Der Lehrer Fuchs und ich und mein „scheußliches“ (Volks-)Schulleben in Wörschachwald

Aus EnnstalWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zeitzeugendokument
Dieser Artikel ist ein Zeitzeugendokument,ist im Originalwortlaut wiedergegeben und dem EnnstalWiki zur Verfügung gestellt worden. Es sollte daher auf sprachliche Korrekturen bitte verzichtet werden.
Der Lehrer Fuchs und ich und mein „scheußliches“ (Volks-)Schulleben in Wörschachwald. Aufgeschrieben von Stefan Berger – bekannt auch als „Ebner-Steff“ aus Liezen, bekannt auch als „Ebner-Steff“, Wörschachwald und Liezen.

Einleitung

Wörschachwald ist ein Hochtal auf ca. 1 100 m Seehöhe, liegt in der ehemals selbständigen Gemeinde Pürgg (ab 1968 Gemeinde Pürgg-Trautenfels und seit 2015 Marktgemeinde Stainach-Pürgg), erreichbar von Tauplitz (sechs bis acht Kilometer). Bekannt ist der Spechtensee (Moorsee – Baden, Fischen, Bogenschießen), der „Spechtensee-Schlepplift“ sowie der Bauernhof „Tischler“ (Alpakaland-Betrieb) und die Gastbetriebe Gasthof Dachsteinblick, Gasthof Wörschachwalder Hof und Spechtenseehütte (bewirtschaftete Schutzhütte des ÖAV. Stainach.)

Die Geschichte

Für viele meiner Mitschüler war der Lehrer Karl Fuchs ein überaus guter und fähiger Mann und dies streite ich auch nicht ab, denn ich habe ja erlebt, wie gut meine Mitschüler gelernt haben, für die war er der Beste, leider nicht für mich. Es ist schon verwunderlich, warum die Zeit, in der der Herr Fuchs da die Schule geleitet hat nichts erwähnt wurde ist für mich nicht erklärlich und ich kann hier nur vom Oberlehrer Fuchs weitererzählen, denn dieser war nicht nur ein „fester Nazi“, sondern eben auch mein Lehrer. Ein sonderbarer Fall, und für mich war er ein "blöder Hund"! Man soll über Tote nicht schlecht reden, aber niemand kann besser beurteilen, welcher Mensch dieser Lehrer wirklich war. Dass ich schwach im Lernen allgemein war, ist bereits bekannt, da waren zum Teil die Eltern schuld, aber gleich danach, oder noch viel mehr, der gute Herr Fuchs!

In unseren Heimathaus Berger „Ebner“ hatten auch unsere Großeltern eine Jausenstation und dies war gleichzeitig die einzige Gastwirtschaft in Wörschachwald. Bei uns spielte sich einiges ab, die kleine Küche war oft voll mit Bauern und mitten drinnen der Lehrer beim Kartenspielen. Nicht selten wurden wir Kinder zu Bett gebracht, konnten aber nur schwer einschlafen, weil in dem kleinen Haus das Gebrüll der Kartenspieler durch das ganze Haus zu hören war. Dies waren wir aber gewöhnt und irgendwann sind uns doch die Augen zugefallen. Um 6 Uhr war bei uns Tagwache, der Schulweg verlangte im Winter 45 Minuten Wandern mit Ski und der schweren Schultasche, da mussten wir eben früh aus den Strohsäcken. Manches Mal, wenn wir die Küche betreten haben, hieß es leise sein, den einige der besoffenen Bauern lagen da auf den Bänken und dazu auch der Herr Lehrer!

Die Eltern, vor allem der Vater, hat mir immer ganz streng den Auftrag eingeredet, in der Schule niemanden zu sagen, wo der Herr Lehrer ist. Auch zu den anderen Kindern, ja kein Wort. Dies war für mich, wenn es der Vater so will, eine Ehrensache. In der Klasse warteten dann 44 Kinder bis der Herr Lehrer in die Klasse kommt. Es kam aber die Frau des Lehrers. Freilich wurde sie immer als Frau Lehrer angesprochen, was nicht stimmte, denn sie war eine ganz gewöhnliche Tochter eines Kleinkeuschlers, nämlich vom „Geiger“ im Graben. Aber das ist eben der Brauch, sagte man!

"Liebe Kinder, ihr müsst wieder heim gehen, der Herr Lehrer ist krank"!

