Wie sieht die Zukunft des Wintertourismus aus

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Wie sieht die Zukunft des Wintertourismus aus? Dieser Frage stellte sich der österreichische Freizeitforscher Prof. Mag. Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung[1] in einem Interview mit den swiki:Salzburger Nachrichten. Dabei handelt es sich zwar nicht um ein Ennstal-spezifisches Thema, wohl aber berührt es die wahrscheinlich wichtigste wirtschaftliche Grundlage dieser Region, den Schnee und dem damit zusammenhängenden Fremdenverkehr.

Freizeitforscher Peter Zellmann sagt, die Beschneiung werde dank weiterer technischer Fortschritte noch eine Zeit lang funktionieren. Er sieht derzeit keine Alternative.

"Der Winter braucht Inszenierung"

Hunderte Millionen Euro flossen seit mehr als einem Jahrzehnt jeden Sommer in den weiteren Ausbau des Winters. Österreichs Lifte und Beschneiungsanlagen wurden massiv aufgerüstet. Wäre das nicht passiert, wäre Skifahren in unseren Breiten auf präparierten Pisten heutzutage gar nicht mehr richtig möglich - jedenfalls nicht von Anfang Dezember bis Ostern oder sogar Anfang Mai und vielleicht nur noch auf den höchstgelegenen Skihängen. Daran besteht für den Tourismus- und Freizeitforscher Peter Zellmann kein Zweifel. "Wir Konsumenten beachten zu wenig die Notwendigkeit der Inszenierung", sagt der Leiter des Instituts für Freizeitforschung in Wien. "Skilauf gäbe es nicht mehr ohne Beschneiung."

Seit dem Jahr 2000 hat Österreichs Seilbahnwirtschaft nach Eigenangaben rund sechs Milliarden Euro in Technik und Komfort investiert. Das haben die Liftbetreiber praktisch allein gestemmt, entsprechend stiegen die Kartenpreise. Erstmals seit Jahren wurde heuer deutlich weniger investiert - 416 Millionen statt fast 500 Mill. Euro oder um 17 Prozent weniger.

Wenn aber natürlichen Schnee aufgrund des Klimawandels nicht mehr Verlass ist, steigen die Kosten für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur. In der Spirale aus zu wenig Geld für bessere Beschneiung und rückläufigen Einnahmen wegen der unsicheren Schneelage sind viele kleinere Skigebiete auf der Strecke geblieben oder es droht ihnen dieses Schicksal. Gäste aus den großen Ballungsräumen in Mitteleuropa müssen immer weitere Anfahrtswege in die Alpen in Kauf nehmen. Noch ist Skifahren in Österreich ein Massensport: 2011/12 wurden mehr als 47 Mill. Skifahrertage und rund 514 Mill. Beförderungen gezählt.

Zellmann sagt, einige Zeit könne die Tourismusbranche noch auf Fortschritte in der Beschneiung hoffen. Derzeit können Schneekanonen bei bis zu 0,5 Grad Celsius Flockungstemperatur millionenfach Eiskristalle abfeuern. Das bis zwei Grad zu schaffen wäre für Zellmann gut. Das sichere den Betrieb und ermögliche auch in tieferen Lagen oder wärmeren Regionen Beschneiung. Laut Beobachtungen seit den 1990er Jahren von ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) fällt etwa in Kitzbühel im Tal (790 m ü. A. – zum Vergleich: Schladming 745 m ü. A. oder swiki:Flachau 920 m ü. A.) in der Wintersaison ungefähr gleich viel Regen wie Schnee[2]. "Bund und Länder müssten die Branche bei Forschung und Entwicklung entlasten", fordert Zellmann. Umgekehrt drohe den heimischen Skigebieten frühestens erst in 15 bis 20 Jahren Konkurrenz etwa durch Skiressorts in Tschechien oder der Slowakei. Der Tourismusforscher sieht für den Wintertourismus zum Skifahren insgesamt keine Alternative, denn Langlaufen, Schneeschuhwandern oder Rodeln könnten als Attraktion für die Massen und für eine ganze Urlaubswoche nicht mithalten. Allerdings sei das Potenzial an Skifahrern geschrumpft. "In den 1980er Jahren gaben etwa 40 Prozent der Menschen an, nie Ski zu fahren. Jetzt sind es fast 60 Prozent", erklärt Zellmann. Der Freizeitforscher bevorzugt Langzeitvergleiche, denn: "Eine Kurve über 30 Jahre lügt nie." Das Skifahren nehme auch ab, weil es angesichts vieler anderer Freizeit- oder Urlaubsmöglichkeiten keinen Verlust der Lebensqualität darstelle. Dazu komme, dass die Wirtschaft in den 1990er Jahre zu wenig unternommen habe, als die Verpflichtung für Schulskikurse aufgehoben worden sei. "Eine Elterngeneration, die der heute 30-Jährigen, wurde bereits verloren", beklagt Zellmann. Hier wäre aber auch die Skiindustrie gut beraten, stärker mit Schulen zu kooperieren. "Atomic könnte zum Beispiel als Partner der Wiener Schulen auftreten", sagt Zellmann. Denn im Zeitalter des Leihskis sei die Bindung an eine Skimarke nicht mehr so stark, nur weil etwa Marcel Hirscher Atomic fahre.

