Wanderführer aus vergangenen Zeiten

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Einen Wanderführer aus vergangenen Zeiten brachte 1840 Johann Gabriel Seidl mit „Wanderungen durch Tyrol und Steiermark" heraus.

Einleitung

Vergleicht man die Darstellungen der Reiseschriftsteller vor mehr als hundert Jahren mit dem Stil der heutigen Literatur im Tourismusgeschehen, kann man sich eines Lächelns nicht erwehren, was es einst an Angeboten gab, die heute längst selbstverständlich sind oder schon lange nicht mehr aktuell und daher auch nicht mehr erwähnenswert sind. Dennoch erinnert man sich gerne als an historischen Begebenheiten interessierter Leser so mancher Berichte aus längst vergangener Zeiten oder auch an Orts- oder Flurnamen, die doch unseren Eltern oder Großeltern läufig waren, heute aber schon nahezu unbekannt sind.

Folgen wir nun dem Reiseführer Johann Gabriel Seidl der um 1840 auch die Täler um Schladming und die Ramsau besuchte und dabei so manches zu berichten wusste. Seidl veröffentlichte über seine "Wanderungen durch Tyrol und Steiermark" 1840 ein zweibändiges Werk, wobei er den zweiten Band ausschließlich der Steiermark widmete.

Reiseführer um 1840

„Vom Jahre 1530 an erscheint Schladming nach seiner Zerstörung und Aberkennung der Stadtrechte wieder als Markt. Allein zu seinem früheren Wohlstande kam es nimmer wieder.

Jetzt zählt es 170 Häuser mit 933 Einwohnern, unter denen sich noch viele Protestanten befinden, deren Zahl mit jenen in der Umgebung wohl 2 000 übersteigt. Sie haben hier einen Pastor und ein großes Bethaus mit schöner Orgel und einem trefflichen Altarblatte von dem vaterländischen Maler Stark. Die katholische Kirche zum heiligen Achaz ist ein altertümliches Gebäude, mit guten alten Gemälden im Innern und an der Außenseite. Außerhalb Schladming steht nördlich, gegen die Ramsau zu, eine Pestkapelle zur Erinnerung an die Seuche, die im Jahre 1715 wütete. Auf einer Anhöhe die Ruine der sogenannten Burg, nach Einigen ein ehemaliges Staatsgefängnis, nach Anderen ein Pulverturm aus jener Zeit, wo die Bergknappen zu ihren Arbeiten noch häufiger des Schießpulvers bedurften.

Von Schladming aus lassen sich mehrere interessante Ausflüge, namentlich in das Untertal, in das Obertal und in die Ramsau unternehmen. Der erste derselben geht dem wilden Schladmingerbache, welcher der Enns zubraust, entgegen, am Kupferhammer und Säusenstein vorüber, in einer Stunde zu einem Fischerhause „zum Brucker" genannt, wo die beiden obgenannten Täler mit ihren Bächen zusammenstoßen. Hier gewinnen wir jene Ansicht bei Schladming, welche unser Künstler zum Vorwurfe seines Bildes in diesem Kreise gewählt hat. Sie ist von Süden nach Norden genommen und zeigt links die Hörner des Thor- und Dachsteines, rechts den Scheuchenspitz und in der Mitte die Gegend am Pass. Hier zieht sich das Plateau einer nicht sehr steilen Alpen trift in der Richtung gegen den Pass Mandling fort. Diese fetten Alpen sind von lauter Protestanten in einzelnen, weit auseinander stehenden Häusern, Hütten und Gehöften bewohnt.

Das gegenüberliegende Hochgebirge stellt sich von dieser Seite in seiner ganzen Ausdehnung und Erhabenheit besonders malerisch dar, während sich die Ramsau- und Brandalpentäler mit ihren unzähligen Hüttenauch von diesem höheren Standpunkt aus noch hinter den waldigen Vorgebirgen der Ramsauleiten verbergen.

Das letzte Haus des Dorfes Unterthal heißt „zum Detter". Von hieraus geht es unter immer wechselnden Ansichten bis zur Stelle, wo zwischen der Hinkeralm und der untern Steinwändalm der Seebach (die Riesach) hervorbraust, welcher oberhalb drei Abtheilungen, 150 Fuß hoch herabstürzend, den großartigsten Wasserfall des Landes bildet. Weiter hinauf entströmt der Bach, der diesen Fall bildet, dem gleichnamigen See, welcher eine halbe Stunde lang und etwa halb so breit ist. Er enthält köstliche Saiblinge.

