Gesundheitswesen im Ennstal

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Dieser Artikel soll über die Geschichte des Gesundheitswesen im Ennstal berichten.

Allgemeines

Was für die Menschen des 21. Jahrhunderts selbstverständlich ist, war bis vor einem Jahrhundert teilweise undenkbar bzw. steckte noch in Kinderschuhen. Dazu zählt auch die medizinische Entwicklung. Das Gesundheitswesen lag in früheren Jahrhunderten nicht nur im Ennstal und den Seitentälern im argen, selbst in städtischen Ballungsräumen war es um das Wissen über Hygiene und Medizin schlecht bestellt. So kann man nachempfinden wie viel Leid und Ungewissheit, aber auch Aberglauben und Furcht eine Epidemie wie die Pest mit sich gebracht hat.

Geschichte

Aus der Zeit des steirischen Prinzen Johann und den Jahrzehnten danach stammen die ersten Überlieferungen und Aufzeichnungen über Kranken- und vor allem über Seuchenfürsorge in Schladming. Eine frühe soziale Betreuung von Kranken, Arbeitsinvaliden und Hinterbliebenen, gab es, wie wir wissen, für die Bergleute. Beitragsleistungen für die Bruderlade, wie diese Sozialfürsorge für die Knappen der Schladminger Bergbaue genannt wurde, sind archivalisch schon im allgemeinen seit dem 16. Jahrhundert bekannt.

Für die übrige Bevölkerung von Schladming gab es kaum eine Betreuung. Erst in den 1860er Jahren begann in der Kohlgrube - der heutigen Ramsauer Straße - eine Frau in einer kleinen Stube sich der Schwerstkranken und vor allem infektiös Kranker anzunehmen und sie hier zu pflegen. Später gab es ein besonderes Zimmer im alten Feuerwehrdepot am Talbach, wohin auch Schladminger mit schweren Infektionskrankheiten gebracht wurden. In der weiteren Entwicklung der Krankenbetreuung ist noch das Krankenzimmer im Bereich des evangelischen Pfarrhofes zu erwähnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Spital in den Räumen der ehemaligen Bürgerschule in der Coburgstraße errichtet und als dieses bald unter größtem Raummangel litt, ging man an den Bau des ersten Diakonissen-Krankenhauses. Ende des 20. Jahrhunderts war auch diese Institution schon überlastet und bedurfte dringend einer Erweiterung. Nach schwierigen Verhandlungen über den Standort eines neuen Schladminger Krankenhauses konnte 2006 der Neubau seiner Bestimmung übergeben werden.

Auch der Transport kranker oder verletzter Personen erlebte eine längere Entwicklung. Noch in der Zwischenkriegszeit war der Krankentransport der Feuerwehr anvertraut. Sie brachte in schweren Fällen die Betroffenen mit einer Räderbahre zum Bahnhof Schladming, von wo sie im Gepäckswaggon mit dem Schnellzug nach Rottenmann in das Krankenhaus gebracht wurden. Heute liegt der Transport von Kranken und Verletzten in den Händen des Roten Kreuzes, das mit modern ausgerüsteten Wagen und geschultem Personal Not- und Erstversorgungen vornehmen kann und so manches Menschenleben zu retten vermag.

Ebenso geändert haben sich auch die Verhältnisse beim Bergrettungsdienst. Es waren schon nach dem Ersten Weltkrieg Meldestellen eingerichtet worden, jedoch war es auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg für Rettungen in den Schladminger Tauern notwendig, dass der damalige Rettungsarzt Med. Rat Dr. Alois Vogl - wie vielleicht manche Schladminger wissen - mit seinem Motorrad, einer Puch 125, zur Weißen Wand oder ins Obertal fuhr und dort die Erstversorgung der Verletzten vor ihrem Abtransport vornahm. Heute bringt vor allem der Rettungshubschrauber schnellere Hilfe und nimmt den Bergrettungsmännern den schwierigen Abtransport der Verunglückten ab.

Schladminger „Ärzteprobleme“ im 18. Jahrhundert

Bei der Durchsicht des noch unbearbeiteten Archivmaterials zur Geschichte Schladmings und des steirisch-salzburgischen Ennstales im Steiermärkischen Landesarchiv fand sich auch ein umfangreicher Aktenbestand, das Sanitätswesenn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts betreffend.

Bekanntlich wurde damals der Beruf des Baders bzw. Chirurgen noch als Gewerbe ausgeübt und so kam es, dass nach dem Tod des Schladminger Wundarztes Joseph Gasteiger dessen Witwe noch eine Zeit lang – allerdings entgegen einer Hofverordnung vom 8. November 1763 - das Gewerbe ihres verstorbenen Gatten durch vorübergehende Einstellung von „Provisoren" weiter ausübte. Und gerade diese „Provisoren" waren es, die gleichsam ein Schlaglicht auf die ärztliche Versorgung der Bevölkerung der damaligen Zeit werfen.

Provisoren

Geringer Wochenlohn, wenig Fachkenntnise und nicht selten auch ein gerüttelt Maß an Liederlichkeit in Gemeinschaft mit Trunksucht veranlassten die Baderswitwe Gasteiger zu oftmaligem Provisorenwechsel.