Die Tourismuswirtschaft, "eigentlich aber die gesamte regionale Wirtschaft", habe sich an den riesigen Investitionen der Seilbahner "nicht genug beteiligt", kritisiert Zellmann. Dabei werde außer Acht gelassen, dass insgesamt jeder dritte Arbeitsplatz in Österreich durch den Freizeit- und Tourismuswirtschaft abgesichert werde. Bei der Finanzierung "wäre eine gleichmäßige Verteilung wichtig", wobei sich die Seilbahnwirtschaft selbst in eine Zwickmühle begeben habe. Als Beispiel nennt Zellmann die Tatsache, dass für die Erhaltung kleiner Skigebiete viel zu wenig getan werde, dabei wären solche wegen der Übungshänge und Schlepplifte zum Lernen besonders wichtig. Dagegen benötige der Skifahrer eine Sitzheizung auf dem Sessellift nicht wirklich. "Große Skigebiete wie das Ötztal sollten kleinere Anlagen zum Beispiel in Niederösterreich mitfinanzieren", schlägt Zellmann vor, damit Skifahren in der Nähe des Großraums Wien möglich bleibe.

Zellmann geht mit den Tourismusberatern hart ins Gericht

"Der Hausverstand wurde durch die Expertokratie weitgehend ausgeschaltet." Die Branche sei "in den Händen von wenigen Beratern", fast alle Projekte liefen in Richtung "Hochglanz". Dabei wäre es mindestens ebenso wichtig, nach dem "regionalen Hausverstand" auf die Angebotsentwicklung zu achten. "Man kann Qualität durch Infrastruktur nicht einfach outsourcen[3]."

Zellmann plädiert für den persönlichen Gastgeber

"Tourismus ist, wenn mir beim Frühstück jemand einen guten Tipp gibt, was ich je nach Wetter und aktueller Interessenslage machen kann" (vergleiche dazu Projekt Griaß di Tisch im Ennstal). Das Problem sei, dass dieser Dienstleistungsgedanke "in den Köpfen der Macher des Industriezeitalters nicht drinnen ist". Als positives Gegenbeispiel nennt Zellmann die Gruppe der Kinderhotels. Diese seien erfolgreich, weil sie sich vor allem mit dem Angebot für Kinder (Betreuung, Spiele, Unterhaltung) beschäftigten. Und das, obwohl sie sich ihre Gäste (Jungfamilien oder Großeltern mit Enkeln) alle paar Jahre neu erarbeiten müssten

Quellen und Einzelnachweise

  1. siehe www.freizeitforschung.at
  2. Quelle Salzburger Nachrichten, 27. August 2012 „Die Hitzetage werden häufiger“
  3. ein im Englischen so nicht existierendes Wort, jedoch "outsourcing" gibt es - das bedeutet das Auslagern von Aufgabengebieten einer Firma an externe Unternehmen, also an andere, spezialisierte Unternehmen, siehe dazu Wikipedia Outsourcing
  • Salzburger Nachrichten 1. Dezember 2012