Poetry Slam Aich

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Die Bühne mit Markus Köhle bei seinen "einleitenden" Sätzen (und Sprüngen), 2011
Markus Köhle beim 2. Poetry Slam 2010
Slamer Stefan Abermann, 2011
Slamer Tschief, 2011
Slamer Christian Schreibmüller, 2011
Slamer Jörg Zemmler, 2011
Slamer Jörg Zemmler, Sieger 2010
Slamerin Linda Madita, 2011
Slamer Simon Cazanelli, 2011
Slamer Jimmy Land, 2011
Slamerin Mieze Medusa, 2011
Slamer Mario Tomic, 2011

Der Poetry Slam Aich ist eine Veranstaltung im Rahmen der Aicher Herbst-Kultur in der Ennstaler Gemeinde Aich-Assach.

„Schwimmwindel“ oder „Alles ist möglich, aber nicht gleich wahrscheinlich“ – 3. Poetry Slam 15. Oktober 2011

Der Ort – die „Location“

Wer meint, Kultur spiele sich nur den Städten Österreichs ab, dem sei ein Besuch in der kleinen Ennstalter Gemeinde Aich-Assach empfohlen, genauer gesagt in der Halle der Fleischhauerei von Andrea und Pepo Zefferer in Aich. Ein wärmendes Feuer vor dem Eingang vertrieb die Kühle des Abends am 15. Oktober 2011, drinnen waren Biertischbänke und in den ersten beiden Reihen rote, wahrscheinlich Fleischerkisten als Sitzgelegenheiten aufgestellt – alle mit, ich sag dazu mal „Ennstaler Filzloden“ als Sitzunterlage belegt. Auf der linke Bühnenseite stand eine lebensgroße Stierplastik, auf der rechte Seite werkte die Pop-Rock-Gruppe Broken Gravity aus Weißenbach bei Haus, der Nachbargemeinde, umgeben von einigen Stapeln Fleischerkisten. Die Halle füllte sich mit gut 200 Zuhörern aller Altersklassen, die einen haben ein Glas Wein in der Hand, andere ein Flaschl Bier.

Die Sache – der Poetry Slam

1986 wurde diese Art von Wettbewerb in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Chicago, entdeckt. Dieser Dichterwettstreit (to slam = jemanden schlagen, jemanden niedermachen) ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. In Aich waren dazu fünf Minuten Zeit je „Slamer“. Verkleiden und Singen ist dabei nicht erlaubt. Die Zuhörer küren durch die Intensität ihres Applauses oder Geschrei anschließend den Sieger. Erlaubt ist, was gefällt, auch mal als Rap. Das ist ein Sprechgesang, Teil der der Hip-Hop-Kultur. Und natürlich auch Comedy-Beiträge.

In Aich waren neun Slamer am Start, die in der Vorrunde jeweils zu zweit bzw. ein Dreierpaar gegeneinander antreten mussten. Die vier aus der Vorrunde kamen ins Finale.

Der Organisator – Heinz Leitner

Heinz Leitner, der in Schladming mit der AHA Ideenwerkstätte Werbeagentur tätig ist, organisierte diesen absolut kreativen Dichterwettstreit. Er will damit Impulse in der Region setzen und hofft, dass diese Art der Kunst auch im Ennstal Fuß fasst. Vielleicht, so meinte Leitner, wäre es ja eine Idee für Ennstaler Schulen, solche Wettbewerbe zu veranstalten und zu fördern.

„Mund auf, Wort raus“ – der Moderator des Abends: Markus Köhle aus Nassereith, Tirol

Markus Köhle, selbst Slamer und Organisator eines Poetry Slams in Innsbruck, war die verbindende „Würze“ der Auftritte der Slamer. Mit Humor und gekonnter Zusammenfassung der Beiträge übte er immer wieder mit dem Publikum das „richtige Bewerten“ der Beiträge. War er sich nicht sicher, wer nun mehr Applaus erhalten hatte, ging es in eine zweite „Abstimmungsrunde“.

„Broken Gravity“

Die junge, erst im Herbst 2007 gegründete Band aus der Nachbargemeinde, verband einzelne Ansagen des Moderators mit Jingles, die allesamt „cool“ waren. Nach der Pause verwandelte sich die Rock-Pop-Band gekonnt in einen Steirische Musikgruppe mit Holzklappen, Ziehharmonika und Gitarre, um auch in diesem Genre mit kurzen Stücken ihr Können zu demonstrieren.

