Gewerkenhaus Schladming

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Gewerkenhaus Schladming

Das Gewerkenhaus in Schladming, auch "Reisinger- oder Flechnerhaus", wurde 1622 in Schladming erbaut. In den 1840er-Jahren diente es dem Bergbautreibenden Johann Rudolf Ritter von Gersdorff, der es am 23. Dezember 1841 vom Schladminger Bürger Florian Menner erworben hatte, sowie in Folge seinen Nachkommen als Wohnsitz.

Geschichte

Das Gebäude wurde nach dem Stadtbrand von 1618 vom damaligen Marktrichter Martin Reisinger errichtet. Von den aufwendig gestalteten Räumen ist eine Stube im ersten Stock, das Reisingerzimmer, erhalten geblieben, welche mit Intarsien[1] geschmückt wurde. Ein umlaufendes Schriftband mit geistlichen Sprüchen und Bibeltexten enthält den Hinweis: "Martin Raissinger hat dieses Zimmer also zieren und zuerichten lassen im 1622 iar". Eine Besonderheit stellen auch die beiden eingelegten, mit Sprenggiebeln bekrönten Türen und die getäfelte Holzdecke dar.

Der Gewerke Johann Rudolf von Gersdorff erwarb das "Reissingerhaus" am 23. Dezember 1841 vom Schladminger Bürger Florian Menner um 1.200 Gulden, um sich damit einen Wohnsitz für die Zeit nach seiner Pensionierung zu schaffen. Allerdings verstarb Gersdorff bereits ein Jahr nach seinem Umzug von Wien nach Schladming. Seine Tochter Flora, geborene Freiin von Gersdorff, und die Enkeltochter Pauline Flechner-Halm wurden schließlich in Schladming sesshaft. Rudolf Flechner vermerkt in seiner "Familienchronik": „In dem kleinen Familienkreise des Schladminger Gewerkenhäuschens herrschte meist heitere Stim­mung, wo seit 1855 meine Mutter mit meiner Schwester ihren ständigen Wohnsitz gewählt hatte.

Pauline Flechner ließ sich im "Reissingerzimmer" ein großes Fenster in den Raum fügen, um für ihre Malereien genügend Licht zu haben. Heute ist das Gebäude im Besitz der Familie Deubler.

Im Zuge der Restaurierung 2002 wurden die hochwertigen Intarsien wieder freigelegt. Diese verleihen dem Gebäude eine besondere kunstgeschichtliche Bedeutung. 2002 fand in diesen Räumlichkeiten die Ausstellung "Nickel im 19. Jahrhundert" statt.

„Ein bewegtes Alltagsleben“

In einer von Bergdirektor Rudolf Flechner, dem Enkel Johann Rudolf Ritter von Gersdorffs verfassten Familienchronik mit dem Titel „Ein bewegtes Alltagsleben“ beschreibt er auch das alte Gewerkenhaus, das vom Gersdorff im Jahre 1841 kaufte.

Mein Großvater hatte außer dem Bergbau und den Hüttenanlagen auch noch zwei Wohngebäude in Schladming hinterlassen. Ein großeres, von ihm erbautes Haus an der nordwestlichen Ecke des Marktplatzes und ein sehr altes Landhäuschen in einem südöstlich gelegenen Seitengäßchen. Ersteres Gebäude wurde nach seinem Tode von den Erben sofort verkauft und zwar an das k.k. Ärar, welches dort selbst das k.k. Bezirksgericht unterbrachte.

Hingegen das alte, von drei Seiten von einem Gärtchen umgebene kleine Landhaus wurde den übrigen vier Mitbesitzern von unserer Mutter (1856) abgekauft und gelangte nach dem Tode (1899) an meine Schwester und mich. Dieses nachgewiesen schon am Beginn des 16. Jahrhunderts bestandene Gebäude war meist von Schladminger Bergbaubesitzern bewohnt gewesen. Unmittelbar vor der 1842 stattgefundenen Besitzerwerbung durch meinen Großvater (v. Gersdorff) befand sich eine Gastwirtschaft darin. Beim „Weber Flori“ hieß es da.

Das stockhohe Gebäude umfasste zu Lebzeiten meines Großvaters mit seinem bewohnbaren Teil nur an 210 m². Im Süden schlossen sich ein kleiner ebenerdiger, in den Garten hineinragender Anbau und an der Ostseite ein solcher von etwa 160 m2 an, welche Anschlüsse aber nur Wirtschaftsräume von sehr untergeordneter Bedeutung enthielten.

In dem damals bewohnbaren Teil befanden sich ebenerdig zwei Wohnzimmer und eine Küche nebst Vorratskammer. Im Oberstock waren vier Zimmer nebst einem dazwischen liegenden großen Vorzimmer mit dem Stiegenaufgang. Das in der nordwestlichen Ecke gelegene Zimmer war im Jahre 1622 von Peter Reisinger, einem vermöglichen Bergbaubesitzer und durch einige Zeit auch Gerichtsvorstand im Orte, ausgetäfelt und mit vielen Inschriften versehen worden, welche Austäfelung auch noch heut ein gut erhaltenem Zustande fortbesteht. Aus der Konstruktion der Zimmerdecke und der Holzwand, welche den ausgetäfelten Raum von einem kleinen Zimmer trennt, geht deutlich hervor, dass diese zwei Räume vor 1622 eine Art von kleinem Saal bildeten. In demselben sollen zur Zeit der Bauernkriege (1525) die Führer der Bauernrotten ihre Beratungen gehalten haben.

Zur Zeit, als ich Schladming kennen lernte (1854) wurde dieses Haus allgemein „das alte Gewerkenhaus“ genannt. Auf den erwähnten ebenerdigen Anbau an der Südseite des Hauses baute sich mein Großvater ein überwölbtes chemisches Laboratorium, welches später unter Beseitigung des Gewölbes und Änderung der Fenster in ein freundliches Wohnzimmer (unser kleiner Besuchssalon) umgewandelt wurde.

Der das Haus von drei Seiten umschließende Garten wurde 1856 bis 1858 durch Erwerb von Nachbargründen auf etwa die dreifache Größe gebracht und die Gestalt und Beschaffenheit desselben in eine parkartige Anlage verwandelt, die durch Baum-, Strauch- und Blumengruppen, durch Bassin mit Springbrunnen sich bald einer Reihe schattiger und anmutiger Plätzchen erfreute.

Es wurden dann im Laufe der Jahre zur beabsichtigten Ergänzung der Wohnräume und Verschönerung der Außenseite des Hauses oftmals Projekte besprochen und zu mehreren derselben Entwürfe samt Kostenvoranschlägen von mir zu verschiedenen Zeiten ausgeführt. Umstände und widrige Verhältnisse ließen es aber zu keinerlei Ausführungen kommen, obgleich das alte, halbverfaulte Schindeldach, sowie in fast allen Wohnzimmern die arg abgenützten Fußböden dringende Verbesserungen und Änderungen verlangten.

Quellen

  • Flechner, Rudolf Ein bewegtes Alltagsleben,o.O.,o.J. (1877 - 1908), unveröffentlichte Handschrift
  • Nickel im 19. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, Schladming 2002.
  • Archiv Nickelmuseum Hopfriesen. Rohrmoos-Untertal.
  • Heimatkundliche Blätter von Schladming Nr. 41, September 2000, verfasst von Walter Stipperger

Fußnoten

  1. siehe Wikipedia Intarsie