In dieser Richtung findet auch der Aufstieg auf den Hochgolling statt, dessen Gipfel zuerst von baierischen Militärs und im Jahre 1817 von dem Erzherzoge Johann erstiegen wurde, und auf die Hochwildstelle, welche der Erzherzog am 19. August 1814 zuersterklomm. Der Weg ins Obertal geht über Pichl, durchs Breunecktal, das rechte Bachufer aufwärts, mehrere Alpen hinan zwischen dem Kamp und dem Kalkspitz hinüber, zu den beiden Giglachseen und von dort in vier kleinen Stunden am Landauer-See vorüber zu den Fabichlerlehen, von welchen aus sich dieser Ausflug mit jenem ins Untertal verbindet.

Der Ausflug in die Ramsau führt uns über die Enns, auf die nördliche Ramsauleiten, auf welcher die Ramsau mit ihren herrlichen Triften liegt. Sie ist vier Stunden lang, anderthalb breit und trägt auf ihrem Plateau 150 Häuser und 1 400 Einwohner, welche am Kulm ein gothisches Vikariatskirchlein zum heiligen Rupert, und seit 1783 auch ein protestantisches Bethaus haben. Auch hier erinnert ein Denkmal an die Pest, von welcher Viele durch Eingrabung in Dünger gerettet wurden. Aus dichter Waldung starret das öde Gemäuer der unheimlichen Katzenburg.

Sowohl von ihr, als von der Felsenkanzel am Stein, über welchen ein vielbetretener Weg nach Hallstatt im Traunviertel geht, gibt es mancherlei Sagen im Volke. Erstere soll ehemals kostbare, von Gnomen, Kobolden und feurigen Hunden bewachte Schätze bewahrt, letztere ein mächtiges Felstück, den Predigern der Lehre Luthers zur Kanzel gedient haben, von welcher herab sie ihre Anhänger zu festem Ausharren ermunterten.“

Stellt Johann Gabriel Seidl in seinen Beschreibungen Schladming allein als Mittel- und Ausgangspunkt seiner Wanderungen und Touren dar, so entspricht dies den einstigen Verhältnissen. Zu dieser Zeit war ja schon die nächste Umgebung des damaligen Marktes Bauernland, das nur durch Fuß- und einfache Fuhrwege erschlossen war. Heute ist die Dachstein-Tauern-Region in mehrere Tourismusgemeinden gegliedert, die trotz der gemeinsamen Interessen ein Eigenleben führen.

Die von Seidl geschilderte Gegend ist durch bequeme Verkehrswege erschlossen und bis in die Gipfelregionen durch moderne Aufstiegshilfen zugänglich gemacht worden. Trotzdem ist es nicht unangebracht wenn man mitten im Tourismustrubel im Herzen von Schladming einmal innehält und sich an Zeiten erinnert da Kriegsnot und Pest herrschten, Reittier und Pferdefuhrwerk das Straßenbild prägten, in denen die evangelische Kirche als die größte in der Steiermark errichtet wurde und Fresken noch die Außenwand der katholischen Kirche zierten sowie Flurbegriffe wie „Froschlacken“ und „Russenteich“ jedem Schladminger geläufig waren.

Findet man heute in der Fremdenverkehrsregionen in den Statistiken nach Kategorien, Bettenkapazität oder Auslastung in den Saisonen dargestellt, so gab es auch in früherer Zeit dort und da Beschreibungen einzelner Gegenden und Orte und ihrer Gastronomie. Diese Situationsbilder sind jedoch subjektiv und widerspiegeln die positiven oder negativen Erfahrungen des jeweiligen Berichterstatters oft in recht drastischer Weise. So findet man in der Reisebeschreibung von Johann Gabriel Seidl (1840), die Dachstein-Tauernregion nicht gerade freundlich dargestellt.

Das Volk gegen die Nordwestgrenze zu ist minder gesprächig und zutunlich als, das in den südlichen Bergen, wie man denn mitten unter den gemütlichen Bewohnern des Oberlandes nicht etwa gerade nur hier, sondern hin und hin auf manche Patrone, namentlich in Wirtshäusern, stößt, die, wenn sie die ersten wären, denen ein Fremder begegnet, ihm eben nicht die günstigste Meinung für den Volkscharakter einflößten. Wer das Unglück hat, als Fußreisender so abends in ein Wirtshaus zu kommen, wo der stämmige Wirt halb duselig und nichtstunselig im Stuht liegt, kaum des Gastes Gruß erwidernd und, weit entfernt,die eignen Beine in Bewegung zu setzen, es kaum der Mühe wert findet, seine Hausleute durch ein lautes Kommandowort anzutreiben – der muß in der Tat höchst phlegmatisch oder höchst müde sein, wenn er dem vierschrötigen Bengel nicht fluchend den Rücken kehrt und seinen Wanderstab auf gut Glück weitersetzt."

Quellen