Der „Ebner Vater“ und das „Pürgger Gleut“ in der Kirche

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Zeitzeugendokument
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Der „Ebner Vater“ und das „Pürgger Gleut“ in der Kirche aufgeschrieben von Stefan Berger junior, bekannt auch als „Ebner-Steff“ bekannt auch als „Ebner-Steff“ aus Wörschachwald und Liezen. Hier erzählt er von seinem Vater Stefan Berger senior (* 7. Dezember 1894; † 2. November 1957).

Die Geschichte

Es gibt heute in der ehemaligen Gemeinde Pürgg, oder der Pfarrgemeinde Pürgg, nur mehr ganz wenige Bewohner, die meinen Vater, Stefan Berger, den „Ebner“ in Wörschachwald gekannt haben. Er war zwar als Schuhmacher, nicht nur in Wörschachwald bekannt, sondern weil in der Kriegszeit alle anderen Schuhmacher im Krieg waren, hat er die ganze Region mit Schusterarbeiten versorgt. Was aber viele überhaupt nicht wussten, er hatte ein besonderes Hobby, von dem nur ein paar wenige Bescheid wussten, nämlich seine Gruppe und der Pfarrer von Pürgg. Nebenbei war er Kleinkeuschler. Zwei Kühe, eine Ziege, meist zwei Schweine und einen „Haufen“ Hühner, war sein ganzer Stolz, dazu zwei Katzen und immer einen kleinen Hund

Er war das jüngste und sechste Kind vom „Draxler“, einen Kleinkeuschler in Wörschachwald Nr. 37

1894 Geboren, war er im Ersten Weltkrieg eingerückt und zweimal schwer verwundet worden. Einmal ein Schulterdurchschuss und noch schlimmer, ein Bauchdurchschuss, den er nur mit viel Glück überlebt hatte. Ein Militärarzt hat einmal gemeint „Ein wahres Wunder, dass dieser Mann noch lebt“! Daher war er auch 50 % Kriegsinvalide und konnte viele Arbeiten nur mehr schwer verrichten.

Er war klein gewachsen, so um 160 cm groß und dürr. Schon als Kind wurde er daher, weil es ja etwas gekostet hat, kaum zur Schule geschickt, weil seine Eltern der Meinung waren: „Aus dem wird eh nix gscheit´s“? Dies hat auch dazu geführt, dass er kaum schreiben und rechnen konnte und sich sein ganzes Leben lang, schwergetan hat. Schließlich hat er dann doch Schuhmacher lernen dürfen, beim Rahm in Pürgg. Kaum jemand weiß heute noch, dass dort neben dem Kaufhaus Adam, auch ein Schuhmacher gewesen ist.

Das „Gläut“

In der Lehrzeit, in der er ja auch in Pürgg gewohnt hat, ist er, so meine ich, mit den Kirchenglocken und dem Glockenklang, im Volksmund „Gläut“ infiziert worden. Von da an, war das „Läutn“ sein Hobby. Er war kein Kirchengeher, wie es die übrigen, hoch gläubigen Bauern in Wörschachwald gern gesehen hätten, aber „Zammläuten“ und Wandlung läuten, da war er der „Macher“, der Chef. Er hat sich immer gute Männer ausgesucht, die ihm geholfen haben und er war sehr verärgert, wenn da mal einer nicht gekommen ist. Im „Läuthaus“, dem untersten Raum vom Kirchturm, hingen die dicken Seile durch die Decke herunter und daran wurde gezogen und die Glocken oben im Turm fingen an zu schwingen, bis der „Klachl“ (Klöppel) angeschlagen hat. Zuerst die kleine Glocke, zwei drei Schläge später die größere und nach weiteren drei Schlägen die größte. Bim, bam und dies, wenn alles gut gelaufen ist, da war mein Vater glücklich! So war er besonders froh und stolz, wenn alle Glocken zugleich aufgehört haben, zu läuten. Dies war gar nicht so einfach und ich habe es einige Male als Kind erlebt, wenn mich der Vater ins „Läuthaus“ mitgenommen hatte. Es sollten die Glocken keinesfalls „Nachbimmeln“. Um dies zu schaffen, mussten sich die Männer auf Kommando am Glockenseil festhalten und weit hinaufziehen lassen, dann aber sofort loslassen und sie sind wie ein Stein heruntergefallen. Dies hat tatsächlich bewirkt, dass die Klöppel nicht mehr angeschlagen haben, und es war auf einen Schlag, Ruhe am Turm! Bei der Wandlung wurde meines Wissens, nur mit einer Glocke geläutet. Dann war wieder für eine Woche Ruhe für meinen Vater. Den das Mittags- und Abendläuten hat der jeweilige Messner machen dürfen oder müssen?

Im gesamten Kirchenjahr gab es besondere Höhepunkte, auch für die Männer des Glockengeläutens. Das waren die „Auferstehung“ am Karsamstag und die Fronleichnamsprozession. Dazu waren neben den Männern, die geläutet haben, noch zwei weitere Männer notwendig. Einmal ein Schussexperte, der mit Böllern umgehen konnte und ein Signalgeber.