Mit gedrückter Stimme, fast weinerlich, sagte die Frau Fuchs zu uns - "Liebe Kinder, ihr müsst wieder heim gehen, der Herr Lehrer ist krank"! Alle haben das geglaubt, ja glauben müssen, nur ich bin verärgert heim gegangen und da sind dann Bauern und der Herr Lehrer schon wieder beim Tisch gesessen, die Spielkarten in der Hand und eine Flasche Bier sowie ein Haufen Geld am Tisch. Bei meinem Eintreffen kam immer die Frage vom Herrn Lehrer - „Was war in der Schule los"? Meine Antwort: „Nix, der Lehrer ist krank"! Daraufhin habe ich mir vom Keller ein Kracherl holen dürfen, sozusagen als Schweigelohn. Ich bin mir eher als Verbrecher, als Lügner vorgekommen.

Einige Tage später hatte ich, wie so oft, meine Hausaufgaben nicht gemacht. Die waren ja damals noch auf eine Schiefertafel mit einem Griffel geschrieben worden. Heute weiß niemand mehr, wie so etwas aussieht. Die Schiefertafel war eine ganz dünnes schwarzes Steinblatt mit einem Holzrahmen mit einer blanken Seite und auf der anderen Seite waren rote Zeilen. Geschrieben hat man darauf mit einem ca. 4mm dicken, etwas härteren Kreidestab. Beides war sehr zerbrechlich und man konnte das Geschriebene mit einem nassen Schwamm, der immer mit einer Schnur am Holzrahmen befestigt war, wieder wegwischen. Papier und Bleistift gab es bei uns schon, aber erst ab der vierten Klasse. Außerdem wurde alles in "Kurrent"-Schrift geschrieben, auch dies hat sich dann ab der vierten Schulstufe geändert. Ab dann wurde auf die heutige moderne Schrift umgeschult. Dies kommt mir heute noch zugute, weil ich auch die alte, schöne Kurrent-Schrift noch lesen kann, allerdings beim Schreiben muss ich schon sehr viel nachdenken, wie einzelne Buchstaben geschrieben werden.

Aber jetzt zurück zum Lehrer und der fehlenden Hausaufgabe. Der Herr Lehrer hat die leere Tafel angesehen und ohne ein Wort zu verlieren hat er mir die Tafel auf den Kopf geknallt, sodass die Scherben der Schiefertafel durch die Luft geflogen sind und der Holzrahmen mit dem Schwamm um meinen Hals gehangen ist. Natürlich hat die ganze Klasse gelacht und ich war wieder einmal mehr der „Trottel des ganzen Tales“! Mein Hass gegen den Lehrer wurde durch die immer häufigeren, gleichen Vorfälle, immer größer. Es ging so weit, dass ich fast überhaupt nichts mehr gelernt habe, und ich zurecht nur schlechte Noten bekam.

Dann kam der Winter 1944. Es war sehr viel Schnee und der Unterricht wurde erst einmal von der „Frau Lehrer?“ - Frau Fuchs verschoben. Wir möchten noch draußen bleiben und Skifahren, der Lehrer sei wieder einmal krank. Diesmal war er nicht bei „uns“ in der Küche gesessen, da muss doch etwas daran sein, habe ich zu mir gedacht. Dann kam ein Pferdegespann und brachte den Herrn Doktor Rant aus Mitterndorf und dieser war eine ganze Weile im Schulhaus und kam schließlich heraus und fuhr mit dem Pferdegespann wieder weg. Es verging wohl eine Stunde, vielleicht auch noch mehr, so genau kann ich dies heute nicht mehr sagen. Dann kam die Schwester von der Frau Fuchs heraus und sagte zu uns: Kinder ihr müsst leider heim gehen, der „Herr Lehrer“ ist soeben verstorben!

Ich sehe mich heute noch, ich bin mitsamt denn Skiern auf einen Stock gestanden und, als ob ich auf einer Kanzel stehen würde und ich konnte nicht anders, ich habe ein lautes "Juchhui"! in den sonst sehr stillen Winterwald hinaus geschrien. Dies ist natürlich bei meinen Mitschülern, besonders bei den sehr guten und meist vom Lehrer bevorzugten Kindern, sehr schlecht angekommen und man hat mir dies wohl nur mit einer beleidigten Meinung entschuldigt: „Na ja, von Dem kann man nichts anderes verlangen"!

Leider musste ich diese beschämende Meinung einfach so stehen lassen, denn keiner wusste, welche Erlebnisse ich und der besoffene Lehrer hatten, ich habe es ja meinen Vater versprochen, niemanden etwas von den Vorfällen mit dem Lehrer zu erzählen, denn er meinte, es könnte ja nur noch schlimmer für mich werden.

