkeitseinwirkungen von Regenwasser Schäden aufgetreten sind, die gleichsam "in letzter Minute" fachgerecht behoben werden müssen. Über Ersuchen der Stadtgemeinde überprüfte anlässlich einer Anwesenheit in Schladming Landeskonservator Dipl.-Ing. Bouvier den Schadenszustand. Er veranlasste umgehend eine Besichtigung des Reisingerzimmers durch Restauratoren, die eine Reihe von Sofortmaßnahmen zur Erhaltung des kultur- und kunsthistorisch wertvollen Bestandes der Intarsien beantragten.

Was macht nun das Reisingerzimmer für Schladming so bedeutungsvoll?

Dr. Wilhelm Deuer, dem der Beitrag über die Bau- und Kunstgeschichte der Stadt Schladming im Buch Schladming, seine Geschichte und Gegenwart zu verdanken ist, schreibt u. a. über das Flechner-(Reisinger)-Haus, „dass es sich um ein bemerkenswertes Denkmal herrschaftlicher Wohnkultur der Renaissance handelt. Getäfelte Decken und Türumrahmungen sind in dieser Form für die adelige Wohnkulturzeit typisch und haben dem zufolge in einigen steirischen Schlössern und Edelsitzen Parallelen. Die Erhaltung solcher Vertäfelungen im Bereich von Schladming ist allerdings ungewöhnlich und hauptsächlich durch die Verwendung dieses Gebäudes als Gewerkensitz in schlossähnlicher Funktion bis ins vergangene Jahrhundert erklärbar. Mit dem Reisingerzimmer hat die profane Wohnkultur der Renaissance in Schladming jedenfalls ihren Höhepunkt und zugleich ihr Ende erreicht.

Die künstlerische Gestaltung des Reisingerzimmers ist in Zusammenhang mit einer Brandkatastrophe zu bringen, von der Schladming am 4. April 1618 heimgesucht wurde. Unter den 140 Feuerstätten, von denen berichtet wurde, befand sich auch das Haus des Marktrichters Reisinger. Er war einer der ersten Schladminger, die nach dem verheerenden Ortsbrand zum Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser schritten. Einen sicheren Hinweis, dass Reisinger auch die Neugestaltung des heute noch sehenswerten Zimmers veranlasste, gibt die an der Holzdecke in Intarsienarbeit (Holz-Einlegearbeit) gestaltete Schrift: Ein umlaufendes Schriftband mit geistlichen Sprüchen und Bibeltexten enthält den Hinweis: "Martin Raissinger hat dieses Zimmer also zieren und zuerichten lassen im 1622 iar. O mater die memento ei".

Das künstlerisch reich ausgestaltete Zimmer zeigt architektonische Motive, geistliche Sprüche und Bibeltexte die zum Teil auch auf die Vergänglichkeit des irdischen Daseins hinweisen. Ähnliche Texte finden sich in der Katharinenkapelle im Friedhofsbereich der Pfarrkirche Haus im Ennstal. Religionsgeschichtlich steht die Thematik der Texte im Reisingerzimmer im Zusammenhang mit der Zeit der Wiedererstarkung des Katholizismus nach 1600. Nicht nur im kirchlichen, sondern auch im profanen Bereich hatte man in dieser Zeit in verschiedener Form der bildenden Kunst katholisches Gedankengut zum Ausdruck gebracht.

Quelle