Schon Tage vorher war der „Ebner Vater“ nervös, denn da musste alles funktionieren und da ging es um Sekunden. Die Zusammenarbeit, das genaue Programm war ja schon eingespielt, aber es kann immer etwas schief gehen und davor hatte der „Läutmeister“ so ein nervöses „Krippeln“ im Bauch.

Schon am Morgen war der Vater damit beschäftigt, seinen Schnurbart, diesmal besonders aufzuzwirbeln, mit Zuckerwasser einzureiben und die Bartbinde drüber binden. Na ja, heute würde man ganz einfach einen Taft verwenden, dies gab es damals noch nicht und daher das Zuckerwasser. Dann die Schuhe besonders schön putzen und der Ausseer Hut mit einer roten Nelke darauf, durfte auch nicht fehlen.

Das Programm war so: Die Männer, die normal vom Läuthaus aus, an den Seilen gezogen haben, sind an diesen besonderen Feiertagen hinauf gestiegen auf den Turm und haben dort direkt bei den Glocken, diese in Bewegung gesetzt, indem sie das Seil etwas hochgezogen haben, und damit, direkt neben der Glocke gestanden sind. Nicht ungefährlich und vor allem sehr laut.

Der „Doppler“ (Böller)

Da war einmal ein Mann mit einem weißen Taschentuch, das war der Signalgeber, der hat sich am Turmfenster in Richtung Burgstall positioniert. Der Burgstall ist ein Fels, ebenso hoch wie der Kirchturm und ganz in der Nähe der Kirche, man hätte sich auch mit Schreien, verständigen können, aber dies ging wegen der lauten Glocken nicht. Also brauchte man ein sichtbares Signal, das Taschentuch. Am Burgstall war der Herr Partlitsch mit einigen Böllern bereits seit Stunden vorher mit den Vorbereitungen beschäftigt. Böller laden und ein kleines Feuer heizen. Im Feuer wurde eine Art Lötkolben, welcher an einer langen Stange befestigt war, zum Glühen gebracht. Mit diesem glühenden Kolben wurden dann das Schwarzpulver am Böller entzündet und schon hat es gekracht, zweimal! Weil dies kein einfacher Böller war, sondern eben ein „Doppler“. Zwei große Böller waren verbunden und unten war eine Art Einflugschneise, da war auch Schwarzpulver darauf, nur der Strang des Pulvers zum Zündloch war ungleich lang, daher kam die Explosion der beiden Böller fast, aber eben nur fast, zugleich. Dies ergab dann das „Bumm, Bumm“, also den Doppler! Und dann waren eben noch vier Männer an den Glocken notwendig. Wenn also alle da waren und die kirchliche Feier seinen Höhepunkt erreicht hat, zum Beispiel am Fronleichnam, bei den Zwischenstationen draußen am Feldweg, dann war die Spannung am Höhepunkt. Ja, es war da noch ein Signalgeber notwendig, nämlich jener, der von der Prozession an den Signalmann am Kirchturm ein Zeichen gab, dass gerade jetzt geläutet werden soll. Der Signalmann am Turm hat dieses Zeichen angenommen und an die Läuter per Zuruf weitergegeben.

Jetzt haben die Läuter das Seil etwas hochgezogen und haben am kurzen Seil die Glocken zum Schwingen gebracht. Zuerst die kleine, dann die größere und am Ende die ganz große, da war der „Ebner Vater“, der Meister, dran. Nach mehreren Glockenschlägen, so nach Gefühl, schwang der Zeichengeber sein weißes Taschentuch und im selben Moment stoppten die Männer an den Glocken die schwingenden Glockenklöppel mit dem hochgezogenen Seil, dadurch gab es nur für ein paar Sekunden keinen Glockenschlag und der Herr Partlitsch zündete in genau diesen Moment einen „Doppler“ Bum, Bum und die Männer bei den Glocken haben die Klöppel wieder frei gelassen, das Geläute ging weiter. Es war immer wieder so ein festlicher Moment, auch für die Gläubigen. Und wenn dies alles nach Plan gelaufen und als „gelungen“ beurteilt wurde, und mein Vater davon berichtet oder davon erzählt hatte, ist ihm die Stimme gebrochen und so manche Freudenträne ist ihm über die Wange gelaufen.

Wie sehr muss der kleine Mann gelitten haben, als der Krieg und die verrückten Nazis, „seine Glocken“ vom Kirchturm in Pürgg heruntergeworfen haben. Ich kann mich noch erinnern, er war einige Tage krank und er hat später, nie mehr ein Glockenseil angerührt. Die neuen Glocken, die lange nach dem Krieg wieder aufgezogen wurden, hat er zwar noch erlebt aber geläutet hat er nicht mehr und leider ist er mit 64 Jahren, viel zu früh, von uns gegangen. Ein Schlaganfall hat ihm in der Küche vom „Rohrmoser“ aus dem Leben gerissen. Ich hätte ihm gerne bei seinem Begräbnis so ein Festgeläut organisiert, leider gab es niemanden mehr, der diese Tätigkeit übernehmen wollte!