Die Teilnehmer – Der Wettbewerb

Was um 20 Uhr begann und erst gegen Mitternacht unter tosendem Applaus endete, begann mit der Auslosung der Reihenfolge der Slamer. Zunächst loste Markus Köhle die erste Runde aus, „Glücksfee“ war dabei die „Manuela“ männlichen Geschlechts, mangels einer Freiwilligen weiblichen Geschlechts.

Der Wettbewerb - Runde eins

Stefan Abermann „Die italienische Sprache“

Stefan Abermann aus Innsbruck eröffnete den Abend mit einem Italienischkurs an Hand einer Verpackung der Tiroler Milch. Mit den darauf befindlichen Worten ging er selbstsicher in Italien in ein Restaurant, schleuderte mit Verpackungshinweisen um sich und wurde fast des Hauses verwiesen. Hätte ihn nicht Herr Barilla an seinen Tisch gebeten. Dieser hatte seinen Sprachschatz von der Nudelpackung des italienischen Herstellers Barilla erlernt. An seinem Tisch saß bereits Herr Panettone aus Monaco (München), der seinerseits sein Vokabular von der Verpackung der Mailänder Kuchenspezialität hatte. Das muntere Treffen endete mit der Frage des Einen: „Wann kommst du wieder?“ was der Tiroler mit „Siehe Deckelfalz“ beantwortete. Er schaffte es mit seinem Beitrag, ins Finale zu kommen.

Tschief „Grias Aich“

Tschief aus Wien, ein schon nicht mehr ganz so junger Slamer mit Pferdeschweif, versuchte es mit Ennstaler Dialektsätzen wie „Grias Aich“, „Dank‘ Aich“ oder „schen, dass i wieder bei Aich sein darf in Aich“. Sein zweiter Beitrag innerhalb der fünf Minuten hieß „Tramtatam“ und spielte im Wiener Milieu, etwas ins Ordinäre abgleitend.

Christian Schreibmüller „Gedichte über Frauen“

Der 31 Jahre lang verheiratete Wiener mit wallendem Bart brachte Gedichte, die mehr von der Begierde der Männer nach Sex handelten als über Frauen und waren eher flau. Es folgte ein weiteres „Liebesgedicht“ mit Sätzen wie „als altes Küchenmesser wäre ich noch scharf auf dich“.

Jörg Zemmler „Im Grunde ist doch alles ganz einfach“

Der gebürtige Südtiroler aus Bozen, der in Wien lebt und Gewinner des letztjährigen Poetry Slam in Aich, ließ wieder die Lachmuskeln verkrampfen. Nicht wiederzugeben, weil so schnell und pointiert vorgetragen, der Zusammenhang zwischen einem Veganer, der seine Großmutter mit seinen gezüchteten Kartoffeln isst, die ihm einst Kuchen mit Zimt machte und jetzt unterm Kartoffelacker ruht oder von den Problemen am Gehsteig, wenn sich „ein Rechtsausweicher“ und „ein Linksausweicher“ begegnen, welche Probleme entstehen, wenn sich einer von zwei Socken verfärbt durch Waschen oder was ein Historiker für Probleme bekommt, wenn er für die Zukunft sich sorgt. „Im Grunde ist doch alles ganz einfach“ schaffte es auch einfach ins Finale zu kommen.

Linda Madita „Wurscht“

Das Küken des Abends aus Schwechat brachte einen sehr guten, tiefen Text über ein junges Mädchen, das täglich bei der U-Bahnstation von einem Burschen verliebt angestarrt wird. Sie sinniert darüber, was er ihr alles schenkt, was sie aber alles nicht braucht, was „eh wurscht“ wäre; was für sie zählt, wäre ein im Gras liegen im Park und gemeinsam in den Himmel schauen.

