Sozialgeschichte der Schladminger Bergknappen

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Dieser Artikel bringt Beiträge aus der Sozialgeschichte der Schladminger Bergknappen.

Einleitung

Ähnlich wie die Stadtgemeinde Schladming und die Gemeinde Ramsau am Dachstein hat schon vor längerer Zeit auch die Gemeinde Rohrmoos-Untertal unter Bürgermeister Peter Pilz den Beschluss gefasst, eine Lokalgeschichte des Gemeindegebietes unter Mitarbeit verschiedener Fachleute für die einzelnen Bereiche herauszugeben. Entsprechend der Bedeutung des Bergbaues für Rohrmoos-Untertal, in dessen Gebiet sich ja die wichtigsten Lager- und Abbaustätten der Erzschätze der Schladminger Tauern befanden, wird auch diesem Bereich durch die Mitarbeit namhafter Fachleute breiter Raum gewidmet. Gerade die Geschichte und Sozialgeschichte des Montanwesens in den Abbauen der Schladminger Tauern steht auch in engem Zusammenhang mit der Geschichte Schladmings, so dass es sicher angebracht ist, auf bekannte oder weniger bekannte Details dieser Entwicklungen und Tatsachen hinzuweisen. Neben dem Experten für die Lagerstättenkunde der Schladminger Tauern, Min.-Rat Dipl.-Ing. Alfred Weiß, wurden auch durch den Lokalhistoriker Walter Stipperger bisher unbekannte Einzelheiten aus der Zeit der Blüte des Bergwesens im Schladminger Raum ans Tageslicht gehoben.

Das Leben der Knappen, die in den Bergbauen der Schladminger Tauern arbeiteten, war hart und entbehrungsreich. Nur allzuoft wird von den Fremdenverkehrsmanagern die Zeit als Schladming noch vom Bergbaugeschehen geprägt war, in einem romantischen Licht dargestellt. Vom „Knappenfrühstück“ und „deftiger Bergmannskost“ bis hin zum „Knappensteig“ mitten im heutigen Stadtgebiet von Schladming wird dem Gast unter dem Begriff „Tradition“ vieles geboten, was den Tatsachen in keiner Weise entspricht. Die folgende Darstellung über Leben und Arbeit der Bergknappen soll Einblicke geben in einen Berufsstand, der durch persönlichen Einsatz und Risiko wie kaum ein anderer getragen war.

Das Leben der Knappen

Dazu folgende Schilderung des Schladminger Gewerken J. Eyselsberg um 1818 unter welch schwierigen Voraussetzungen die Bergmänner ihrer Arbeit nachgegangen sind:

Die gemeine Klasse Menschen war vom Geiste des Bergbaues so sehr beseelt, daß dieselben weder Anstrengung noch Lebensgefahr abhalten konnte, sich ganz dem Bergbaue zu widmen. Die Knappen schleppten ihr nötiges Proviant und andere Lebensbedürfnisse sechs und mehr Stundenauf ihren Rücken zu dener öffneten Bergstoffen in das höchste Gebirg, wo alle Vegetation aufhört. Es waren die Arbeiter besonders im Frühjahre, weder beim Auf- und Abgang zur Stolle von Schneelawinen sicher und in größter Gefahr, ihr sauer gefristetes Leben zu verlieren. Unmöglich konnte der von den Gewerken den Knappen erteilte Lohn eine Aneiferung zur Arbeit hervorbringen, sondern es war das rühmliche Bewusstsein, dem Schoße der Erde etwas zu entnehmen, wodurch das Nationalvermögen einen Zuwachs erhält. Dieses Bewußtsein konnte dem Gewerken sowie den Knappen Tätigkeit und Aneiferung geben.

Die Wohnverhältnisse

Die weitläufigen Erzlagerstätten in den Schladminger Tauern erforderten naturgemäß eine große Zahl von Bergarbeitern, die entweder vor Ort oder in einer anderen Funktion in Verwendung standen. Der Überlieferung nach gab es rund 1 500 Knappen unmittelbar vor dem Schladminger Bauern- und Knappenaufstand 1525. Die Anzahl war aber durch die Abund Zuwanderung der Knappen auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen unterschiedlich. Besonders die Bergbauorte Gastein und Rauris wurden bei solchen Ortsveränderungen bevorzugt.

Sicherlich stand die Zahl der ständig vor Ort arbeitenden Bergleute in keinem Verhältnis zu den Wohnmöglichkeiten, die in den heute noch bekannten Knappenhäusern der Kohlgrube - an der Ramsauer Straße in Schladming gegeben waren. Diese Wohnstätten, wie sie heute noch zum Teil erhalten sind, wurden aber an Stelle von Altbauten errichtet, wie wir durch. verschiedene zeitgeschichtliche Ereignisse informiert sind.

Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts hat die k.k. Montangült Schladming zwei freie Grundparzellen in der Kohlgrube, auf denen „seit frühester Zeit“ Wohnhäuser für Bergarbeiter standen, gegen einen jährlichen Gelddienst (Zins) diesen zum Eigentum überlassen. Als eine architekturgeschichtlich wertvolle Quelle des fortgeschrittenen 18. Jahrhunderts bezeichnet W. Deuer die heute noch erhaltenen ehemaligen Knappenhäuser in der Ramsauer Straße Nr. 128 bis 138. Es sind dies Neubauten aus den Jahren 1774 bis 1785. Die Erbauer dieser Häuser gehörten den Berufsgruppen Bergknappe, Hutmann, Köhlermeister, Kobaltscheider und Bergwerksvorsteher an.

Leider ist der Gesamteindruck dieses Bauensembles in der Ramsauer Straße durch verschiedene Zu- und Umbauten im Laufe der vergangenen Jahre stark verändert worden. Die Bewohner der ehemaligen Knappenhäuser in der Ramsauer Straße mussten auch manche Schicksalsschläge hinnehmen, wie etwa die im Jahre 1716 in Schladming grassierende Pestseuche, von der die „Kohlgrube" besonders betroffen war. Aus einer Knappschaftsrechnung sind noch einige Hilfeleistungen aus dieser Zeit überliefert: „Für die eingesperrten Kollgrübler eine heilige Meß lesen lassen …, den in der Kollgruebn eingesperrten, verlassenen Pergsleut, Weib und Khindern hinuntergeben ¼ Pfund. Pulver (Medikamente), ein Achtl Weiz, 6 Khörzen ..., dem Pader für hinuntergegebene Medikamenter ..., den Ziehknechten (die mit Stangen und Haken die Pestleichen aus den Häusern entfernen. mußten) eine viertel Khanne Wein ...

Eine Brandkatastrophe in der Nacht des 13. Juni 1741 erfasste mehr als 20 Häuser und richtete im Bereich der „Kohlgrube“ besonders großen Schaden an. Die Brandruinen konnten nur teilweise wieder bewohnbar gemacht werden, da zum vollständigen Wiederaufbau der Häuser das Geld fehlte.

Neben dem Wohnbereich in der Kohlgrube gab es um die Mitte des 17. Jahrhunderts auch mehrere von Knappenfamilien bewohnte Häuser in der Griesgasse, Parkgasse und Martin-Luther-Straße. Es wohnten aber auch viele Knappen bei Bauern im heutigen Gemeindegebiet von Rohrmoos-Untertal.

Die Lebensmittelversorgung der Knappen vor Ort

Die weite Entfernung von den Wohnstätten der Knappen zu den Bergbauen erforderte oft einen Anmarsch von sechs bis sieben Stunden. Daher war es üblich, dass für jeweils 14 Tage eine Unterkunft in behelfsmäßigen Quartieren in unmittelbarem Bereich der Arbeitsstätten bezogen wurde. Hernach verbrachten die Knappen wieder ein freies Wochenende zuhause. Die Arbeitszeit war für die Wintermonate von 8 bis 16 Uhr festgelegt im Sommer dürfte sie wohl etwas länger gedauert haben. Die Bezahlung erfolgte entweder im Akkord- oder durch Zeitlohn.

Die Verproviantierung der Bergarbeiter wurde durch das „Handelhaus“ in Schladming erbracht, das von der Knappschaft-Bruderlade geführt wurde. Hier wurden Lebensmittel in größerer Menge eingekauft und dann den Knappen zur Verfügung gesteIlt. Dadurch erzielte man gleichbleibende Preise, die auch eine Stabilität in der Löhnung der Knappen ermöglichte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts ist bekannt, dass sich vier Schladminger Bäckereien zu einer Liefergemeinschaft für die Verproviantierung der Bergknappen zusammenschlossen.

Soziale Streiflichter aus den Knappschaftsrechnungen

Die in Schladming wohnhaften Bergarbeiterfamilien hatten die Möglichkeit, kleine Gemüsegärten von der Bergwerksgesellschaft gegen einen Jahreszins von zehn Kreuzern zu pachten. Über den Bestand dieser „Brudergärten“ sind wir erstmalig 1593 durch den Kauf eines Grundstückes „in der Höppin“ am Pichlhof (im Bereich des alten Schwimmbades), den die Bergwerksgesellschaft tätigte, informiert 1595 erfolgte ein weiterer Ankauf eines Grundstückes am Pichlhof, der ebenfalls zu Krautgärten aufgeteilt, an Knappenfamilien verpachtet wurde. Weitere „Brudergärten“ entstanden 1653 durch den Kauf eines Ackers vom Bäcker Marti Haid.