Es ist schon komisch, wenn ich heute diese Geschichte erzähle, und dabei die Begeisterung meines Vaters beschreiben will, kommen mir immer wieder die Tränen! Dazu passt aber auch noch ein besonderer Zufall, welcher auch erwähnt werden muss!

Polster mit Eichenlaub

In der Zeit zwischen 1954 und 1957 war ich in Kapfenberg bei Böhler als Kranführer beschäftigt. Die Freizeit war für mich immer schon ein Problem, ich brauche etwas zu tun. Da sah ich bei einem Kirchtag einen Stickrahmen und alles Zubehör. Auf Leinen waren Vorlagen aufgepaust und die Wolle mit verschiedenen Farben gab es neben einer Anleitung zu kaufen. Man konnte Hunde und Katzen, Landschaften und sonstige Bilder machen. Eingerahmt oder als Polster waren es schöne und gern verwendetet Geschenke. So ein Ding habe ich mir geleistet. Es war im Sommer 1957, ich habe einen Polster mit einer schönen Katze für meine Schwester als Geschenk mitgebracht. Da kam meinem Vater eine Idee. Er war neben dem Glockenläuten auch ein sehr eifriger Veteran (beim Kameradschaftsbund). So war er auch beim Ausrücken bei Anlässen wie zu Allerheiligen oder bei Begräbnissen eines ehemaligen Kameraden, stets mit Feuereifer dabei. Exerzieren und Marschieren waren Dinge, die er im Krieg gelernt und mit Stolz weitergelebt hat. Es ist schwer zu verstehen, hat er doch viel Leid und eine schwere Behinderung aus dem Krieg mit Nachhause mitgekommen, dass er trotzdem ein so zackiger Krieger blieb, ist nicht so leicht zu verstehen. Aber es war und ist so, es war sein Leben.

Bei den Begräbnissen ehemaliger Soldaten sind immer auch die Kriegsauszeichnungen auf einem kleinen Samtpolster mitgetragen worden und schließlich werden diese auf die Vereinsfahne geheftet. Dieses Polster tragen war auch eine Beschäftigung für den „Ebner Vater“. Weil aber dieses Polster nicht mehr ganz schön war, meinte mein Vater nach dem Anblick der schönen Katz. „Ja mai, da könntest uns ja an schönen Polster mit Eichenlaub machen, für die Auszeichnungen, i scham mi schon immer mit dem Fetzn, den mia habm?“?

Natürlich nahm ich diesen Auftrag gerne an und bereits bei der nächsten Heimfahrt werde ich das „Polsterl“ mitbringen. Aber da musste ich erst wissen, wie so ein Eichenlaub genau aussieht. Es gab keine Zeichnung von einem Eichenlaub und ich wollte es aber ganz Wahrheitsgetreu machen. So musste ich mir eine Eiche suchen. In ganz Wörschachwald und Lessern gibt es keine Eiche, aber zwischen Pürgg und Stainach, da stand ein großer Eichenbaum, mitten in der Wiese und neben dem Weg unterhalb vom „Weißinger“. Da musste ich hin und dass sofort, denn die Zeit war knapp. Alles hat funktioniert und bereits am Vortag von Allerheiligen bekam mein Vater den Samtpolster mit Eichenlaub. Voll Freude ging er am Allerheiligentag sofort nach Pürgg, um das neue Stück in den Vereinskasten, in dem auch die Vereinsfahne aufgehoben ist, einzusperren. Ich glaube fest, er hat sich im Geiste dabei schon vorgestellt, wie es aussieht, wenn er beim nächsten Begräbnis, mit dem neuen, schönen Polster hinter dem Sarg gehen, nein marschieren wird? Aber es kam ganz anders???.

Am nächsten Tag, dem Allerseelen-Tag verstarb er selbst, wie schon erwähnt, beim „Rohrmoser“, seinem Lieblings-Nachbarn, und so war er der erste, bei dem der neue Polster zum Einsatz kam. Er hat ihn also für sich selbst machen lassen.

Es gibt immer wieder Begräbnisse und Verabschiedungen in Pürgg, bei dem der Polster zum Einsatz kommt und immer wieder drückt es mich dann schon sehr, wobei ich immer ganz verstohlen ein Taschentuch aus der Tasche ziehen muss. Ja, mein Vater war ein besonderer Mensch für mich, er hat mir in der Lehrzeit als sein Lehrling, viele Geschichten und Geheimnisse anvertraut und die weiß ich heute noch, als wäre es gestern gewesen. Ich war erst 21 Jahre alt, als er uns verlassen hat und gerade da hätte ich ihn noch so sehr gebraucht!

Euer Stefan Berger, für alle Wörschachwalder noch immer der „Ebner Steff“, Liezen im August 2021

Quelle

Erzählungen von Stefan Berger