Pocken-Epidemie Kleinsölk 1887

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Eine Pocken- (Blattern) Epidemie grassierte im Juni und Juli 1887 in Kleinsölk.

Überblick

Von der Epidemie waren zwei landwirtschaftliche Anwesen betroffen, nämlich das vlg. Lechner und das vlg. Lackner, wobei in beiden Häusern je vier Menschen der Krankheit erlagen.

Beim vlg. Lechner erlagen der Krankheit:

am 8. Juni 1887 Maria Stücklschwaiger (ledige Magd, 31 Jahre);
am 30. Juni 1887 Agatha Zismayer (geb. Stücklschwaiger, Bäuerin vlg. Lechner, 25 Jahre);
am 2. Juli 1887 Roman Stücklschwaiger (uneheliches Kind der † Agatha Stücklschwaiger, 5 1/2 Jahre);
am 11. Juli 1887 Helena Ebenschweiger (verwitwete Taglöhnerin, ehemalige Bäuerin vlg. Zörweg, 56 Jahre).

Beim vlg. Lackner erlagen der Krankheit:

am 6. Juli 1887 Maria Preitler (eheliches Kind des Peter und der Aloisia Preitler, Taglöhners vlg. Lackner, acht Jahre);
am 13. Juli 1887 Aloisia Preitler (verehelichte Taglöhnersgattin, 33 Jahre);
am 16. Juli 1887 Viktoria Berger (ledige Taglöhnerin, 62 Jahre, erlitt einen Schlaganfall);
am 25. Juli 1887 Franciska Pürcher (ledige Magd, 26 Jahre);
am 26. Juli 1887 Friedrich Pürcher (uneheliches Kind der † Magd Franciska Pürcher, zehn Tage).

Die Verstorbenen wurden aus Angst vor weiterer Ansteckung binnen kürzester Zeit beerdigt, meist noch am selben Tag und ohne jegliche Zeremonie. Vom Kirchenplatz nach der Einsegnung direkt in den Friedhof.

Chronik der Pfarre Kleinsölk aus dem Jahr 1887

Zitiert in Originalschreibweise:

[1887.] Heuer hatten wir auch eine sehr böse Heimsuchung an den Blattern, welche während des Juni und Juli hier beim Lechner und Lakner wütheten und in jedem dieser beiden Häuser 4 Opfer forderten. Sie wurden durch die Lechner-Tochter Maria Stücklschwaiger von Assach her, da sie dort bedienstet war, eingeschleppt, griffen sehr gierig um sich, so daß eine große Angst unter der Bevölkerung entstand, da jeder davon Ergriffene schon von vorneherein als ein Opfer des Todes betrachtet werden mußte. Bedenkt man die geringe Bevölkerungszahl der Pfarre die jährlich so geringe Durchschnittszahl der Leichen und den kleinen Zeitraum, innerhalb welches die Blatternkranken starben, so erscheint die Zahl derselben wahrlich als eine erschreckend große, zehn Personen waren im Ganzen erkrankt und davon kamen nur 2 mit dem Leben davon (1 hievon war ungeimpft); die Verstorbenen waren sämtlich ungeimpft. Bei der heurigen Impfung wurden daher (bis auf 1) alle Impflinge zum Impfen gebracht, auch viele Erwachsene ließen sich impfen, während in den frühen Jahren der Arzt fast Niemanden zu impfen hatte!

So sehr waren die Leute durch die Blattern ins Bockshorn gejagt! Auch wichen sie den verseuchten Häusern aus wie der Teufel dem Weihwasser oder verkehrten (wenn sie den Kranken Lebensmittel, Medizin etc. brachten) nur durch laute Zurufe aus der Ferne mit deren gesunden Bewohnern. Der junge Bauer Lechner kam in arge Verlegenheit, da er fast die ganze Vieh- und Feldarbeit eine Zeit lang allein besorgen mußte. Auch der Lakner, ein armer Taglöhner, dessen Weib und 1 Kind an den Blattern starb, während zur selben Zeit seine Kindsfrau, die seine 3 übrigen unmündigen Kinder besorgen sollte, vom Schlage getroffen wurde – kam in eine sehr bedauerliche Lage. Auch die vorgeschriebene, einfache Begräbnißweise der Blatternkranken machte einen deprimirenden Eindruck. Ohne Sang und Klang, ohne Bahrtuch und Kruzifix wurden sie vom Kirchplatze zum Grabe getragen (Weihrauchfaß und Weihwasser mußte ich allein tragen). Gewöhnlich führte der Lechner die Todten auf einem Wagen her und wurden sie dann von ihm und dem Graber (in der Truhe natürlich wohl) allein auf dem Schragen in den Friedhof getragen, nachdem die 1. Einsegnung auf dem Kirchplatz stattgefunden hatte. Ich hätte mir der Leute halber nicht getraut, die Ministranten zum Läuten etc. beizuziehen. Das lezte an Blattern Gestorbene war ein 10 Tage altes lediges Kind, dessen Mutter, vor Ausbruch der Epidemie, auch noch zu allem Ueberfluß sich beim Lakner angesiedelt hatte. Sie war einige Tage vor dem Kinde gestorben. Gott behüte uns in Zukunft vor einer solchen Prüfung!

Unter den an Blattern Verstorbenen befand sich auch die junge Lechnerin, die, obwohl erst seit November 1885 verheirathet, sich durchaus von ihrem Manne scheiden lassen wollte und bereits auch einige Zeit von ihm geschieden lebte beim Lakner. Es war ein höchst unerquickliches Verhältnis zwischen Beiden. (ipsa erat ad ultera – maritum accusabat avaritiae et rusticitatis), skandalös in der ganzen Gegend und für mich ein wahrer Herzenskummer. Es wurde auch wirklich beim Ordinariate die Scheidungsklage anhängig gemacht, jedoch nicht der Scheidungsproceß von demselben inscenirt, sondern nur eine Scheidung ad tempus bewilligt (die diesbezügliche Zuschrift an mich ist im hiesigen Pfarrarchive). Da machte nun der liebe Gott selbst Mittel und Wege, um die Geschiedenen wieder zu vereinen. Nämlich sie mußte, an den Blattern erkrankt, ebenso wie ihre Mutter und 5 jähriger Sohn Roman, auf Befehl des Arztes aus ihrem sehr kleinen Stüblein im Lakner-Zu-Häuschen (welches wie das Lakner selbst der zeit dem vlgo Kolb gehört) in die geräumerigen Lokalitäten beim Lechner zurücktransportirt werden – nolens volens!- und dort starb sie auch nach einigen Tagen, aber, von Gottes Gnade getroffen, reuig, mit Gott und ihrem Manne versöhnt, nach Empfang der hl. Sterbesakramente. Wahrlich „Misericordia et veritas obviaverunt sibi..“ Ps. 84 dachte ich mir bei dieser wunderbaren Fügung Gottes!

Quellen

  • Chronik Pfarre Kleinsölk
  • Sterbematrik Pfarre Kleinsölk