So erregte z. B. der „nicht examinierte und unverständige Badergeselle Johann Georg Pöschl wegen seiner widersinnigen und unglücklichen Heilungen und wegen des noch an sich gehabten Fehlers der öfteren Betrunkenheit unter dem Publikum große Unzufriedenheit“. Seine baldige Entlassung war die Folge, worauf sich Anna Gasteiger um einen geschickten und examinierten Mann umsah, den sie auch bald in der Person des Sebastian Wasmer fand und anstellte. Aber auch sein Bleiben in Schladming zum Wohle der Kranken war von kurzer Dauer. Ihm folgte ein ebenfalls geprüfter aber „ganz gleichgültiger“ Badergeselle, der gleichsam über Nacht seinen Dienst wieder aufgab. Nun wurde unglückseliger Weise abermals der in der Schladminger Bevölkerung bereits unliebsam bekannte Georg Pöschl von der Baderswitwe Gasteiger in den Dienst aufgenommen. Pöschls Tätigkeit erregte unter der Bevölkerung immer mehr Unmut, bis durch einige ärztliche Missgriffe das Maß voll war. Pöschl hatte einen durch einen Sprengschuss verunglückten Bergmann und einen Holzknecht, der durch einen Holzstamm schwere Verletzungen erlitten hatte, „durch bloße Misskenntnis und Dummheit zu Krippeln kuriert und den hiesigen Hilfspriester Fischnaller, einen jungen verdienten Mann, in dem Moment außer aller Gefahr zu sein erklärte, als er ihn ohne Empfangung des hl. Sterbesakraments in dem Pfarrhof allhier in eine andere Welt schickte.“ In der an das Oberberggericht Vordernberg übermittelten Beschwerdeschrift der Substitution Schladming heißt es in diesem Zusammenhang weiter „diese Dacta waren zu auffallend, sie haben allgemeines Murren besonders unter dem Bergvolk verursacht.“

Also wandte sich die Baderswitwe Gasteiger an den „Herrn Doctor und Professor Wimmer in Graz um einen geprüften und geschickten Provisor. Sie war glücklich, von ihm den Herrn Franz Xaver Angola zu erhalten, der in der heuer so grassierenden rothen Ruhr, in anderen schon eingewurzelten, verzweifelten Krankheiten und anderen äußerlichen Unglücksfällen, sowie in der Geburtshilfe Beweise seiner außerordentlichen Geschicklichkeit, Kenntnis und unermüdlichen Eifer bei Armen sowohl als Vermögen den zu allgemeinem Trost der leidenden Menschheit abgelegt hat.

Im Jahre 1798 suchte die Berggerichts-Substitution Schladming beim Kreisamt Judenburg um die Erteilung des Rechtes zur selbstständigen Berufsausübung für Franz Xaver Angola als Bergchirurg im Bruderladenhaus an. In diesem Schreiben wird auf das hohe Ansehen Angolas bei der Bevölkerung hingewiesen und seine chirurgischen und menschlichen Vorzüge erwähnt: „Auch empfiehlt ihn seine ständige Nüchternheit, sein leutseliges Benehmen mit jedermann, besonders aber seine unverdrossen und allso gleich prompte Hilfe. Der Bauer Alpsteger, der, so verschiedenen Ärzten sich anvertraute, wurde von diesem geschickten Mann in seiner langwierigen hartnäckigen Krankheit geheilet. Die Bäuerin Eisbacher wäre sicher samt ihrem Kind in der Geburt drauf gegangen, hätte nicht dieser geschickte Mann mit der englischen Zange das Kind von der Mutter genommen und so beiden das Leben, so wie sie nun frisch und gesund sind, gerettet.

Obwohl Angola die Ausübung als Bergchirurg vom Kreisamt Judenburg genehmigt wurde, stellten sich bald andere Schwierigkeiten in den Weg, die ein weiteres Verbleiben Angolas in Schladming unmöglich machten und ihn zur Übersiedlung nach Obervellach bewogen. Es war die Unsicherheit seines Einkommens aus den Kassen der verschiedenen Berggewerkschaften, die in den Schladminger Tauern ihre Grubenbaue betrieben. Man versuchte zwar an vorgesetzter Stelle der Bergbehörde von Schladming aus für den Verbleib Angolas zu intervenieren, wies dabei darauf hin, dass durch seine ärztliche Kunst schon ca. 30 Personen „vom Tode gerettet“ wurden und er auch „in der Vieharzneikunst erwiesene Kenntnisse“ habe. Doch die Tatsache, dass die Berggewerkschaften „nach Maßgabe ihrer Laune alle Augenblicke die Zahlungen entzogen“, bestärkte Angola in seinem Vorhaben, nach Obervellach zu übersiedeln.

Einen letzten Versuch, doch in Schladming zu bleiben, unternahm Angola selbst mit einem Antrag an das Kreisamt Judenburg um Erteilung einer „Personalgerechtsame" (selbstständiges Gewerbe) in Schladming, der aber mit Schreiben vom 30. Juni 1798 mit der Begründung abgelehnt wurde, dass die Witwe Gasteiger ohnehin einen neuen Provisor eingestellt hat und für zwei Chirurgen in Schladming zu wenig Betätigungsmöglichkeit gegeben sei.

Einer Aktennotiz der Berggerichts-Substitution Schladming ist gleichsam als Schlusspunkt zu diesem unliebsamen Problem der ärztlichen Versorgung noch die folgende Feststellung zu entnehmen: „Leider ist das ganze Bergpersonal wieder der Willkür eines zwar examinierten, aber noch unpraktizierten, erst aus der Schule gekommenen jungen Menschen überlassen, wenn nicht in schweren Fällen der Cameral-Physikus von Aussee Dr. Ferweger geholt wird.

Quellen