Irgendwie gibt es aber in allen schlimmen und gemeinen Erlebnissen eine Gerechtigkeit. Daran glaube ich noch immer ganz fest! Üblicherweise wurden Bewohner, in diesem abgeschiedenen Hochtal, im Sterbehaus aufgebahrt und nach drei Tagen zu Grabe nach Pürgg in den Friedhof getragen oder gefahren. Wörschachwald ist nicht nur ein Hochtal in dem die Bewohner sehr gläubige Katholiken sind, der Lehrer aber ein fester Nazi und daher gegen den Glauben war. Dies hat der Bevölkerung so gar nicht gefallen, aber er war eben für die Meisten ein guter Lehrer. Nur jetzt dem ungläubigen Mann da oben die Ehre, die ihm gebührt hätte, zukommen zu lassen, womöglich für ihn zu beten und dann noch Nachtwachen abzuhalten, wie es sonst üblich war, das würde zu weit gehen. So hatte der damalige Schulrat beschlossen, den Leichnam nach Pürgg zu bringen, und dort eine Bahre herzurichten, die der damaligen Hitlerzeit entsprechend gestaltet wurde. Stefan Eingang war als Soldat zuhause um einen Urlaub im Hause seiner Eltern, beim „Koller“ im Graben zu verbringen. Nachdem sonst alle jungen und kräftigen Männer eingerückt waren, wurde er gebeten, den Leichnam, eingewickelt in ein Leintuch und nur auf einen Handschlitten gebunden, nach Pürgg zu ziehen.

Dies war meine Meinung, beziehungsweise, so hatte ich die Beobachtung gemacht, die aber nicht ganz richtig ist. Es gibt noch Zeitzeugen, wie Otto Kanzler, heute 91 Jahre alt und Nachbar der Schule, der kann besseres, nein richtigeres, berichten.

Wurde der Lehrer mit einer Spritze von Dr. Rant vergiftet?

Nachdem der Dr. Rant den Herrn Fuchs untersucht hatte, war seine Diagnose „Lungenentzündung“ und er gab ihm eine Injektion. Anschließend hat er den Patienten mit seiner Frau und seiner Tochter Herta, allein gelassen. Bereits kurze Zeit später, wurde der Zustand des Herrn Fuchs immer schlechter. Er reagierte auf die Spritze sehr heftig und kam selbst zu dem Schluss - „Der Doktor hat mich vergiftet, schreit dies in die ganze Welt hinaus“! - soll er zu seiner Tochter gesagt haben?! Nur wenig später ist er verstorben.

Dies war der wahre Grund, warum er nicht im Schulhaus aufgebahrt wurde. Es erging eine Anzeige an die BH. Liezen und es wurde angeordnet, dass der Leichnam nach Pürgg zu bringen sei, und dort in der Leichenkammer wurde er dann untersucht, ob tatsächlich eine Vergiftung stattgefunden hat. Es war alles soweit in Ordnung, es war sehr wohl eine Lungenentzündung und weil Herr Fuchs nur noch einen funktionsfähigen Lungenflügel hatte, war dies der Grund seines vorzeitigen Ablebens. War er wohl wieder einmal im Rausch irgendwo zu lange gelegen und hat sich verkühlt?

Erst nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung wurde er zur Beerdigung frei gegeben. Im damaligen Hotel Adam war schon alles, vom damaligen Bürgermeister, hergerichtet. Eine große Fahne mit Hackenkreuz bedeckte den Sarg und ein Stahlhelm lag darauf, so als wenn der einmal im Krieg gewesen wäre? Der Bürgermeister, der Obernazi in der Gemeinde Pürgg war natürlich verpflichtet, seinen Mitstreiter den Lehrer Fuchs, ein würdiges Ende zu gestalten. War doch der Herr Fuchs nicht nur Lehrer, nein er war auch der zweite Bürgermeister, und der dritte im Bunde war der Ortsbauernführer der Markus Zandl sen. vlg. Gindl in Zlem 19. Diese drei Herrn bildeten auch gleichzeitig den damaligen nicht gewählten, sondern eingesetzten, Gemeinderat.