Simon Cazanelli „Hausarbeit“

Leifers in Südtirol ist die Heimat dieses Slamers, der in Graz wohnt. Und die drei wichtigsten Geräte der Hausarbeit „Klobürste, Staubsauger und Bügeleisen“ ließen die Tränen des Lachens über die Gesichter der Zuschauer kugeln. Er sprach von „den sieben Meeren, die sich von des Menschen Erleichterung nähren“ und vom „Pflügen der Scheiße des Klobesens in der Tiefe des Wassers“, „Klobesen, Staubsauger, Bügeleisen – diese Dreifaltigkeit will ich preisen!“ – mehr konnte sich der Autor dieses Beitrags nicht mehr notieren, weil ihn ständig Lachkrämpfe schüttelten.

Jimmy Land „Südsteiermark“

Der gebürtige Eibiswalder, der in Wien wohnt, setzte die Attacken auf die Lachmuskeln fort, teilweise in verständlichem „steirischen Bellen“, teilweise im tiefsten Eibswalder Dialekt. So erklärte er, dass die Südsteirer friedliche Menschen seien, die mit allen auskämen, auch mit den Slowenen – die hätten sie alle schon vertrieben… Für ihn ist es wichtig, dass die Städter bei ihm zu Hause noch eine intakte Natur vorfänden, so hätte er bereits Zeichnungen von Kindern gesehen, die Schweine viereckig zeichnen mit einem AMA-Gütesiegel drauf „so werden die Viecher ihrer Ehre beraubt!“ Sein sehr authentischer Beitrag war sozusagen der „Steiermark-Beitrag“ des Abends. Wir sahen ihn im Finale wieder.

Mieze Medusa „Man kann etwas bewegen auf dieser Welt“

Mieze Medusa, eigentlich Doris Mitterbacher, stammt aus Schwetzingen, Deutschland, lebte in Innsbruck, Linz, London und Wien, zählt zu den Größen in der österreichischen Hip-Hop- und Poetry-Slam-Szene, organisiert selbst Poetry Slams und war 2009 die erste Gewinnerin des Poetry Slams in Aich mit aufrüttelnden Texten und am “Tag der Empörung”.

Doch heute Abend meinte sie, „ergreifen wir die Macht, das Wort oder die Gelegenheit“, um so einiges auf der Welt zu bewegen. Dabei nahm sie die Wirtschaftsmächtigen ebenso aufs Korn wie die Politiker, „wir werden manipuliert“ – eine Persiflage auf die Politik. Beeindruckend ihre Ausdrucksart und die Geschwindigkeit der Worte. Daher muss man selbst hingehen und zuhören – Merken im Detail ist (fast) unmöglich. Dafür bot sie aber noch einen zweiten Beitrag dann im Finale.

Mario Tomic „Feuchtes Leben“

Der in Split, ehemals Jugoslawien, geborene Slamer konnte mit seinem doch sehr ordinären Beitrag nicht überzeugen. „Auch wenn man es mir nicht ansieht, ich habe ein Sexualleben“ begann der etwas stärker Gebaute seine fünf Minuten. Diese handelten von einem sich anbahnenden Sexabenteuer, vor dem er nochmals schnell aufs Klo gehen musste, das sich im Badezimmer befand. Details will ich hier ersparen, jedenfalls versaute er sprachlich das Badezimmer und auch sein sprachlicher Abgang war flau.

Die Pause – Spanferkel gab’s und Gespräche

Bürgermeister der Gemeinde Rohrmoos-Untertal, Hermann Trinker und seine Gattin Mag. Gertrud Trinker, waren ebenso wie der Autor dieses Beitrags, das erste Mal überhaupt bei einem Poetry Slam. Hermann Trinker, an diesem Abend privat, meinte aber aus der Sicht des Bürgermeisters, dass er sich so eine Veranstaltung durchaus auch in seiner Gemeinde vorstellen könne. Mag. Norbert Linder, von Linder & Gruber Steuer- und Wirtschaftsberatung GmbH aus Schladming, der als Sponsor einen Teil der Karten aufgekauft und an Freunde und Bekannte verschenkt hatte, war sichtlich begeistert. Seinem Drängen, diese Veranstaltung doch zu besuchen, ist es zu verdanken, dass sich der Autor dieses Beitrags von Anif bei Salzburg auf den Weg in das über 100 Kilometer entfernte Aich gemacht hatte.

Das Finale

Wieder suchte Markus Köhle vergebens nach einer weiblichen Glücksfee und musste sich wiederum mit einer männlichen mit Namen „Haraldine“ begnügen. Drei Männer und eine Frau traten also nun zur zweiten, entscheidenden Runde an.