Die Jahresrechnung der Schladminger Knappschafts-Bruderlade von 1775/76 bringt über Zahl und Standorte der Knappengärten nähere Angaben: 40 Gärten befanden sich am „Schieferstein“, 34 in der „Langgassen“ und 21 in der „Höppin“.

Schieferstein und Langgassen sind im nordöstlichen Teil der Stadt hinter dem Stadtgemeindeamt gelegen und die „Höppin“ – ein alter Flurname, der auf ein Feuchtareal mit Kröten hinweist - lag im Bereich des ehemaligen Schwimmbades am Pichlhof.

Offensichtlich hat sich das Zusammenleben der Knappenfamilien nicht immer in völliger Eintracht abgespielt, denn wie aus der oben erwähnten Jahresrechnung der Knappschafts-Bruderlade zu entnehmen ist, wurden auch Strafgelder von den Knappen für „Raufhändel“ kassiert. Ob der Nachtwächter und die „Patrouillen“, die in der vorhin zitierten Jahresrechnung unter den Ausgabeposten genannt sind, im gesamten Marktbereich im Einsatz waren, oder nur für die Bewachung der Knappenhäuser, Schmelzhütten und Brudergärten zuständig waren, ist nicht bekannt.

Bruderlade, Gnadengelder, Knappenspital

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Bezahlung der Bergleute entweder im Akkordlohn oder durch Zeitlohn erfolgte. Darüber hinaus gab es aber noch eine Art Sozialversicherung für die Knappen durch die „Bruderlade". Die finanzielle Grundlage dieser Bruderlade bildete die regelmäßige Einzahlung eines bestimmten Teiles des Lohnes, anfänglich meist eines Pfennigs pro Woche, später waren es meist drei Kreuzer vom Gulden Verdienst. Dazu kamen Widmungen, Kapitalserträge und Strafgelder. Später findet man in den Abrechnungen der Bruderlade unter anderern auch Zahlungen für verunglückte Bergleute, für Kranke, Arztkosten und Hilfen für sonst in Not geratene Mitglieder.

Neben den Geldern der Schladminger Knappschafts-Bruderlade, die von den „Brudermeistern“ verwaltet wurden, gab es auch „Gnadengelder“. Diese Gelder stammten vom Verkauf eines am Pichlhof von Ferdinand Freiherrn von Grünbühel und Strechau 1594 gestifteten Spitals für kranke und arbeitsunfähige Bergleute. 1599 wurde das Haus wegen seines „lutherischen Charakters“ (Gegenreformation!) konfisziert. Es wurde um 2.000 Gulden an Ferdinand Zechenter von Zechentgrub verkauft und von der steirischen Landschaft bestimmt, dass sechs Prozent der Kaufsumme (120 Gulden) alljährlich „zur Unterhaltung der Schladmingerischen Armen und schadhaften Bergsleute“ zu verwenden seien.

Einige Beispiele aus Gnadengeldrechnungen der Jahre 1636 bis 1641 lassen erkennen, wie gefahrvoll die Arbeit der Bergleute war und wie karg oft die finanzielle Hilfe war, die den in Not geratenen Knappen und deren Familien zuteil wurde.

Dem Simon Reiter, hundert Jahr alten perchsmann, der ob seiner Schwachheit kainer Arbeit mer nachgehen kann, haben wir Brudermaister wochentlich 20 Kreuzer gereicht ... dem Gregori Gelln schwachsichtigen und armen perchsmann in seiner Khrankheit zu ainer Labnus gegeben ... dem Hannß Kalcher, Pergsarbeiter im Theositzkahr, als in der Gruebn ain Wandt herdangfalln ist, hat ihm den rechten Fueß zerdruckht und zerschmödert ... dem Lienhard Mäzinger, Pader für Arztlohn ... dem Mert Zechmann alß ainem armen und krumpen perchsmann, weil er khainer arbeit mernachgehen kann ... der Anna Hopfgartnerin als ainer plinten armen Knäppin in der noth gegeben ... des Ulrich Innerbergers als gewesten alten perchsmann, seiner hinterlassnen armen witib in der noth gegeben ...“

An Stelle des ehemaligen Knappenspitals am Pichlhof bei Schladming wurde 1661 das Bruderhaus („Bruderlade“) zur Unterbringung kranker Bergleute sowie von Witwen und Waisen, die keine Unterkunftsmöglichkeit hatten, errichtet.

Im Jahre 1909 verkaufte die „Bergwerksgesellschaft zu Schladming" das Haus, in dem heute das Stadtmuseum untergebracht ist, an die Marktgemeinde Schladming.

Quelle