Angeblich war ganz Wörschachwald beim Begräbnis, leider kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Kann aber auch sein, dass mich meine Eltern nicht gehen haben lassen. Damit war für mich das Kapitel "Lehrer Fuchs" abgeschlossen. Leider hatten wir alle nicht bedacht, welche Folgen der Abschied vom alten“ besoffenen“ Lehrer in der Kriegszeit hatte. Männliche Lehrer gab es überhaupt keine, die waren alle im Krieg und mussten den Kopf hinhalten und ihr junges Leben für einen verrückten Hitler auf`s Spiel setzen?!

Weibliche Lehrpersonen waren damals eher auch noch nicht so zahlreich vorhanden, und wenn, da oben in der Einsamkeit, mitten im Wald, weit und breit kein Haus, kein Nachbar, da ging nur ganz schwer jemand hin, um eine Schar von mehr als vierzig Schüler in einer Klasse zu unterrichten.

Nach dem Lehrer kamen Lehrerinnen, auch nicht viel besser gewesen für den Stefan

Dann kam doch ein Fräulein Mayer, wir waren froh, ich ganz besonders, denn jetzt konnte es mit dem Schulgehen und dem Unterricht nur besser werden. Leider wurde daraus nichts. Das Fräulein Mayer verschwand eines Tages. Sie hat aus Angst die Stelle wieder aufgegeben.

Heute in der Corona Krisenzeit wird gejammert, weil die Schulen wochenweise geschlossen sind und man nicht weiß, wie sich dies auf die Kinder auswirken wird. Damals hat sich niemand Sorgen um uns gemacht, dass war einfach so und aus, basta!

Es gab dann noch ein Fräulein Leeb und ein Fräulein Wallner, wie lange die da geblieben sind ist leider nicht festgehalten, es ist sehr Schade und es kann sich auch niemand mehr genau erinnern. Nach einigen Herumfragen an meine noch lebenden Mitschüler von Damals, konnten folgende Namen gefunden werden. Es war immer für nur wenige Monate, ab dem Ableben von Herrn Fuchs folgende Damen als Lehrerinnen tätig. Ein Frl. Gertrud Maier, ein Frl. Leeb und in der Chronik von Pürgg ist auch eine Frau Elfriede Termnig angeführt. Die letzte Lehrerin war ganz sicher ein Frl. Wallner, diese ist mir persönlich sehr gut in Erinnerung, sie war sehr nett und sie hatte eine kleine Liebelei mit einem Heimkehrer begonnen, nämlich genau den Stefan Eingang, welcher den Lehrer Fuchs als Leichnam nach Pürgg gezogen hatte. Leider ging die Liebschaft wieder zu Ende und wir bekamen im September 1945 eine Frau Theresia Exner, eine deutsche Lehrerin, die uns bis Juli 1948 treu geblieben ist. Sie war für mich die große Hoffnung, endlich eine gescheite Lehrkraft zu haben, bei der ich auch anerkannt werde? Leider ging meine Rechnung nicht auf. Erstens sah sie aus dem Schulbuch meine bisherigen Leistungen und somit war ich, wie bisher, der Trottel der Klasse. So zum Drüberstreuen hat sie mich ein Jahr wiederholen lassen und als Strafe, sozusagen zwischen zwei Mädchen in die Schulbank gesetzt, und diese Beiden hat sie beauftragt, ja darauf zu achten, dass ich nicht abschauen kann! Beide haben Gretl geheißen, und beide mag ich bis heute nicht. Wenn ich nur den kleinsten Blick nach rechts oder links gemacht habe, hat schon eine gerufen " - der Steff schaut schon wieder ab"! Und schon bin ich wieder in einer Klassenecke gestanden, so einfach zur Strafe und als Gespött, damit die übrigen 42 Mitschüler etwas zum Lachen hatten. Na ja, und Skifahren hat die Dame ja auch nicht können, „was soll das“?

Das Schlimmste was mir die "Fuchtel" angetan hatte, war bei der Singstunde die Aussperrung aus dem Klassenzimmer. Immer, wenn es zum Singen kam, schickte sie mich ins Vorhaus hinaus, damit ich mit meiner, wie sie sagte, zu tiefen Stimme, die anderen nicht störe. Dies war für mich damals und ist es heute noch, eine gewaltige Gemeinheit, die einer Lehrperson „nie und nimmer“ zu entschuldigen ist. Ich bin im kalten Vorhaus gesessen und habe geweint und ich war zu schüchtern und zu blöd, ich hätte ganz einfach abhauen sollen. Aber wohin, niemand hätte mir geholfen. Meinen Eltern wäre in dieser Sache, so und so, alles egal gewesen. Wozu musst du das Singen können, wir singen ja auch nicht, wäre wahrscheinlich ihr Kommentar gewesen. Natürlich kann ich heute noch nicht singen, ich habe dazu auch kein Talent, weil ich auch kein Musikgehör vom lieben Gott mitbekommen habe, aber einen Schüler auszuschließen, weil er eine tiefe Stimme hat, das war sicher der falsche Weg!