Stefan Abermann „die Schönheit der Sprache“

Wieder war Stefan Abermann der Erste mit Beiträgen über „die Schönheit der Sprache“ über das inoffizielle Wort des Jahres 2011, der „Rohlingsspindel“, die Wiedergeburt eines unsinnigen Wortes. Aber was dann folgte, war ein Wortspiel erster Klasse: „Die Schwimmwindel – ein Loblied!“. Da war die Rede von einer „Hollywoodschaukel, die in den Schritt geschmiedet ist“, um den Gang des Kleinkindes breitbeinig zu machen, was vielleicht aber auch „sieh‘ her, ich kann trotzdem gehen“ bedeuten könnte; „ich halte dicht, sagt die Schwimmwindel“, „mobile Latrine“ oder „um ihre Hüften hängt ein Partner, auf den sie bauen können!“ ließen das Publikum immer wieder in Lachanfälle versinken.

Jimmy Land „der optimale Slam-Text“

Dieser optimale Slam-Text war in hochdeutsch über sich selbst, aber leider eher unmelodisch und auch inhaltlich ein Abfall gegenüber seinem ersten Text, wenngleich er wieder hervorragend vortrug und seine Mimik und Gestik trefflich einsetzte. So begann er schon während des Jingles von „Broken Gravity“ mit einer Tanzeinlage.

Mieze Medusa „Alles ist möglich, aber nichts gleich wahrscheinlich“

Diesen Text hatte Mieze Medusa erst am Vorabend des Poetry Slam in Aich wieder hervorgeholt. Sie meinte, das sei der Text der Texte, das sei schlicht und einfach der Hammertext. Also begann sie „über unsere Taten, die wir nicht taten, also unsere Untaten“ zu berichten, was in der Aussage gipfelte, die Welt ginge nicht unter. Es war eine Abfolge von inhaltlich und sprachlich gesetzten Pointen, Satzgestaltungen und Wortspielen, einfach genial.

Jörg Zemmler „Es gibt Äpfel“

War es Zufall oder Absicht, der Beitrag Zemmlers, der ja aus einem Apfelland stammt – rund um Bozen gibt es ausgedehnte Apfelplantagen – war wirr, irgendwie inhaltslos, fast Pointen-los. Aber vielleicht wollte er nach seinem Vorjahressieg diesmal jemanden anderen gewinnen lassen. Ein einziger Satz blieb mir in Erinnerung „Dass keinem hier die Aufmerksamkeit apfelt [abfällt]“.

Und der Gewinner ist…

… nicht so einfach ermittelt worden. War in der ersten Abstimmrunde noch ein Unterschied zwischen den beiden dann ex aequo Drittplatzierten zu den beiden anderen zu hören, war trotz mehrere Abstimm-Klatsch- und Schreiphasen einfach keine Entscheidung zwischen Erst- und Zweitplatzierten festzustellen. Also entschied Markus Köhle routiniert und salomonisch:

Dritte ex aequo wurden Jimmy Land mit „Südsteiermark“ und „der optimale Slam-Text“ sowie Jörg Zemmler mit „Im Grunde ist doch alles ganz einfach“ und „Es gibt Äpfel“. Als verdiente Sieger ex aequo, die ein Wochenende in Aich mit ihrem Partner gewannen, wurden Mieze Medusa mit „Man kann etwas bewegen auf dieser Welt“ und „Alles ist möglich, aber nichts gleich wahrscheinlich“ sowie Stefan Abermann mit „Die italienische Sprache“ und „die Schönheit der Sprache“ unter tosendem Applaus gefeiert.

Für alle Teilnehmer gab es noch ein aus Holz geschnitztes, an einem bunten Band befestigtes Herzerl sowie ein „Bschoadpackerl“ (Jause in einem karierten Tuch eingepackt und an einem Nussstaudenstecken angehängt).

Fazit eines „Ausländers“

Was an diesem Abend in Aich geboten wurde, war hervorragende (Dichter)Kunst, die in der Bevölkerung offensichtlich schon ein großes Stammpublikum hat. Daraus schließe und rate ich, sich rechtzeitig im kommenden Jahr die Eintrittskarten zu sichern!

Quelle