Der „gute Willi“ hat den Stefan davor gerettet, für immer ein „blöder Hund“ zu sein!

Dann kam für mich das heiß ersehnte letzte Schuljahr und mit ihm ein neuer Lehrer. Endlich ein Mann, endlich ein Einheimischer, nämlich der Willi Zeiringer, Gastwirtsohn aus Stainach.

Der „gute Willi“ hat mich behandelt wie jeden anderen auch, er war immer nett zu mir und er hat mich sogar gelobt, nämlich beim Lesen. Da war ich einsame Spitze, warum weiß ich bis heute nicht. So nach drei Wochen, da hat mich der junge Lehrer im Vorraum, nach Schulschluss einmal abgefangen. Er hatte gemeint, er muss mir noch etwas sagen. Er ging mit mir in die kleine Küche und war plötzlich ganz ernst. Er sagte zu mir mit ruhiger Stimme: "Stefferl, du bist ein „wiffes Bürscherl“, das beweist du mir im Lesen, aber sonst kannst du nichts. Trauriger Weise ist deine Schulzeit im nächsten Jahr aus und ich müsste Dir in dein Abschlusszeugnis fast nur schlechte Noten geben, das will ich verhindern. Ich mache Dir ein Angebot, es ist keine Strafe, aber ich hoffe, dass du es verstehst, ich möchte dir helfen. Bleib jeden Tag eine Stunde hier mit mir alleine in der Küche und wir lernen, nur zu zweit. Ich verlange nichts dafür, deine Eltern könnten sich dies ja gar nicht leisten, und in zwei, drei Monaten sehen wir weiter."

Gott sei Dank, ich habe dieses Angebot dankend angenommen. Jeden Tag bin ich mit irgendeinem Vorwand nach Schulschluss ganz einfach nicht mit den anderen mitgegangen. Einmal war ich am Klo, ein anderes Mal habe ich etwas vergessen und ich ging wieder zurück, dann habe ich wieder etwas nicht gefunden und so weiter. Zum Glück war ich ja ganz alleine, der in diese Richtung gehen musste, so waren es nur die ersten Meter, dann war ich schon aus dem Blickfeld der anderen.

Es ging alles gut, ich bin diesem Willi Zeiringer, der leider schon verstorben ist, unendlich dankbar, er hat mich davor gerettet, für immer ein „blöder Hund“ zu sein! Natürlich konnte in den paar Nachhilfe-Stunden nicht alles aufgeholt werden, aber ich habe mich das ganze Leben ganz gut durchgeschlagen. Und jetzt kommt mir während des Schreibens ein ganz blöder Gedanke. Wenn ich nämlich so überlege, was ist aus all den Mitschülern, die damals viel gescheiter waren als ich, eigentlich geworden? Wo stehen die denn heute? Geht es denen um so viel besser als mir, weil sie um einiges gescheiter waren?

Erstens, es leben viele schon nicht mehr, von meinem Jahrgang waren es damals 7 Buben, jetzt leben wir nur mehr zu zweit. Andere sind aus Wörschachwald weggezogen, haben aber auch nichts Besonderes gemacht oder erreicht. Die, die Bauern oder Bäuerinnen geworden sind, sind heute trotz ihrer "Gscheidheit" ganz arme Leut gegenüber mir. Meine Pension ist mir sicher und die ist mehr als ausreichend. Ich bin mir sicher, kein einziger meiner damaligen Mitschüler hat ein höheres Einkommen als ich, und da stellt sich sehr wohl die Frage, "ist besondere Gscheidheit in der Schule so wichtig“?? Nein ist es nicht, man muss sich immer durchsetzen und durchschlagen können, immer wieder etwas dazuzulernen imstande sein, und ein „gutes Maul“ ist besser als ein schlechtes Heimathaus! Diese Weisheit hat mein Schwiegervater mir immer wieder erklärt!

Euer Berger Stefan - für alle Wörschachwalder noch immer der „Ebner Steff“.

Stefan Berger - Wörschachwald „Dachsteinblick“ bzw. Liezen, Jänner 2021

Quelle

Erzählungen von Stefan Berger